GM: E-Plattform für die Zukunft

Auch General Motors plant eine multifunktionale Elektro-Plattform - und zieht sich aus weiteren Märkten zurück.

Die GM-Vorstandsvositzende Mary Barra präsentierte die neue Elektro-Plattform für die Zukunft. | Foto: GM
Die GM-Vorstandsvositzende Mary Barra präsentierte die neue Elektro-Plattform für die Zukunft. | Foto: GM
Gregor Soller

Das war bei der Präsentation der neuen E-Plattform noch nicht absehbar: Auch General Motors hat die Corona-Krise mit voller Wucht erwischt, so dass die Amerikaner vorsorglich rund 16 Milliarden Dollar an bestehenden Kreditlinien abrufen, um auf jeden Fall liquide zu bleiben. Dabei handelt es sich laut GM um eine proaktive Maßnahme, um in einem ungewissen Marktumfeld die Liquidität zu erhöhen und finanziell flexibel zu bleiben. Außerdem verfolge man laut GM-CEO Mary Barra  agressive Sparmaßnahmen. Das Problem der Autobauer: Ihre Ratings befinden sich schon wieder im freien Fall, was Geld für sie teuer macht.

Und das mitten in der Transformation der Marke, die erst kürzlich ihre neue E-Plattform vorgestellt hat, die künftig sämtliche Konzernmarken tragen soll. Dazu erklärte Mary Barra:

„Wir haben eine Mehrmarken- und Multisegment-Strategie für Elektrofahrzeuge aufgesetzt mit Skalierungseffkten ähnlich unserem Pick-up-Geschäft mit noch weniger Komplexität bei noch mehr Flexibilität.“

Um hier eine Stückzahl zu nennen: Die Pick-ups Chevy Silverado und GMC Sierra wurden 2019 gut 600.000 Mal gebaut und gehören damit zu den Top-Ten der Welt, was die Absatzzahlen für eine einzelne Baureihe betrifft. Außerdem muss man auch hier eine sehr flexible (Leiterrahmen-) Strategie fahren: Es gibt Einzel- und Doppelkabinen, Heck- und Allradantrieb, verschiedene Längen sowie Gewichts- und Leistungsklassen.

Das Herzstück der Elektrostrategie ist ein modulares Antriebssystem und eine hochflexible, globale EV-Plattform der dritten Generation, die von sogenannten „Ultium-Batterien“ angetrieben wird. Sie soll es GM ermöglichen, fast jeden Kunden zu bedienen, egal ob er nur ein erschwingliches Transportmittel, ein luxuriöses Erlebnis, ein Nutzfahrzeug oder einen Sportwagen benötigt. Deutlich amerikanischer äußert sich GM-Präsident Mark Reuss zu der neuen Plattform:

„Tausende von GM-Wissenschaftlern, Ingenieuren und Designern arbeiten an einer historischen Neuerfindung des Unternehmens. Sie stehen an der Schwelle zu einem profitablen EV-Geschäft, das Millionen von Kunden zufrieden stellen kann.“

Mit den „Ultium-Akkus“ will GM ganz vorn mitfahren

Besonders stolz ist GM dabei auf die „Ultium“ genannten Pouchzellen, die vertikal oder horizontal innerhalb des Batteriesatzes verbaut werden können. So kann der Akku für jedes Fahrzeugdesign optimiert werden. Die Kapazität reicht dabei von 50 bis 200 kWh, was Reichweite von bis zu 400 Meilen respektive 640 Kilometer und eine Beschleunigung von 0 bis 100 km/h in 3 Sekunden ermöglichen könnte. Die GM-eigenen Elektromotoren können Front-, Heck- und Allradantrieb. Die meisten Fahrzeuge werden laut GM über 400-Volt-Batteriepakete und eine Schnellladefähigkeit von bis zu 200 kW verfügen, während die „Truck“- Plattform über 800-Volt-Batteriepakete und eine Schnellladefähigkeit von 350 kW verfügen soll.

Der flexible, modulare Ansatz von GM bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen soll dabei zu erheblichen Skaleneffekten führen: Das Joint Venture von GM mit LG Chem wird die Kosten für die Batteriezellen auf unter 100 Dollar pro Kilowattstunde senken. Die Zellen verwenden eine firmeneigene Chemie mit niedrigem Kobaltgehalt. Laufende technologische und fertigungstechnische Weiterentwicklungen sollen die Kosten laut GM künftig noch weiter senken. Dazu soll auch die Nutzung vorhandener Ressourcen dienen: GM plant hier keine neuen Fabriken oder Entwicklungsstandorte.

Gleichzeitig wollen die Amerikaner die Komplexität drastisch reduzieren: Fahrzeuge und Antriebssysteme wurden so konzipiert, dass die Stromer weit weniger komplex bauen als herkömmliche Verbrenner. Man startet zunächst mit 19 verschiedenen Batterie- und Antriebskonfigurationen, verglichen mit 550 heute verfügbaren Kombinationen von Verbrennungsmotoren.

Dabei spielt GM die steigende Kundenakzeptanz in die Hände: Prognosen diverser Institute und von GM selbst gehen davon aus, dass sich das EV-Volumen in den USA von 2025 bis 2030 auf durchschnittlich etwa 3 Millionen Einheiten mehr als verdoppeln wird. GM glaubt, dass das Volumen wesentlich höher sein könnte, da mehr EVs in beliebten Segmenten auf den Markt kommen, die Ladungsnetze wachsen und die Gesamtbetriebskosten für die Verbraucher weiter sinken.

Wie VW kann man sich auch externe Kunden vorstellen

Außerdem plant auch GM, diese Plattform anderen anzubieten: Durch die vertikale Integration der Herstellung von Batteriezellen kann das Unternehmen über seinen eigenen Modelle hinausgehen und die Technologie an andere lizenzieren. Hier schielt man eventuell auf Tech-Riesen wie Google oder Apple oder Fahrdienste wie Waymo oder Uber. Oder auf Dienstleister oder Logistiker wie die Post oder ähnliche Unternehmen. Wie das gehen könnte, führte Amazon jüngst vor: Man beteiligte sich mit einer großen Summe am Start-up Rivian, das für Amazon die elektrischen Paketfahrzeuge bauen soll – womit man GM, Ford, FCA, Daimler und Co. die Tür vor der Nase zuschlug…

GM will von Anfang an Geld verdienen

Ganz wichtig für GM: bereits die erste Generation des zukünftigen EV-Programms von GM soll rentabel sein. Die Technologie soll so skaliert werden können, dass man bis 2025 auch viel mehr als eine Million Fahrzeuge weltweit verkaufen könne.

Gestartet werden soll noch 2020: Dann sollen Buick, Cadillac, und GMC neue EVs auf den Markt bringen. Kompaktmodell wird der neue Chevrolet Bolt, der Ende 2020 auf den Markt kommt, gefolgt vom „Electric Utility Vehicle“ Bolt EUV, das im Sommer 2021 folgen soll. Der Bolt EUV wird das erste Fahrzeug außerhalb der Marke Cadillac sein, das mit „Super Cruise“ ausgestattet ist, der ersten autonomen und damit laut GM „echten Freihand-Fahrtechnologie“ der Branche für die Autobahn, die GM bis 2023 auf 22 Fahrzeuge erweitern will. Davon sollen bis 2021 bereits zehn Modelle am Start sein.

Auf die Straße brachte GM die autonom fahrende Elektroplattform in Extremform bereits mit dem „Pod“ Cruise Origin. Dabei handelt es sich um ein autonom fahrendes elektrisches Gemeinschaftsfahrzeug, das im Januar 2020 in San Francisco der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Es war das erste Produkt, das mit der EV-Plattform der dritten Generation von GM und den Ultium-Batterien ausgestattet war. Man ist schnell mit Präsentationen, aber langsam mit der Produktion, denn: Schon im April 2020 wollte GM das das Luxus-SUV Cadillac Lyriq vorstellen. Die Enthüllung des GMC Hummer EV mit Ultium-Batterien sollte nach ursprünglichen Planungen am 20. Mai folgen. Doch die Produktion wird voraussichtlich erst im Herbst 2021 im GM-Montagewerk Detroit-Hamtramck beginnen, dem ersten GM-Montagewerk, das zu 100 Prozent der EV-Produktion gewidmet ist.

Trotzdem zieht sich General Motors aus weiteren Märkten zurück. Ab 2021 sollen Entwicklung, Produktion und Verkauf von Fahrzeugen in Australien und Neuseeland eingestellt werden, womit die  Marke Holden ab 2021 Geschichte ist. Denn laut Vorstandschefin Mary Barra wolle man sich auf Märkte konzentrieren, wo man die „richtige Strategie für gute Gewinne“ habe. GMs Problem: Diese Märkte werden immer weniger, denn auch in China fahren die GM-Marken stärker rückwärts als andere. Laut GM-Präsident Mark Reuss habe man verschiedene Möglichkeiten untersucht, um das Geschäft von Holden weiterzuführen, aber die nötigen Investitionen für den weiteren Bau von rechtsgelenkten Fahrzeugen wären zu hoch gewesen. Bereits 2017 endete die australische Produktion und Holden importierte verschiedene Modelle von GM und Opel. Aber auch in Thailand zieht man sich zurück: Das dortige Produktions- und ein Motorenwerk verkauft GM an den chinesischen Konzern Great Wall. Bis Ende 2020 wird der Vertrieb von Chevrolet in Thailand eingestellt.

Was bedeutet das?

Auch GM plant einen extremen Schwenk hin zur Elektromobilität und orientiert sich in seiner Konsequenz an Volkswagen. Das Problem von GM: Die Marke ist in vielen Märkten gar nicht mehr präsent! Nachdem man sich aus Europa und Russland weitgehend verabschiedete, plant man mittlerweile auch, Australien und Thailand zu verlassen, womit GM nur noch in China sowie in Nord-, Mittel- und Südamerika präsent ist. In Europa laufen Cadillac und die wenigen Chevrolet Camaro und Corvette mittlerweile als absolute Exoten im Dienstwagengeschäft.   

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