Globale Neuzulassungen E-Autos: Deutschland rückt vor auf Platz 2

Nach Auswertung des ZSW zieht die Bundesrepublik bei den E-Auto-Neuzulassungen auf Platz 2 und überflügelt die schwächelnde USA. Größter Markt bleibt China. Dennoch brauche es mehr Dynamik.

Aufholjagd: Deutschland kommt langsam aus den Puschen in Sachen E-Mobilität und zieht an den USA vorbei, die nach der Trump-Blockade sogar rückläufig sind. | Grafik: ZSW
Aufholjagd: Deutschland kommt langsam aus den Puschen in Sachen E-Mobilität und zieht an den USA vorbei, die nach der Trump-Blockade sogar rückläufig sind. | Grafik: ZSW
Johannes Reichel

Nach einer Statistik des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) hat im vergangenen Jahr die Elektromobilität stark an Fahrt aufgenommen. So sei 2020 der weltweite Bestand an Elektroautos auf 10,9 Millionen gestiegen, ein Plus von mehr als drei Millionen gegenüber dem Vorjahr. China liege mit gut fünf Millionen E-Autos im Bestand weiter unangefochten auf Platz eins, gefolgt von den USA mit 1,77 Millionen. Deutschland hat sich demnach mit fast 570.000 Fahrzeugen um drei Plätze auf Rang drei vorgearbeitet. Bei den Pkw-Neuzulassungen liegt Deutschland nun sogar auf Platz zwei weltweit.

Nach den Daten finden sich bei den neu zugelassenen Stromern jetzt erstmals drei deutsche Hersteller auf den ersten sechs Plätzen. Tesla führt mit fast 500.000 Neuzulassungen, wird aber vor allem von VW bedrängt. Aus Sicht des ZSW zeigten die Zahlen aber auch, dass noch eine deutlich höhere Dynamik nötig sei, um die Klimaschutzziele im Verkehr im Jahr 2030 zu erreichen.

Neuzulassungen klettern auf Rekordhoch - USA rückläufig

Die Zahl der Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen habe weltweit im Jahr 2020 deutlich zugenommen: Sie stieg um 38 Prozent auf ein neues Rekordhoch von 3,18 Millionen – die Entwicklung lief damit deutlich gegen den Trend des Gesamtmarktes, der insbesondere durch die Corona-Pandemie von einem spürbaren Rückgang geprägt war, so die Analyse. Während die Zulassungszahlen für E-Autos in Europa um 134 Prozent auf 1,37 Millionen deutlich stiegen, trugen die großen Märkte China und USA hingegen kaum zum Wachstum bei: Es gab auf dem chinesischen Markt nur 1,25 Millionen Neuzulassungen (drei Prozent Wachstum). Damit hat Europa China überholt. In den USA war die Zahl mit 322.400 Neuzulassungen, ein Minus von zwei Prozent, sogar zum zweiten Mal in Folge rückläufig.

Deutschland legt stark zu

Bei anderen Nationen ging es dagegen rasant nach oben, am deutlichsten in Deutschland: Dort stieg die Zahl der Neuzulassungen von 108.530 im Jahr 2019 auf nunmehr 394.632. Das ist ein Plus von 264 Prozent – die weltweit höchste Wachstumsrate. Deutschland liegt nun bei den Neuzulassungen auf dem zweiten Rang hinter China und verdrängt die USA auf Platz drei. An vierter Position folgt Frankreich. Dort kletterten die Neuzulassungen auf 194.700, ein Wachstum von 180 Prozent. Ein deutliches Marktwachstum weisen auch Dänemark (245 Prozent), Italien (250 Prozent), Spanien (136 Prozent) und Großbritannien (140 Prozent) auf – jedoch auf deutlich niedrigerem absolutem Niveau bezüglich der Fahrzeugzahlen.

Der E-Fahrzeugmarkt entwickle sich in vielen Ländern sehr vielversprechend, insbesondere in der Europäischen Union, präzisiert Prof. Dr. Frithjof Staiß, geschäftsführendes Vorstandsmitglied des ZSW. Der positive Trend sei jedoch auch auf höhere Fördersätze für Elektrofahrzeuge im Rahmen von Corona-Konjunkturpaketen und zusätzliche Maßnahmen wie die abgesenkte Mehrwertsteuer in Deutschland zurückzuführen.

"Es gilt deshalb, diesen Förderimpuls sukzessive in ein marktgetriebenes Wachstum zu überführen, um das Ziel der Bundesregierung von sieben bis zehn Millionen Elektroautos im Bestand bis 2030 effizient erreichen zu können", fordert Staiß.

Hierfür müssten in Deutschland im Schnitt jedes Jahr rund eine Million E-Fahrzeuge neu zugelassen werden. Das erwartbar ambitioniertere neue EU-Klimaschutzziel dürfte eher noch einen deutlich größeren E-Auto-Anteil erfordern als bislang angestrebt. Der Erfolg des vergangenen Jahres sei somit erst der Anfang.

Anteil an Gesamtzulassungen immer noch niedrig

Besonders deutlich werde dies am Anteil der Elektroautos an den gesamten Pkw-Neuzulassungen. Er steigt in vielen Ländern zwar deutlich an, ist aber für eine umfassende Marktdurchdringung mit häufig einstelligen Prozentwerten noch auf viel zu niedrigem Niveau. Eine Ausnahme ist Norwegen: Dort wurden im Jahr 2020 mit einem Anteil von 62,4 Prozent deutlich mehr Elektrofahrzeuge zugelassen als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor. Die anderen Länder folgen mit deutlichem Abstand. In Schweden liegt der Wert bei 29,1 Prozent. In Deutschland ist der Anteil auf 10,9 Prozent gestiegen und hat sich damit im Vergleich zu 2019 mehr als verdreifacht. In China, dem Land mit den absolut höchsten Neuzulassungszahlen, liegt der Anteil mit 6,2 Prozent deutlich niedriger, in den USA verharrt er bei rund zwei Prozent.

Drei deutsche Hersteller unter den Top 6 – Tesla Nummer 1

Bei den Neuzulassungen 2020 steht der Hersteller Tesla mit 499.600 E-Autos nach wie vor an der Spitze. Mit wenig Abstand folgt die VW-Gruppe. Der Wolfsburger Autokonzern hat fast aufgeschlossen und kommt bereits auf 421.600 verkaufte Modelle. Das chinesische Unternehmen SAIC, das fast ausschließlich auf dem heimischen Markt tätig ist, folgt auf Rang drei (254.300). BMW (192.600) und Daimler (163.000) liegen mit Platz vier und sechs ebenfalls in den Top-Ten, insbesondere durch den Verkaufserfolg ihrer Plug-in-Hybrid-Modelle.

Addiert man sämtliche Neuzulassungen der vergangenen Jahre weltweit, führt mit über 1,38 Millionen Elektro-Pkw weiterhin Tesla deutlich. Auf dem zweiten Platz folgt ebenfalls unverändert BYD aus China (916.400). Auf Rang drei vorgerückt ist VW mit 778.300 zugelassenen Elektro-Pkw. Platz vier besetzt BMW mit 603.200. Beide deutschen Hersteller haben sich gegenüber 2019 erheblich verbessert, der Abstand zum Marktführer Tesla ist aber noch deutlich.

Modellranking: Tesla 3 hält Wettbewerb in Schach, ID.3 startet gut

Bei den Modellen liegt Tesla vorne – das Model 3 von Tesla liegt mit 362.800 neu zugelassenen Exemplaren weiterhin deutlich in Führung. Mit großem Abstand folgen der nur in China und im Jahr 2020 erstmals verkaufte Hongguang Mini EV (119.300) sowie der Renault Zoe (102.900). Das beste deutsche Ergebnis erzielte auf Anhieb der Volkswagen ID.3 mit 56.900 verkauften Modellen (Platz sechs). Weitere deutsche Modelle in den Top Ten sind der Audi e-tron sowie der Plug-in-Hybrid VW Passat GTE. Damit sind nun erstmals drei deutsche Hersteller unter den beliebtesten Neuzulassungen zu finden.

Wenn schon, denn schon: Nur ein PHEV unter den Top Ten

Interessant ist: Bei den Neuzulassungen 2020 erreicht nur ein Plug-in-Hybrid-Modell die Top Ten, alle anderen sind rein batterieelektrische Fahrzeuge. Bei den kumulierten Neuzulassungen sind noch drei Plug-in-Hybrid-Modelle unter den ersten zehn Plätzen. Den Spitzenplatz bei den kumulierten Neuzulassungen erreicht das Model 3 von Tesla: 812.900 zugelassene Exemplare. Weiterhin auf den Rängen zwei und drei folgen Nissan Leaf (494.800) und Model S (308.700). Unter den Top Ten bei den kumulierten Neuzulassungen findet sich bislang noch kein deutsches Modell.

Heimspiel: VW führt im deutschen Markt

Blickt man auf den deutschen Markt, zeigt sich ein anderes Bild im Vergleich zu den weltweiten Zahlen: Die meisten Zulassungen entfallen nun erstmals auf die VW-Modelle, sie besetzen drei der ersten fünf Plätze. Rang eins behauptet weiterhin der Renault Zoe mit 30.376 Exemplaren, ein Plus von rund 21.000. Auf den E-Golf entfallen 17.438 Zulassungen. Das Model 3 von Tesla kommt auf 15.202 Fahrzeuge, der VW-Passat GTE und der VW ID.3 auf jeweils über 14.000.

„Die erfolgreiche Aufholjagd der deutschen Hersteller bei den neu zugelassenen Elektroautos zeigt, dass sie auf dem richtigen Weg sind“, sagt Prof. Dr. Markus Hölzle, ZSW-Vorstandsmitglied und Leiter des Geschäftsbereichs Elektrochemische Energietechnologien.

Trotzdem bedürfe es noch stärkerer Anstrengungen der heimischen Automobilindustrie, um langfristig mit der Weltspitze mithalten zu können, meint Hölzle.

Recycling gewinnt an Bedeutung

Mit der zunehmenden Anzahl an Elektrofahrzeugen gewinne künftig außerdem das Recycling von Batteriezellen an Bedeutung, so Hölzle. Die Wiederverwendung von Metallen wie Kobalt oder Lithium, aber auch von Graphit aus Batterien sei wichtig für die Nachhaltigkeit der Produktionsprozesse und bietet zudem einen verbilligten Zugang zu diesen Rohstoffen. Die Zusammenarbeit von anwendungsnaher Forschung und Industrie müsse deshalb weiter intensiviert werden, fordert der Wissenschaftler.

Datenbasis: Fahrzeuge, die Strom tanken

Für die Auswertung wurden Pkw und leichte Nutzfahrzeuge mit ausschließlich batterieelektrischem Antrieb oder mit Range Extender sowie Plug-in-Hybride erfasst, also alle Fahrzeuge, die extern aufgeladen werden können. Nicht berücksichtigt wurden Voll-Hybridfahrzeuge, die mit einer vergleichsweise kleinen Batterie zwar über kürzere Distanzen elektrisch fahren, aber nicht extern aufgeladen werden können, sowie Mild-Hybridfahrzeuge und Fahrzeuge mit Brennstoffzellen. Die Auswertung basiert unter anderem auf Daten des Kraftfahrtbundesamts sowie internationaler Behörden und Verbände.

Während die Zahl der Elektrofahrzeuge weltweit länderspezifisch für den Bestand und die Neuzulassungen erfasst werden konnte, liegen entsprechende, nach Herstellern und Modellen differenzierte Angaben global nicht vor. Aus diesem Grund beruht die Auswertung nach Herstellern und Modellen im Wesentlichen auf Neuzulassungsdaten der 19 größten Elektromobilitätsmärkte. Die ZSW-Daten stellten somit eine konservative Berechnung der tatsächlichen Entwicklung dar, wie man einsortiert. Da es zudem keine weltweit verfügbaren Daten über abgemeldete Elektroautos nach Herstellern und Modellen gebe, werde die Formulierung „kumulierte Neuzulassungen“ verwendet.

Nische: Anzahl Brennstoffzellenautos steigt global auf 28.000

Die Anzahl der Brennstoffzellen-Pkw liege zwar noch immer auf einem sehr niedrigen Niveau. Doch auch hier gibt es Bewegung: Im Jahr 2020 wurden weltweit rund 9.000 Brennstoffzellenautos neu zugelassen, ein Wachstum von rund 17 Prozent. Der weltweite Bestand an Brennstoffzellen-Pkw liegt nun bei rund 28.000. Die meisten Neuzulassungen gab es in Südkorea (plus 5.800). Zum Vergleich: In Deutschland wurden 382 Brennstoffzellen-Pkw neu zugelassen. Der Bestand in Deutschland lag Ende 2020 bei 1.016 Brennstoffzellen-Pkw. Diese und viele weitere Daten rund um die Elektromobilität stehen auf dieser Homepage unter Datenservice zur Verfügung.

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