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Für Porsche ein logischer Schritt: Ein Treffen mit Taycan und 911

Elektromobilität verändert Porsche von Grund auf. Wie schafft es eine Marke im Spagat zwischen Fossil- und Elektro-Zeitalter, sich treu zu bleiben? Ortstermin mit 911er-Chef August Achleitner und Taycan-Leiter Stefan Weckbach - und gegensätzlichen Ikonen.

Wiedergeburt einer Ikone mit anderen Mitteln: Die Porsche-Verantwortlichen sehen den Taycan gar nicht als Stilbruch, sondern als nächsten logischen Schritt. | Foto: Porsche
Wiedergeburt einer Ikone mit anderen Mitteln: Die Porsche-Verantwortlichen sehen den Taycan gar nicht als Stilbruch, sondern als nächsten logischen Schritt. | Foto: Porsche
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Redaktion (allg.)

Es ist ein warmer Spätvormittag gegen 13 Uhr, eine unauffällige Halle in einem Gewerbegebiet an der Stuttgarter Peripherie. Die Fenster des Gebäudes sind blickdicht verklebt, die Tore sorgfältig verschlossen, niemand soll unerlaubt hineinsehen oder hineinkommen, nichts nach außen dringen. Drinnen steht ein verwirrend getarntes Erprobungsmodell des Taycan. Es ist in 70 Jahren Sportwagengeschichte der erste rein batteriebetriebene Porsche aus Zuffenhausen. Noch sind zu diesem Zeitpunkt nur grobe Umrisse bekannt, Fachblätter übertrumpfen sich gegenseitig mit mehr oder weniger futuristischen Phantom bildern, doch eindeutig klar ist: Der Taycan stößt in eine völlig neue Dimension der Marke Porsche vor, die ihre Kraft traditionell aus leistungsstarken Verbrennungsmotoren schöpft. Ein Quantensprung. Und, wie jeder radikale Umschwung, nicht ohne Risiko.

Zwei Welten: Verbrenner-Ikone und E-Sportwagen

Gleich daneben parkt im Dunkeln der neue Porsche 911 – jener Klassiker, der sich seit seiner Premiere 1963 wahlweise als Kern, als Synonym, als das Herz der Marke Porsche ins kollektive Bewusstsein gebrannt hat. Ein Mythos, mehr als eine Million Mal gebaut, ein Phänomen der Zeit-, Kultur-, Technik- und Design-Geschichte, ein Automobil, das immer wieder neu und doch so provozierend wenig anders ist. Zwei Welten prallen aufeinander – die doch eine Herkunft haben. Und ein gemeinsames Ziel: auf neue Art zu definieren, was Porsche ist. Wofür die Marke steht. Und was die beiden Männer mit ihr verbinden, die jetzt emsig diskutierend die Fahrzeuge umkreisen.

August Achleitner, ein schlanker, geradezu jungen haft wirkender 63-Jähriger, ist so etwas wie der Kopf des 911. Seit 18 Jahren leitet der Automobilingenieur die Baureihe, die achte Generation des Elfers wird seine letzte sein. Er hat dieses Erbe stets bewahrt, indem er es entlang der Porsche-Werte aus Tradition und Innovation behutsam weiterentwickelte: Wandel ja, radikale Veränderung nein. Geprägt hat er den 911 wie kaum ein anderer, auch wenn er es nicht zugeben mag. Spricht man ihn auf seine Rolle an, mäandern die Antworten schnell zu „dem Team“ oder „meinen Leuten“.

„Die Entwicklung des 911 ist immer eine Evolution, nie eine Revolution“, sagt er. „Gleichzeitig haben wir jede neue Generation so angelegt, dass sie ihre Vorgänger nicht entwertet. Das erklärt, warum Porsche so zeitlos sind.“

Das Urteil eines unabhängigen Motorjournalisten bildet die Grundierung für den Kontrast vom 911er zum Taycan: „Die markante Reibeisenstimme des künstlich beatmeten 3,0-Liter-Sechszylinder- Boxers, das typische Leerlauf- rasseln hat sich ebenso über die Jahrzehnte gerettet wie das Hochdrehzahlkrakeelen. Die Kombination aus Sport-Plus-Fahrprogramm und scharfgeschaltetem Sportauspuff lässt in baufälligen Tunneln bei Vollgas im kleinen Gang den Putz von der Decke bröckeln.“ Mit anderen Worten: Der neue 911 ist ungeachtet aller Innovationen ganz der Alte. Alles bleibt neu. Ist er damit der beste 911 aller Zeiten? „Natürlich“, antwortet Achleitner ohne Zögern. „Das ist er, wie bislang jede neue Generation die jeweils beste gewesen ist.

Zuffenhausener Turbo: Sechs Milliarden Euro für die E-Offensive

Stefan Weckbach, gut 20 Jahre jünger als sein Gegenüber, versieht eine der anspruchsvollsten Aufgaben, die Porsche derzeit zu vergeben hat. Früher war der studierte Betriebswirt Baureihenleiter für den Boxster, jetzt ist er in derselben Funktion der Mann hinter dem Taycan, einem revolutionären Fahrzeugkonzept mit einem komplett neuen Werk am Stammsitz Zuffenhausen. 1.500 zusätzliche Mitarbeiter werden hier eingestellt und – im Zuge der Elektromobilitätsoffensive – rund sechs Milliarden Euro investiert. Ein Zukunftspakt von Belegschaft und Betriebsleitung ermöglicht diesen Kraftakt. Sie setzen gemeinsam das starke Signal: Der radikal neue Porsche – Vorstellungstermin Ende 2019 – wird an der Geburtsstätte der Marke entstehen. Er kehrt, indem er den Weg in die Zukunft weist, zu seinen Wurzeln zurück. Weckbachs Mission: beweisen, dass sich der Aufwand lohnt. Dass sich die Marke gleichzeitig erneuern und treu bleiben kann.

„Als erster vollelektrischer Porsche muss der Taycan zeigen, dass er ein vollwertiges Mitglied der Marke Porsche ist“, sagt er. „Das ist natürlich eine große Herausforderung – und eine Riesenerwartung, intern wie extern.“

Schon 2025 soll die Hälfte der Porsches stromern

Die Erwartungen sind auch deshalb so hoch, weil der Taycan nicht weniger als der Vorreiter einer ganzen Reihe von Porsche-Modellen sein soll, die in den nächsten Jahren teil- oder vollelektrifiziert auf den Markt kommen. Schon 2025 – und damit quasi übermorgen – sollen nach Porsche-Planungen mehr als 50 Prozent der verkauften Neufahrzeuge mit einem elektrischen Antrieb unterwegs sein. Ob es tatsächlich so kommt, wird wesentlich davon abhängen, wie sich der Taycan und – kurze Zeit später – sein Derivat, der Cross Turismo, eine am Lifestyle orientierte Variante mit höherem Nutzwert, auf der Straße und am Markt bewähren. Die Marke muss sich also gleichzeitig häuten und treu bleiben. Sie muss ihre Fans begeistern und zugleich neue Kunden gewinnen, die heute möglicherweise noch nicht einmal ahnen, dass sie sich morgen für Porsche entscheiden werden. Sie muss das eine tun, ohne das andere zu lassen. Fahrtechnisch gesprochen, muss sie Spur halten und gleichzeitig ausscheren, und das in voller Fahrt.

Der Enkel von Ferdinand Porsche und Aufsichtsratsvorsitzende der Porsche AG erinnert daran, dass heute kein einziges Teil des 911 mehr mit seinem Pendant aus den 1960er Jahren identisch sei – und doch sei der Wesenskern der Sportwagenikone seit mehr als 50 Jahren immer gleich geblieben. „Es sind eben nicht die technischen Details, welche die Identität eines 911 ausmachen“, erklärt er. „Entscheidend ist, dass eine Sache ihrem Wesen nach authentisch bleibt. Und ich kenne kein Auto, das trotz aller Veränderungen von Technik und Zeitgeist in seinem Wesen so unverändert geblieben ist wie der 911.“

Ein logischer Schritt: Der elektrische Porsche

Glaubt man Stefan Weckbach, dann steht der jüngste Neuzugang der Porsche-Familie denn auch weder für radikale Disruption noch für einen Neuanfang. Der erste vollelektrische Porsche sei vielmehr schlicht „der nächste logische Schritt“, nicht einfach ein weiteres elektrifiziertes Premium-Fahrzeug, sondern vielmehr unzweifelhaft ein Porsche, auch wenn er digitaler und eben auch elektrischer sein wird als jeder Porsche zuvor. Es gebe ja durchaus sportliche E-Mobile am Markt, die anfangs beeindruckend beschleunigten, um jedoch dann an ihre Leistungsgrenzen zu gelangen, sagt Weckbach.

„Für uns würde das nicht reichen. Ein Porsche muss reproduzierbare Performance bieten, das heißt: Er muss Höchstleistung bieten, auf konstantem Niveau.“

Weckbach erzählt, wie seine Entwicklerkollegen unter Hochdruck an vielen vermeintlich kleineren, einigen größeren und – vor allem – entscheidenden Schrauben drehen, um dieses Ziel mit gewohnter Präzision zu erreichen. Am intelligenten Kühlsystem beispielsweise, an den Elementen der innovativen 800-Volt-Technologie und vielen anderen Dingen, mit dem sie dem Taycan maximale Leistung, große Reichweite, kurze Ladezyklen und Porsche-typische Fahrdynamik einbauen. Der Anspruch, nie stehen zu bleibent: Auch das ist typisch Porsche.

Den Beweis antreten: Wir können auch elektrisch

Die Entscheidung beispielsweise, nach sieben Verbrenner-Jahrzehnten einen Porsche mit rein elektrischem Antrieb auszustatten, habe im Haus nicht den geringsten Widerstand hervorgerufen, erzählt Achleitner.

„Im Gegenteil, es herrschte diese selbstbewusste Haltung vor: So, jetzt zeigen wir mal, dass wir auch einen vollelektrischen Sportwagen können. Etwas, das es bislang noch nicht gibt – so, wie wir vor ein paar Jahren mit dem Porsche Cayenne den ersten sportlichen SUV geschaffen haben.“

Zumal die Fokussierung auf die Antriebsart nach Achleitners Ansicht ohnehin zu kurz greift, genauer: gewissermaßen im Motorraum hängen bleibt. Das Antriebssystem sei bei Porsche nur ein Teil des Ganzen. Und für dieses Ganze seien andere Dinge entscheidend. Und dann erzählt Achleitner, wie er sich erstmals hinter das Lenkrad eines der ersten Taycan-Prototypen gesetzt habe. Wie er den Sitz und die Lenksäule eingestellt, das digitale Armaturenbrett gemustert und die „Grundergonomie“ des Fahrzeugs erspürt habe. Wie er dann die Augen geschlossen und gedacht habe: „Passt! Ein echter Porsche.“

August Achleitner übernahm im Jahr 2001 die Verantwortung für die Baureihe 911. Der neue Elfer ist sein dritter und letzter, der gebürtige Österreicher verabschiedet sich Ende März 2019 in den Ruhestand. Stefan Weckbach wechselte im Jahr 2008 von einer Management-Beratung zu Porsche. Seit November 2014 ist der promovierte Betriebswirt Leiter der Baureihe Taycan. Harald Willenbrock beschreibt als Autor des Wirtschaftsmagazins brand eins häufiger Unternehmen, die in voller Fahrt den Reset- Knopf drücken müssen.

Der Artikel ist mit freundlicher Genehmigung in Auszügen dem aktuellen Geschäfts- und Nachhaltigkeitsbericht von Porsche entnommen. 

(Redaktion: J. Reichel)

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