Fraunhofer-Studie: Elektrifizierung im Lieferverkehr lohnt sich schnell

Anders als oft behauptet, kann sich Elektrifizierung des Lieferverkehrs bereits heute für Unternehmen bezahlt machen, weist eine Studie des Fraunhofer ISI anhand von Echtdaten im REWE-Fuhrpark nach. MAN war an der Studie beteiligt, sieht wegweisende Erkenntnisse und fordert Unterstützung durch die Politik.

Strom ist schnell machbar: E-Trucks im Liefer- und Verteilerverkehr können sich schnell rechnen. MAN fordert jetzt eine politische Flankierung, vor allem über einen Ausbau der Ladeinfrastruktur. | Foto: MAN
Strom ist schnell machbar: E-Trucks im Liefer- und Verteilerverkehr können sich schnell rechnen. MAN fordert jetzt eine politische Flankierung, vor allem über einen Ausbau der Ladeinfrastruktur. | Foto: MAN
Johannes Reichel

In der ersten Machbarkeitsstudie zur Elektrifizierung des regionalen Lieferverkehrs, die auf echten Unternehmensdaten basiert, hat Fraunhofer ISI im Auftrag der europäischen Umwelt- und Verkehrsdachorganisation Transport & Environment (T&E) nachgewiesen, dass Elektrifizierung des Straßengüterverkehrs bereits kurzfristig möglich ist und zudem wirtschaftliche Vorteile für Unternehmen verspricht. Vor einem Jahr hat T&E Deutschland eine Kooperation mit mehreren Industriepartnern gestartet, um mehr Transparenz über die Wirtschaftlichkeit und technische Umsetzbarkeit von Elektro-Lkw in der unternehmerischen Praxis zu schaffen. Die ökonomische und technische Machbarkeit wurde anhand der Praxis in der Logistik von REWE Group in der gesamten Region Nord-Ost Deutschlands untersucht. Das Ergebnis: Knapp 60 Prozent der REWE-Flotte in der Region Nord-Ost sei bereits elektrifizierbar. Für rund 40 Prozent sei der Umstieg auf E-Trucks mit ökonomischen Vorteilen verbunden.

"Nach der Auswertung aller 9.500 Lkw-Touren zu über 540 Logistik-Punkten steht fest: Die aktuell verfügbaren Reichweiten von Batterie-Lkw reichen oft heute schon aus, um alle in der Studie analysierten städtischen Lkw-Touren und fast die Hälfte der betrachteten regionalen Touren mit E-Lkw zu schaffen. Mit einer optimierten Routenplanung und zusätzlichem Zwischenladen ist das Potenzial sogar noch größer. Bei schweren Lkw über 26 Tonnen mit sehr langen Tagestouren bleibt die Elektrifizierung nach Stand des heutigen Fahrzeugangebots allerdings noch eine Herausforderung", erklärte Patrick Plötz, der die Machbarkeitsstudie am Fraunhofer ISI geleitet hat.

Auch Sven Wallisch, Leiter Transportlogistik Region Ost der REWE Group kommt zu einer positiven Beurteilung. Ursprünglich sei eine rein theoretische Begleitung des Projektes geplant, jetzt gehe man bereits aktiv in die Umsetzung. Für Jekaterina Boening, Projektleiterin bei T&E Deutschland steht, fest, dass die Elektrifizierung des Straßengüterverkehrs möglich ist und sogar wirtschaftliche Vorteile für Unternehmen verspricht.

"Die nächste Bundesregierung darf sich von Pseudolösungen wie Biokraftstoffe, E-Fuels oder Gas-Lkw nicht ablenken lassen, denn das wäre eine Verschwendung von Zeit und Geld. Ein ambitioniertes E-Lkw-Programm gehört in den Koalitionsvertrag", appellierte Boening. 

Laut T&E habe die „Ampel“-Koalition drei wichtige Hebel für einen schnellen Markthochlauf von E-Lkw. Diese seien eine CO2-basierte Lkw-Maut, Verschärfung der Flottengrenzwerte auf EU-Ebene und den Aufbau einer Hochleistungsladeinfrastruktur. Die Dekarbonisierung des Straßengüterverkehrs sei eine wichtige verkehrspolitische Aufgabe der nächsten Bundesregierung. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeige, dass ein sehr ambitionierter Markthochlauf von E-Lkw erforderlich sei, um das Ziel der Bundesregierung – ein Drittel emissionsfreier Fahranteil 2030 – zu erreichen. 2026 müssten mindestens 33 Prozent der neu zugelassenen Lkw elektrisch sein, im Jahr 2030 sind es bereits 72 Prozent.

MAN fordert schnellen Ausbau der Ladinfrastruktur

Andreas Tostmann, Vorstandsvorsitzender von MAN Truck & Bus, verbindet mit den Studienergebnissen auch Forderungen an die Politik. Der Aufbau von Ladeinfrastruktur müsse jetzt oberste Priorität haben und durch den Staat unterstützt werden. Auch sollten die Gesetzgeber eine präferierte Zufahrt für Nullemissions-Lkw in Städte mittelfristig beschließen. Bis 2025 müsse in Europa darüber hinaus ein Lade-Kernnetz mit Ladeleistungen von 700 bis 1.000 kW entlang der Autobahn entstehen, so Andreas Tostmann.

Die Ergebnisse der Studie bestätigten im Übrigen die eigenen Erfahrungen und Analysen, skizzierte MAN weiter. Neben der Elektrifizierung im urbanen Raum, die heute schon vollständig möglich wäre, seien die Ergebnisse für regionale Anwendungen richtungsweisend, da auch hier bereits rund 50 Prozent der untersuchten Routen mit E-Lkw machbar wären. Vor dem Hintergrund des kurzfristigen Untersuchungszeitraums bis 2023, werde klar, dass in den darauffolgenden Jahren mit verbesserter Batterietechnik viele zusätzliche Anwendungen und Routen mit Elektro-Lkw möglich und wirtschaftlich sein würden.

„Eine wichtige Ableitung der Studie für unsere Kunden ist aus meiner Sicht, dass Flottenbetreiber die technisch machbaren Routen zeitnah elektrifizieren können und zusätzlich der Umstieg von Diesel auf BEV für sie sogar heute schon in vielen Fällen wirtschaftliche Vorteile mit sich bringt", ergänzt Michael Treier, Sales Truck Alternative Drives bei MAN Truck & Bus, der an der Studie mitgewirkt hat.

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