Fraunhofer ISI: Geteilte Mobilität, gesteigerte Lebensqualität

Institut untersucht Wirkung geteilter Mobilität anhand der Region Karlsruhe und zieht erstaunliche Schlüsse, auch im Hinblick auf die Lebensqualität. Entscheidend für Kommunen: Umgang mit Autoverkehr.

Sharing eröffnet dem Stadtraum neue Möglichkeiten - und kann die Lebensqualität so steigern. Wesentlich ist der Umgang mit dem motorisierten Individualverkehr. | Foto: FISI
Sharing eröffnet dem Stadtraum neue Möglichkeiten - und kann die Lebensqualität so steigern. Wesentlich ist der Umgang mit dem motorisierten Individualverkehr. | Foto: FISI
Johannes Reichel

Das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI hat Handlungsempfehlungen zur "Shared Mobility" präsentiert, mit denen man die Möglichkeiten und Chancen aufzeigen will, die die Integration geteilter Mobilitätsdienste in den städtischen Verkehr bietet. Dazu zählen die Studienautoren Car-, Bike- und E-Scootersharing, aber ebenso wie Ridepooling, also die Bündelung einzelner Fahrten in einem Fahrzeug. Konstantin Krauß hat im Fraunhofer ISI die Aufbereitung aktueller Forschungsergebnisse für Kommunen koordiniert und betont die große Flexibilität dieser Mobilitätsformen.

"Zum Beispiel kann eine Bikesharing-Flotte verhältnismäßig leicht verschoben werden, um nach Veranstaltungen oder auch in Pandemie-Zeiten den ÖPNV zu entlasten. Nachfrageseitig ermöglichen die Dienste den Nutzerinnen und Nutzern, dass sie durch eine App das für sie in diesem Moment passende Fahrzeug erhalten – vom E-Scooter für kurze Besuche bei Freundinnen und Freunden bis hin zum Kleintransporter für Umzüge", wirbt Krauß. 

Der Leitfaden, der im Rahmen der "Profilregion Mobilitätssysteme Karlsruhe" erstellt wurde und viele Erkenntnisse aus diesem Netzwerk zusammenfasst, geht sowohl auf die Herausforderungen für die Kommunen als auch auf Lösungsmöglichkeiten ein.

Attraktive Städte brauchen integrierte Mobilitätssysteme

Eine der größten Herausforderungen für Kommunen sei der Umwelt- und Klimaschutz, konstatieren die Autoren. Um beispielsweise die Reduktionsziele für Treibhausgase zu erreichen und die Grenzwerte für Schadstoffe und Lärm einzuhalten, hält man den Umgang mit dem motorisierten Individualverkehr entscheidend. Hier spielten auch die Faktoren Kapazität und Flächengestaltung hinein. Die Infrastrukturen seien oft für die Spitzenstunden des Berufsverkehrs ausgelegt und werden zu anderen Tageszeiten nicht voll ausgenutzt. Da zudem viele Parkplätze benötigt würden, gingen gestaltbare Flächen verloren, die aber für die Lebensqualität und die Attraktivität von Städten wichtig sind.

"Wenn beispielsweise durch umfassendes Carsharing die Zahl der privaten Pkw reduziert wird, werden Straßen und Parkplätze für andere Verkehrsmittel wie Fahrräder frei – oder sogar für eine andere Nutzung, zum Beispiel als Grünflächen", plädieren die Autoren.

Geteilte Dienste attraktivieren den ÖPNV

Nicht erst seit der Pandemie befinde sich der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) in einer schwierigen Finanzlage, und der durch Covid-19 verursachte Rückgang der Nutzerinnen und Nutzer verstärke diese Situation, so die Analyse. Geteilte Dienste könnten den ÖPNV attraktiver machen. Das gelte vor allem im vorstädtischen oder ländlichen Raum sowie in Stadtbereichen abseits der ÖPNV-Hauptrouten. Insbesondere kleinere Fahrzeuge wie E-Scooter und Fahrräder könnten dabei die ersten und letzten Kilometer überbrücken und so Zu- und Abgangszeiten deutlich reduzieren, glauben die ISI-Wissenschaftler. Würden solche geteilten Mobilitätsdienste in Kooperation mit dem ÖPNV entwickelt und angeboten, könne dies auch den häufig genannten Konflikt zwischen der Innovationsförderung und dem Schutz des klassischen ÖPNV lösen.

"Eine Verzahnung von ÖPNV und geteilten Mobilitätsdiensten kann auch zu finanzieller Entlastung der Kommunen führen, wenn beispielsweise on-demand-Ridepooling die meist unrentablen Randzeiten des ÖPNV ergänzt", meint Dr. Claus Doll, der am Fraunhofer ISI die Forschung zur Profilregion leitet.

Planvoll: Keine ziellose Zulassung geteilter Mobilität

Die Autorinnen und Autoren des Leitfadens betonen, dass für die Integration der geteilten Mobilitätsdienste eine zielorientierte Planung und Regulierung nötig sei, da die ziellose Zulassung geteilter Mobilität zur Steigerung der Personen- und Fahrzeugkilometer und damit der CO2-Emissionen führen kann. Damit es nicht dazu kommt, müsse die Kommune bei der Umsetzung neuer Mobilitätskonzepte zunächst die eigene Zielsetzung genau festlegen: "Wo und wann soll das Mobilitätssystem welche Leistungen erbringen, wen soll es erreichen, welche Emissionen sind erlaubt, welche Verkehrsmittel werden bevorzugt, welche Zugangszeiten sind akzeptabel?", formulieren die Wissenschaftler.

Lokal anzupassender Mix auf Verkehrsmitteln

Da die unterschiedlichen Verkehrsmittel unterschiedliche Wirkungen haben, ergibt sich je nach lokaler Zielsetzung eine andere Auswahl und Kombination der zugelassenen Dienste. Wichtig ist, bei den Konzepten die Schnittstellen mitzudenken und gemeinsam zu gestalten, etwa durch geschickte Digitalisierung auf einer gemeinsamen Plattform. Dies kann dazu beitragen, die zukünftige Mobilität an den Nutzerinnen und Nutzern auszurichten – was essenziell für das Gelingen der Mobilitätswende ist. Weitere Informationen

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