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FGSV will Straßenraum umbauen: Paradigmen-Wechsel weg vom Auto

Die Abkehr von der autozentrierten Stadt spiegelt sich auch auf dem Deutschen Verkehrskongress wieder, der Zentralplattform schlechthin für die Planung des Verkehrs. Jetzt plant man nicht weniger als die komplette Wende. "Es muss etwas passieren", heißt es.

Mehr Platz für Rad- und Fußverkehr: Nicht weniger als einen Paradigmenwechsel läutete die FGSV bei ihrer jüngsten Versammlung ein - und will dem Ideal aus dem hübschen BMDV-Prospekt "Einladende Radverkehrsnetze" mit entsprechenden Vorschriften nachkommen. | Foto: BMDV
Mehr Platz für Rad- und Fußverkehr: Nicht weniger als einen Paradigmenwechsel läutete die FGSV bei ihrer jüngsten Versammlung ein - und will dem Ideal aus dem hübschen BMDV-Prospekt "Einladende Radverkehrsnetze" mit entsprechenden Vorschriften nachkommen. | Foto: BMDV
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Johannes Reichel

Schon im Vorfeld deutete sich eine kleine Revolution an: Es gehe in vielen Vorträgen und Diskussionsrunden um den Klimaschutz und das Erreichen von Nachhaltigkeitszielen im Verkehrssektor, hieß es. Leitende Fragestellungen der wichtigsten Norminstanz für Straßenverkehr überhaupt in Deutschland, die seit 1924 die Maßstäbe setzt: Wie kann eine klimaneutrale Mobilität aussehen? Wie kann der Bau von Verkehrswegen ökologisch nachhaltiger gestaltet werden? Wie kann der begrenzte Platz in Städten gut aufgeteilt werden? Und wie kann die Digitalisierung helfen, dem steigenden Verkehrsaufkommen Herr zu werden?

"Der Verkehrssektor muss nachhaltiger werden, um den Klimawandel zu stoppen, das ist uns allen klar. Auf dem Kongress wollen wir uns mit der Frage nach dem Wie beschäftigen. Die Gremien der FGSV haben in letzter Zeit vieles dazu erarbeitet", teilten die Veranstalter des normal eher im Verborgenen wirkenden Gremiums mit.

Auf dem dreitägigen Kongress der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV) widmeten sich über 1.700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer neben aktuellen straßenverkehrstechnischen Fragestellungen vielen wichtigen Zukunftsthemen. Damit sei der Kongress der größte Expertentreff der Straßen- und Verkehrsbranche in Deutschland. Konkrete Themen waren der Mitglieder „Verkehrsplanung auf dem Weg zur klimaneutralen Mobilität“. Sogar ein Klimaforum war Bestandteil der Veranstaltung. Man schaffe die Grundlagen für den Verkehr von Morgen, so die vollmundige Ansage.

„Es muss etwas passieren, und es passiert auch was“, erklärte Professor Jürgen Gerlach, Professor für Verkehrsplanung der Universität Wuppertal gegenüber dem Handelsblatt.

Dafür wurden alle Regelwerke in drei Kategorien eingeteilt. Erstens: jene, die weiter gut und richtig sind. Das ist etwa die Maxime, Verkehr regional und überregional zu planen. Die meisten Emissionen fallen bei Fahrten von mehr als 20 Kilometern an.

„Weniger Fahrten, kürzere Strecken, mehr öffentlicher und Schienenverkehr“, so sei das Gebot der Stunde, meint Gerlach.

Die zweite Kategorie bestehe aus Regeln, die „ergänzende Hinweise“ erhalten sollen. Bestandteil ist etwa das „Handbuch zur Bemessung von Straßenverkehrsanlagen“, das Klassiker festlegt wie Qualitätsstandards bei Ampeln, Vorfahrtzeichen oder Autobahnabfahrt. Die Anpassung beanspruchte traditionell bisher Jahre. Aber jetzt soll es schneller gehen und kurzfristig Neues eingeführt werden. So will die FGSV etwa Grünphasen für Radfahrer und Fußgänger verlängern und grüne Wellen für Radfahrer einführen.

„Das ist ein Paradigmenwechsel“, meint auch Gerlach.

Die dritte Kategorie enthält dann Regeln, die überarbeitet werden müssen. Ein Schlüsselthema ist etwa der Parkraum in der Stadt, bei dem andere Kriterien in den Fokus rücken: Mehr Stadtgrün für mehr Klimaresilienz und um die vielzitierte Schwammstadt zu realisieren, die Starkregen speichert und bei Dürre feucht bleibt. Weil die Zeit drängt, soll es von der Gesellschaft vorerst nur „Korrekturblätter“ geben, die Änderungen ermöglichten. Die Feinarbeit soll später als klimagerechtes Regelwerk folgen.

„Wir müssen den Straßenraum umbauen, nicht in 30 Jahren, sondern jetzt. Autofahrer müssten im Zweifel vom Parkplatz bis ans Ziel auch mal zehn Minuten laufen“, befindet Gerlach gegenüber der Zeitung.

Grundsatzfragen stellen sich: Warum fährt das Rad immer rechts und das Auto in der Mitte? Warum nicht sicher in der Mitte wie im spanischen Barcelona auf Radschnellwegen? Über innerstädtische Lastenradrouten diskutieren die Experten auch und damit über mehr Platz. Mit den bisher festgelegten zwei Meter breiten Radwegen komme man „nicht weiter“, gesteht Gerlach ein. Nach dem Kongress will die FGSV Teile der Klimadebatten online veröffentlichen – und dann mit Interessengruppen diskutieren. Man wolle in den Dialog treten, versichert Gerlach. Zugleich stellte er klar, die FGSV stelle nur die Instrumente bereit. „Entscheiden müssen Politik und Gesellschaft.“

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