FCA, Engie und Terna starten in Turin das aktuell weltweit größte V2G-Projekt

Anlage auf dem Logistic hub des Werks Mirafiori soll bei Fertigstellung größtes Projekt der Welt sein, bei dem anfangs 64, später bis zu 700 Fahrzeuge aus der Produktion ans Netz angeschlossen sind.

Anschluss unter dieser Nummer: Die Fiat-500e-Modelle stellen zum Start an 32 Säulen die Basis für das V2G-Projekt, das bis zu 700 Fahrzeuge ans Netz anbinden soll. | Foto: FCA
Anschluss unter dieser Nummer: Die Fiat-500e-Modelle stellen zum Start an 32 Säulen die Basis für das V2G-Projekt, das bis zu 700 Fahrzeuge ans Netz anbinden soll. | Foto: FCA
Johannes Reichel

Der FCA-Konzern, der Energiedienstleister Engie und der Energieversorger Terna haben in Turin den Startschuss für das nach eigenen Angaben weltweit größte V2G-Projekt für bidirektionales Laden gegeben, das auf dem Drosso Logistic Hub des Fiat-Werks in Mirafiori entstehen soll. Bei einem Festakt schlossen Wirtschaftsminister Stefano Patuanelli and FCA Chairman John Elkann einen neuen Fiat 500e an eine der V2G-Säulen an. Bis Ende 2021 wollen die Partner bis zu 700 Fahrzeuge mit dem Netz verbunden haben. Zum Start des in Kooperation realisierten Projekts werden in Phase 1 vorerst 64 Fahrzeuge an 32 bidirektionalen Ladesäulen angeschlossen, die aus der Vorproduktion des Fiat 500e stammen. Generell soll das Projekt die Speicherkapazität der produzierten E-Fahrzeuge nutzen, während diese auf die Auslieferung warten. Das sei im Schnitt mindestens 24 Stunden der Fall, bis der Transport ansteht, wie Ludovico Cavazza Isolani gegenüber VM erklärt. Das genüge, um ein Geschäftsmodell darzustellen, wie der V2G-Experte erklärt. Er hält für das Zusammenwachsen der Sektoren Mobilität und Energie unternehmens- und sektorenübergreifende Projekte wie dieses für unerlässlich. 

Ruhende Werte: Neuwagen als Pufferspeicher

In dem Projekt will man unter anderem analysieren, welchen Einfluss auf die Batteriealterung V2G-Nutzung hat und inwiefern man dies mit der natürlichen Batteriealterung ("calendar aging") im Stillstand ausleveln kann. Man werde selbstverständlich sicherstellen, dass die Pufferspeicherung keinerlei Einfluss auf die Batterielebensdauer haben werde, versichert Isolani. Man werde den Energiefluss so gering halten, dass der Effekt unterhalb der natürlichen Alterung liege. Auch die Unterschiede zwischen älteren und neuen Akkus beim Einsatz als Energiespeicher will man untersuchen, ebenso die äußeren klimatischen Bedingungen. FCA rechnet damit, dass sich für das Unternehmen auch ein Geschäftsmodell ergibt, sodass man möglicherweise die Erträge in Form günstigerer Fahrzeugpreise an die Kunden weitergeben könnte, wie Isolani weiter erläutert.

Konditioniert: Der V2G-Kunde kann eine Reichweite festlegen

Auch will man sich bewusst ein komplexes System mit mehreren hundert Fahrzeugen erschließen. Das Modell herunterzuskalieren für einzelne Firmen oder Privatnutzer sei dann kein Problem mehr, zeigte sich Isolani überzeugt. Auch hier sieht er abseits von dem Pilotprojekt im Werk diverse Geschäftsmodelle aufkeimen, bei denen der Kunde die Konditionen festlegen kann, zum Beispiel immer einen garantierten Mindestladestand oder Reichweite. Hier brauche es allerdings eine hohe Flexibilität im System, um auf spontane Änderungen reagieren zu können. Dass im FCA-Werk auch immer genügend E-Fahrzeuge auf Halde stehen würden, damit rechnet der E-Mobilitätsexperte fest im Hinblick auf das wachsende BEV-Angebot des Herstellers.

Die Anlage wurde trotz des Lockdowns in nur vier Monaten geplant. Verknüpft ist das Projekt mit einer großflächigen Solaranlage, die auf den Dächern der Parkanlage für die V2G-Fahrzeuge gebaut wird und 12.000 Solarpaneele mit einer Kapazität von 6.500 MWh pro Jahr umfasst. Diese soll die Logistik sowie die Produktion mit "grünem Strom" versorgen. 

"Die V2G-Technologie ist ein wichtiges Instrument, um die Kosten der Fahrer von Elektroautos zu optimieren und zugleich zur Nachhaltigkeit des Stromnetzes beizutragen", erklärte Roberto di Stefano, Leiter e-Mobilität bei FCA für die EMEA-Region.

Aus Sicht von Massimiliano Garri, Direktor Innovation and Digital Solutions bei Terna stellen Elektroautos eine Energiequelle mit hohem Potenzial dar und könnten helfen, ein nachhaltigeres, dekarbonisiertes Stromnetz zu realisieren. Carlalberto Guglielminotti CEO, ENGIE Eps ergänzte, dass selbst wenn bis 2030 nur fünf Prozent aller Autos elektrisch angetrieben wären, würden sie die dominante Antriebstechnologie, die das Stromnetz revolutioniert und ein entscheidendes Teil für ein ausgeglichenes europäisches Stromnetz. Er glaubt die Technologie habe das Zeug, den größten Paradigmenwechsel innerhalb der E-Mobilität und des Stromversorgungsnetzes zu bewirken.

FCA erwacht aus dem Elektro-Schlaf

Pietro Gorlier Chief Operating Officer of FCA’s EMEA verwies darauf, dass der FCA-Konzern insgesamt fünf Milliarden Euro in die Elektromobilität und die Elektrifizierung investiere, zwei Milliarden davon in die Anlagen im Werk Mirafiori. Dazu zählt eine weiter Solaranlage mit 150.000 m² Fläche und 15 MWh Leistung sowie eine Batteriefertigung, die nach neuesten Standards arbeiten soll. Er forderte aber auch, dass jetzt alle nötigen regulatorischen Voraussetzungen geschaffen werden müssten und es einen nationalen Plan für den weiteren Ausbau der Ladeinfrastruktur geben müsse.

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