Fahrbericht Mercedes S-Klasse: Platzhirsch als Platzhalter

Bevor der vollelektrische EQS kommt, fährt Mercedes mit der neuen S-Klasse noch mal alles auf, was die "alte Auto-Welt“ an Opulenz zu bieten hat. Erste Tour in Diesel, Mild- und Plug-in-Hybrid.

Silberpfeil: Schnell ist die S-Klasse in jedem Fall - und für einen 2,8-Tonner auch sparsam nach herkömmlichem Maßstab, vor allem dank Mild-Hybrid, der den Otto effizienter laufen lässt als den Diesel. | Foto: Daimler
Silberpfeil: Schnell ist die S-Klasse in jedem Fall - und für einen 2,8-Tonner auch sparsam nach herkömmlichem Maßstab, vor allem dank Mild-Hybrid, der den Otto effizienter laufen lässt als den Diesel. | Foto: Daimler
Johannes Reichel

Was ist der Unterschied zwischen der Mercedes S-Klasse und dem Model S von Tesla? Also jetzt mal abgesehen von der „Kleinigkeit“ des Antriebs. Eine kaum weniger bedeutsame Differenz manifestiert sich in 65 (!) Seiten, die der Prospekt der neuen S-Klasse stark ist. In drei Schritten konfiguriert, wie Elon Musk es stets propagiert?! Vergiss es, nicht mit dem Benz. Denn es gibt ja so viel zu wählen und die Geschmäcker sind nun mal verschieden.

Als hätten die Schwaben noch mal all ihr Können, ihre Fähigkeiten, ihre Beherrschung eines komplexen Produkts wie einem Automobil auf den Punkt bringen wollen, manifestiert der Katalog, der kein schnöder Automobilprospekt, sondern eher ein „Opus Magnum“ ist, all die Finessen an Technologie, an Style, an Handwerkskunst, die den Stern so legendär gemacht haben. Die Frage ist nur, ob man hier nicht Antworten auf Fragen gibt, die der moderne Mensch so nicht mehr unbedingt stellt.

Telefonbuchdicker Katalog an Extras

Anders gefragt: Ob sich die Daimlers nicht verzetteln? Ausgehend von der Basis des 81.500 Euro (netto) teuren S 350d: Braucht man neun verschiedene Felgendesigns, 18, 19, 20 Zoll? Sechs Ledervariationen (ja, hier setzt man noch auf echte Tierhaut, nicht so einen veganen Kram), drei Dachhimmel, Zierelemente von „Holz Pappel anthrazit offenporig“ bis „Holz Walnuss braun offenporig Aluminium Lines“, elf Lackierungen, und den handschmeichelnden specksteinartigen „Schlüssel“ eher in Schwarz hochglanz mit Zierrahmen, matt oder doch lieber in Weiß?! Puh, da kann man schon mal den Überblick verlieren. Dabei will es der moderne, zur Simplifizierung neigende Mensch ja, glaubt man Tesla-Chef Elon Musk oder anderen Disruptoren wie Lynch&Co-Chef Alain Visser, super einfach und vorkonfiguriert haben. Zwei, drei Antriebsoptionen, paar Farben, Sportfahrwerk vielleicht, ansonsten Vollausstattung, fertig.
 

Mooooment, so leicht kommt Ihr uns nicht davon, denken die bei Daimler. Und fahren in Telefonbuchstärke auf, was das Arsenal ihres Könnens, ihrer jahrzehntelang geübten automobilen Finesse hergibt.

„Es gibt nahezu grenzenlose Möglichkeiten, die S-Klasse ganz nach Ihren persönlichen Wünschen zu gestalten. Nehmen Sie sich die Zeit, stöbern Sie in aller Ruhe in dieser Preisliste“, heißt es einleitend und vielsagend in dem Werk.

Dessen Auftakt bildet ein Inhaltsverzeichnis wie bei einer Diplomarbeit, gefolgt von ein paar Produkthighlights, zu denen die Macher vielsagenderweise NICHT den Antrieb zählen. Sondern: Hochwertige Innenarchitektur (stimmt, fühlt sich sämtlich toll und fein und bestens verarbeitet an) samt umlaufender Lichtbänder, die kommunikative Funktion versehen. Luxuriöser Fond, der Wellness-Oase, rollendes Büro oder Erlebniswelt sein will. Multibeam-LED-Licht mit eine Million Pixeln, das auf die verändernden Außenverhältnisse reagiert und gestochen scharf ausleuchten soll.

MBUX reloaded: Up to date in Sachen Connectivity

Sodann: Ein weiterentwickeltes MBUX-System, das mit einem Augmented Reality Head-Up-Display (Option, 2.990 Euro) tatsächlich idiotensicher in 3D-Optik den Weg weist und den Blick auf den hübsch nach Geschmack sortierbaren zentralen Digitalscreen (unsere Wahl natürlich klassische Analog-Uhren) erübrigt und auch die Funktionalität der Fahrerassistenz stets einleuchtend darstellt. Doch dazu später mehr. Die Spracherkennung versteht einen übrigens zwar besser, aber „Mercedes“ weiß und kapiert eben doch nicht alles (was weißt Du über Mühlheim, gemeint war, wo wir durchfuhren, Mühlheim an der Donau, erzählt wurde über Mühlheim an der Ruhr) und das sonst schnelle und superpräzise Navi hat sich auch einmal verschluckt und uns unsinnigerweise an ein Zwischenziel zurückgelotst.

Schließlich erwähnen die Daimler-Leute noch die Burmester-Soundanlage, über deren exzellente Konzertsaalqualität zu schwärmen wirklich hieße, Eulen nach Athen zu tragen. Und als Schlusspunkt, bevor wir uns vor lauter gekonntem „S-Klasse-Bling-Bling“ vollends vom wesentlichen ablenken lassen: Die Massagefunktionen („Energizing Comfort“) samt soundmäßiger Esoterikuntermalung und Duftbegleitung macht jeden Besuch im Massagesalon obsolet. Ist das noch Auto, oder schon Salon? Den man ja auch noch mit langem Radstand bestellen und so zu einer Art Luxus-Beherbergungsbetrieb umrüsten kann.

Vielsagend: Kein Hinweis auf den (konventionellen) Antrieb

Was fehlt in der Liste der Highlights aus hauseigener Sicht, ist, neben dem seltsamerweise fehlenden Hinweis auf die wirklich wegweisende Fahrerassistenz der Vermerk nach Art von „modernste Motoren auf höchstem Abgasstandard“. Fast verschämt fächert man die zum Start leider sehr konventionell geratene Euro-6D-Antriebsvielfalt auf. Zwei Varianten des wuchtigen und enorm durchzugsstarken 3,0-Liter-R6-Diesel-Motors mit 286 oder 330 PS, der den Zweitonner mit 600 oder 700 Nm, untermalt von dezentem Grummeln gen Horizont wuchtet, den 350 d auch ohne Allrad. Oder den stets Allrad-bewehrten 3,0-Liter-R6-Benziner, der mit 367 oder 435 PS aufwartet (500 und 520 Nm).

Die S-Klasse stromert nur in Teilzeit: Mild- oder Plug-in-Hybrid

Beim letzterem mit der Bezeichnung S 500 4Matic findet ab der Kleinigkeit von 100.200 Euro dann sozusagen der Lückenschluss ins Elektrozeitalter statt, denn der S 500 verfügt über das Kürzel „EQ Boost“, was bedeutet, dass ein Starter-Generator nebst kleiner Lithium-Ionen-Puffer-Batterie an Bord ist, der dem großen Benz zu kleinerem Durst verhelfen soll. Und zu dem man einstweilen raten muss, bis Mitte nächsten Jahres ein echter Plug-in-Hybrid mit bis zu 100 km Reichweite kommt.

Der sogenannte S580e machte seine Sache dem allerersten Eindruck nach gut, beschleunigt dank 440 Nm der E-Maschine zügig und superleise und kommt mit für das Gewicht akzeptablen 27 kWh/100 km über eine kleine Landstraßenrunde. Zudem kann er jetzt heckseits angeschlossen mit 11 kW AC und satten 60 kW DC laden und der Kofferraum ist weniger stark eingeschränkt, sondern jetzt zwar im Volumen durch den massigen 28,6 kWh-Lithium-Ionen-Akku unterm Boden kleiner, aber topfeben gestaltet. Für pendelnde Top-Führungskräfte also vielleicht ein guter Kompromiss.

Gretchenfrage: Jetzt der Verbrenner oder warten auf EQS?

Oder man wartet dann lieber gleich auf den richtigen Stromer aus dem Hause, in Gestalt des EQS, der in Immendingen schon seine leise surrenden Bahnen zieht und in der Reichweite mit avisierten 700 km dem mit relativ kleinem Tank ausstaffierten Diesel oder gar Benziner (65 l) kaum nachstehen dürfte. Doch die überraschendste Erkenntnis der ersten langen Erprobungsfahrt: Der mild „EQ-geboostete“ Benziner schlägt den Diesel im Verbrauch um einen glatten Liter. Der Selbstzünder schlug bei wie stets moderater Mischfahrt über Stadt, Land, Autobahn bei 8,1 l/100 km an.

Den beim Anfahren, beim üppigen Rekuperieren und im Segelbetrieb von der 16 kW starken E-Maschine unterstützten Benziner übergaben wir bei 7,1 l/100 km an die Daimler-Mannen im Pilot-Parkhaus Stuttgart Plieningen, die lieber noch mal nachfragten. Kein schlechter Wert für einen Zweitonnen-Verbrenner, der auf Augenhöhe mit manchem TSI-Golf liegt, aber halt eben nach alten Maßstäben. In der neuen Elektrowelt entspräche das einem Energiebedarf von 70 kWh/100 km (ohne Benzinproduktion), das braucht ein Tesla S nicht mal unter Volllast bei High-Speed ...

Nach altem Maß: Für einen 2,8-Tonner günstiger Verbrauch

Und: Mit 12,8 l/100 km im Bordcomputer hatten wir ihn übernommen, was nicht gerade von spritbewusstem Fahrstil der „Vorfahrenden“ zeugt. Aber klar, eine S-Klasse mit vernünftigen 140 km/h über die Autobahn pilotieren und sich von Dutzenden rasenden 5er-BMW und Audis „kassieren“ zu lassen, ist vielleicht nicht JederMANNs Sache. Doch genau das ist die eigentliche Meisterschaft der S-Klasse, sodass wir den etwas strafferen Sportmodus schnell wieder deaktivierten, der für etwas mehr Fahrdynamik und Direktheit sorgt, die dem bis auf 2,8 Tonnen beladbaren 5,30-Meter-Luxus-Liner nicht so gut zu Gesicht steht wie: Das sanfte Gleiten und souveräne Dahinschaukeln in einer unglaublich gut gedämmten Atmosphäre. Geführt vom guten Stern in der Fronthaube und dem leider 3.000 Euro teuren 3-D-Head-Up-Display, das einen lückenlos aufklärt, was gerade im Fahrzeug und Hintergrund passiert – und etwa auch per tanzendem Neonstreif am Horizont, wann der Benz einen Vorausfahrenden erkannt hat und in welchem Umfang. Damit kommt man zur eigentlichen Sahneseite der S-Klasse, die viel an Fahrerassistenz aus dem EQS vorwegnimmt.

Lesen Sie hier, wie "autonom" sich das Benz-Flaggschiff fährt.

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