Fahrbericht Mercedes-Maybach S 580: Sparsamer Saurier

Mercedes-Benz ermöglichte uns eine Selbst-und Mitfahrt im Maybach S 580. Abgesehen von der räumlichen und haptischen Opulenz beeindruckte uns vor allem die Kraft und relative Sparsamkeit des V8-Verbrenners

Mit dem Mercedes Maybach S 580 4 Matic krönt Daimler seine Palette. | Foto: G. Soller
Mit dem Mercedes Maybach S 580 4 Matic krönt Daimler seine Palette. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Es dürfte ein Abgesang auf alte Zeiten werden: Aktuell rollt Daimler die S-Klasse auch als Maybach an der Start und hat dazu auf eigene Kosten einige unverkundete Verbrenner aufgebaut, die es hinsichtlich Ausstattung und Opulenz mit Bentley und Rolls Royce aufnehmen sollen, wo man sich mit der Elektrisierung auch noch etwas Zeit lässt. Was umso mehr verwundert, als es in dieser Klasse mehr Platz (auch für Akkus) und Geld als sonstwo gibt, zumal der Wertverlust solcher Limousinen-Super-Luxusklasse den Besitzern ab dem ersten Meter die Tränen in die Augen treiben sollte. Zumal Daimler hier auch noch am V12 festhält, der zwar noch leiser, aber noch teurer und durstiger ist als der V8, weshalb wir die Chance, vielleicht letztmals einen neuen Serien-Mercedes-Benz V12 zu fahren zugunsten des alerteren V8 verstreichen lassen.

Die Preise starten vergleichsweise "moderat"

Kurz zu den Fakten: Die Über-S-Klasse mit 18 Zentimeter mehr Radstand und Außenlänge startet als 580 bei 164.565,10 Euro (das sind 138.290 Euro netto), der 680 beginnt bei 217.323,75 Euro, das sind 182.625 Euro netto. Der S 580 4MATIC braucht kombiniert: 10,2-10,9 l/100 km, und stößt entsprechend 233 bis 248 g CO2 pro Kilometer aus. Hier sorgt der bekannte V8-Benziner der Reihe M176 mit integriertem Starter-Generator der zweiten Generation und 48-Volt-Bordnetz für Vortrieb. Den Mercedes-Maybach S 680 4MATIC treibt der bekannte V12 der Reihe M279an, der schon auf dem Papier deutlich mehr Sprit braucht: Hier geben die Schwaben 13,3 bis 14,1l/100 km an, die CO2-Emissionen kombiniert liegen zwischen 305 und 322g/km. Zu den 370 kW (503 PS) im V8 kommen elektrische 15 kW (20 PS) und vor allem 200 Nm Drehmoment im Boost, auf die der V12 verzichten muss. Er schenkt dafür sechs statt nur vier Liter Hubraum ein, die rein via Verbrenner 900 Nm Drehmoment erzeugen, wo es der V8 bei 700 Nm „belässt“, so oder so stehen die ab 2.000 Umdrehungen zur Verfügung. Damit zoomen sich die Saurier nötigenfalls binnen 4,8 respektive 4,5 Sekunden auf 100 km/h, wobei der V8 akustisch deutlich lustvoller zu Werke geht als der V12.

Dazu kommt eine aktive Fahrgeräuschkompensation: Ähnlich wie bei Kopfhörern mit Geräuschunterdrückung verringert das System unerwünschte, tieffrequente Geräusche mit Hilfe gegenphasiger Schallwellen. Die aktive Fahrgeräuschkompensation ist eine Funktion des Burmester High-End 4D-Surround-Soundsystems und lässt im 580 tatsächlich nur noch ein entferntes V8-Donnern ans Fahrerohr dringen, die Fahrbahngeräusche bleiben weitgehend außen vor. Ersteres kann Spaß machen, aber er die absolute Ruhe sucht, ist im künftigen Maybach EQS sicher besser bedient, auch wenn es den (leider) nur mit Standard-Radstand geben dürfte – und dem innen die hallenartige Opulenz des „Standard“-Maybach merklich abgeht. Denn der Verbrenner bietet im Fond serienmäßig Executive Sitze und ein Chauffeur-Paket, weshalb wir das Auto zweimal fahren müssen: Einmal vorn, einmal im Fond.

Leider teuer: Die Zweifarblackierung

Bei den Ausstattzungen der Vorführer hat man geklotzt: Interessanterweise hebt die Zweifarblackierung (14.875 Euro, das sind 12.500 Euro netto) „mit filigranem Trennstrich“ die Optik massiv – und wer nicht noch mehr Geld für ganz eigene Farben in die Hand nimmt, kann hier zwischen zehn Farbkombinationen aus dem Farbfächer der Mercedes-Maybach Palette wählen. Raten würden wir auch zur Hinterachslenkung (für 1.547 Euro, das sind 1.300 Euro netto), die den Riesen sehr wendig machen und auf schnellen Autobahnpassagen für Ruhe bei Spurwechseln sorgen. Geduld braucht man für die elektrisch angetriebenen Komforttüren hinten (1.606,50 Euro, also 1.350 Euro netto): An den „dreckigen Griff“ muss man trotzdem kurz fassen, dann öffnen und schließen sich die Portale selbst an Abhängen, wo das Auto schräg steht, ohne Kraftaufwand. In Kombination mit dem MBUX Interieur-Assistenten im Fond lässt sich das Schließen der automatischen Komforttüren sogar per Handbewegung starten oder stoppen.

Der Verbrauch: einstellig ist sogar möglich!

Und so donnern wir los, von Donaueschingen ein Stück gen „Heimat“ Stuttgart, erst über Land, dann ein paar Kilometer auf der A 81 und freuen uns über den Verbrauch: der sinkt nämlich rasch von dramatischen 17 l/100 km auf deren zehn, was für ein Kaliber dieser Größe sehr wenig ist. Und da die A 81 bergab führt, wir es nicht zu zügig angehen und in der Ausfahrt auch noch verzögern – und damit boosten müssen, blitzt tatsächlich mal kurz eine Acht(!) in der Verbrauchsanzeige auf. Wer seinen Chauffeur triezen will, fordert einstellige Verbräuche, die sind mit ganz sanftem Gasfuß nämlich tatsächlich drin – wobei man dann selten mehr als 93 der 503 PS aufgaloppieren lässt. Doch tatsächlich fühlt sich der 580er wunderbar agil und leichtfüßig an, ohne je den donnernden V8 unter der Haube zu leugnen. Vergesst also den V12, der hier zum schlechteren E-Ersatz degradiert wird!

Mittlereile dämmert es und wir tauchen die Fahrbahn in gleißendes Digital Light (2.249,10 Euro, also 1.890 Euro netto), dass uns die kleinsten Winkel der Albsträßchen ausleuchtet und Hilfsmarkierungen oder Warnsymbolen auf die Fahrbahn projezieren kann. In dem Fall steht außer einem Wildwechsel-Hinweis nichts an. Und so gleiten wir erfreut zurück zum Ausgangsort, der V8-Verbrauch „donnert“ sich bei gut 10,0l/100 km ein und wir müssen feststellen, dass uns die große MBUX-Screen mal wieder viel zu viel Aufmerksamkeit gekostet hat – und künftig – mit geringen Abstrichen – auch C- und E-Klasse-Fahrer beschäftigen wird. Die Bedienung ist sehr eingängig, wenngleich viel ertoucht sein möchte, denn die Sprachassistenz ist noch nicht so weit, dass sie ein „Spiele Bach“ sofort aus diversen Streamingkanälen heraussucht, wenn man gerade noch im Radio die Börsennachrichten gehört hat.

Also wechseln wir in en Fond und freuen uns am reichlichst vorhandenen Platz und den weichen, weit in der Neigung verstellbaren Einzelsitzen. Der Chauffeur soll doch bitte mit der adaptiven Fondbeleuchtung (für geradezu lächerliche 345,10 Euro, also 290 Euro netto) das Innenraumlicht in Helligkeit und Farbtemperatur mehrstufig anpassen. Aber bitte nicht in diesem warm-schwülstigen gelb, lieber in cremefarbenen weiß? Oder doch in einem kühlen blau? Ach, wir können uns jetzt einfach nicht so recht entscheiden…zumal wir noch zu arbeiten haben, wofür die LED-Spotlights in Position und Größe verstellbar sind: Wir können sie wahlweise als Lese- oder Loungelicht nutzen.

Viele Elemente der Fondbedienung kosten Aufpreis

Der MBUX Interieur-Assistent im Fond muss natürlich sein. Auch er kostet nur günstige 523,60 Euro, also 440 Euro netto und kann Passagiere im Fond erkennen. Dann fahren die Kopfstützen automatisch aus. Mit intuitiven Handbewegungen lässt sich außerdem das hintere Sonnenrollo im Panorama-Schiebedach steuern. Gemein: Verfügbar ist er allerdings nur in Verbindung mit dem MBUX Interieur-Assistent vorne 642,60 Euro, das sind 540 Euro netto. Doch damit kann auch er Chauffeur exakte Befehle erteilen: „Hey Mercedes, starte Massage hinten rechts“ – und man spart sich sogar die eigenen Sprachbefehle! Und kann den Fahrer in den Wahnsinn treiben, wenn man mit dem MBUX High-End Fond-Entertainment (2.558,10 Euro, das sind 2.149,67 Euro) das volle MBUX Erlebnis mit direktem Zugriff auf Fahrzeugfunktionen hat. So kann man das Auto nach Lust und Laune beschallen, aber auf den beiden hochauflösenden, vollintegrierten 11,6-Zoll-Displays auch leise Filme schauen oder im Internet surfen.

Versilberte Champagnerkelche für 3.200 Euro netto

Verzichten würden wir wegen des Preises auf die versilberten Champagnerkelche (3.808 Euro, das sind 3.200 Euro netto). Klar, ein maßgeschneiderter Einsatz im Ablagefach und zwei passende Kelchhalter in der Mittelkonsole halten die Kelche auch während der Fahrt sicher an ihrem Platz, denn aktuell, im Sommer 2021, haben wir angesichts von CO2- und Corona nicht so viel zu feiern, dass wir täglich mit den Kelchen anstoßen könnten.

Was bedeutet das?

Trotz aller anfänglichen Zweifel waren wir positiv überrascht vom stimmigen Gesamtpaket des Mercedes-Maybach S 580 4 Matic – der merklich mehr als die Standard-S-Klasse bietet, aber (auch preislich) immer noch Respektabstand zu den Herrenzimmern von Bentley (mittlerweile optisch sehr Audi-lastig) und Rolls-Royce (wo man die BMW-Gene massiv kaschiert) hält. Er gibt eine fahrdynamische und klanglich herrlich bassige Alternative zu den anderen Überdrüber-Limos und ist trotz erreichbarer und vergleichsweise sparsamer Verbräuche im WLTP-Bereich schon jetzt irgendwie dezent „gestrig“ – wobei sich der EQS mit dem Standard-Radstand scher tun dürfte, ihm als echter Maybach-Mercedes zur Seite zu stehen. Wir saßen ja bereits drin – und müssen sagen: Trotz opulenter First-Edition-Ausstattung mit Zweifarbigkeit und Hyperscreen bietet er vor allem im Fond nicht die Fülle des Verbrenners…

 

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