Fahrbericht Mercedes-Benz EQE: Kleiner EQS

Der EQE ist eng mit dem EQS verwandt - was kann er als "Executive"-Limousine?

Gewagte Optik: Der EQE hat bei knapp 4,95 Meter Länge 3,12 Meter Radstand! | Foto: G. Soller
Gewagte Optik: Der EQE hat bei knapp 4,95 Meter Länge 3,12 Meter Radstand! | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Mercedes-Benz hat den EQS geschrumpft – um genau zu sein um eine Akkuzellreihe oder neun Zentimeter zwischen den Rädern und um gut 25 Zentimeter insgesamt. Innen bleibt es bei großzügigem Beinraum auch im Fond, wo es im Dachbereich allerdings doppelt zwickt: Einerseits kommt das einziehende Dach hohen Häuptern schon sehr nah, zudem hätten die Scharniere einer Heckklappe die Kopffreiheit im Fond zusätzlich eingeschränkt – und da man den EQE im Gegensatz zum EQS eher stahl-statt alulastig baut, entschloss man sich hier zum etwas unpraktischen Kofferraumdeckelchen. Das zudem bei der Karosseriesteifigkeit und den Kosten hilft, da billiger. „Billiger“ wirken auch so manche gewichtsoptimierte Oberflächen, die kreativ Holz oder Stoff simulieren, aber eben einfach (harter) Kunststoff sind. Dem könnte man vor allem auf der Beifahrerseite mit dem Hyperscreen gegensteuern, der aber üppige 7000 Euro Aufpreis kostet und beim EQE im Verhältnis stärker ins Kontor schlägt als beim EQS. Die übrigen Details fallen bis in die Ziernähte hinein wertig aus, ebenso wie die üppig gepolsterten Sitze, die sich optional mit Heiz-, Kühl- und Massagefunktion „aufpolstern“ lassen. Absolut langstreckentauglich also.

E wie „Executive“: Leise und komfortabel

Zeit, den Startknopf zu drücken und leise loszuströmen – was der EQE vor allem als Hecktriebler extrem gut beherrscht, denn man hört tatsächlich fast gar nichts! Während beim EQE500 4 matic der vordere E-Maschine für hörbaren Straßenbahnsound sorgt, wenn man keinen Kunstsound aktiviert. Und da der EQE350 plus mit 215 kW und 565 Nm auch untenrum schon mehr als genug Punch bietet, gilt ihm unsere klare Empfehlung. Klar, der 500er legt mit 300 kW und 858 Nm nochmal eine große Schippe drauf, die sich im Alltag aber nur selten voll „erfahren“ lassen. Zumal sich der EQE 350+ nach WLTP auf bis zu 654 Kilometer Reichweite aufschwingt. Davon bleiben, vorausschauend, aber nicht übertrieben sparsam gefahren, real immer um die 400 Kilometer übrig. Unterstützen kann einen hier das Navi, dass auf der eingegebenen Strecke immer intelligent rekuperiert.

Und da der EQE am Schnelllader mit bis zu 170 kW Strom nachziehen kann, genügt das auch für Langstrecken. Oder anders ausgedrückt: Binnen 15 Minuten lassen sich beim EQE bis zu 35,55 kWh nachladen – das entspricht einer Reichweite von bis zu 250 Kilometern auf WLTP-Basis. Zumal Mercedes-Benz einem jetzt das laden mit eigenen Tarifpaketen noch schmackhafter machen möchte: Es gibt die Pakete S, M und L, wobei der EQE Letzteres für ein Jahr gratis mitbringt (sonst 17,90 Euro monatlich) und es so ermöglicht, günstigere Einheitstarife zu nutzen – egal für welchen der über 300.000 Ladepunkte man sich EU-weit entscheidet. Womit die „E-Klasse“ im doppelten Sinne als Langstreckentauglich gelten darf. Und wer die nutzt, dürfte sich über das üppige Batteriezertifikat freuen: Es gilt bis zu einer Laufzeit von zehn Jahren oder bis zu einer Laufleistung von 250.000 Kilometern.

Auch bei der Bedienung ging es wieder einen Schritt weiter: Die umstrittenen Slider am Lenkrad empfinden wir nach wie vor als gut gelöst, trotzdem störte uns beim Wischen immer die gegenläufige Bewegung der aufzurufenden Fenster, die jetzt einfach „aufploppen“. Details, aber besser als vorher. Auch sonst kommt man (selbst ohne Hyperscreen) sehr gut zurecht mit der Bedienung, da vieles in die erste oder maximal zweite Ebene gelegt wurde und die Spracherkennung zu den Guten gehört.

Zum „Guten“ gehört auch das Fahrwerk, optional mit Hinterachslenkung, das praktisch alle Unebenheiten auch schlechterer Straßen dritter Ordnung souverän wegfedert ohne dabei schwammig zu wirken. Trotzdem frönt es klar dem Komfort und steht so in bester Mercedes-Benz-Tradition.

Auch Gewicht und Verbrauch fallen (leider) „traditionell“ aus

Zur „Tradition“ im negativen Sinne gehören auch die mit gut 2,3 Tonnen Leergewicht fühlbare Schwere – ein Problem, mit dem fast alle E-Auto-Hersteller kämpfen und der trotz toller Aerodynamik deshalb nicht ganz überragende Verbrauch, der allerdings auf Langstrecken stärker vom geringen Luftwiderstand profitiert als in der Stadt und auf kurvigen Landstraßen, wo das Gewicht stärker ins Kontor schlägt. Trotzdem ist unter 20 kWh/100 km wenig zu wollen. Außerdem spart sich Mercedes-Benz die Wärmepumpe. Der Antrieb stammt wie beim EQS von Valeo und auch hier haben die Franzosen schon einen noch effizienteren Nachfolger in der Mache.  

Doch wie gesagt, schon der E350+ bietet lässige Langstreckentauglichkeit auf EQS-Niveau. Und ist damit ein vollwertiger Ersatz der E-Klasse ohne zweites E im Namen – und tatsächlich ist der größte Verzicht gegenüber dem EQS unserer Meinung nach: Eine große Kofferraumklappe!

Was bedeutet das?

Vom Package her war der EQE sicher das herausforderndste Modell auf der noch jungen EVA-2-Plattform, auf der noch 2022 die kompakt aussehenden EQS- und EQE-SUV als GLS- und GLE-Ersatz folgen werden. Dummerweise kostet die gekappte Länge gegenüber dem EQS Punkte bei der Aerodynamik und im Heck – ansonsten kann der „E“ aufgrund vieler Übernahmeteile (fast) alles so gut wie der große Bruder. Wer eine langstreckentaugliche Businesslimousine sucht und auf das letzte Quäntchen Kofferraum und Variabilität desselben verzichten kann, erhält hier eine Executive-Klasse im besten Sinne des Wortes.

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