Fahrbericht Hyundai Ioniq 5: Ikonischer Start der GMP-Rakete

Mit dem Ioniq 5 startet das erste Konzernmodell auf der E-GMP-Plattform – die in Sachen Performance, Package und Preis Herausragendes bietet und das auch mit „ikonischem“ Design transportiert.

Der Ioniq 5 schlägt nicht nur optisch, sondern auch technisch ein neues Kapitel auf. | Foto: G. Soller
Der Ioniq 5 schlägt nicht nur optisch, sondern auch technisch ein neues Kapitel auf. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Dass ein neuer Hyundai für verdrehte Köpfe sorgt, kommt im Alltag eher selten vor – doch dem neuen Ioniq 5 gelingt das. Denn scharfe Kanten und Tagfahrleuchten im „Parametric Pixels“-Design, das auch Ioniq 6 und 7 erhalten werden, sorgen für Aufmerksamkeit. Tatsächlich setzt die glasklare Optik, die manche gern von Giugioaros Lancia Delta oder von Harris Mans Austin Princess ableiten, feine Akzente und tatsächlich hat sie Hyundai auch von seinem Ur-Pony-Showcar von 1974 abgeleitet. Und man muss sich fragen, warum uns diese optische Klarheit über die Jahrzehnte so abhanden kam.

Innen: Eine großzügige helle Lounge mit ebenem Boden

Klarheit gilt auch für das großzügige Interieur, das einen mit hellen Farben und viel Recyclingmaterial empfängt. Dabei verweist Colour-and-Trim Designer Yasin Savci darauf, das in den eingesetzten Garnen bis zu 32 PET-Flaschen verwebt sind und man so bis zu 70 Prozent CO2 spart. Wer statt des leinsamenölgegerbten Leders die hochwertigen Stoffsitze ordert, darf sich über bis zu 30 Prozent Wollanteil freuen, was man wiederum auch an der Innenraumluft und dem Wohlbefinden merken soll. Ganz neu entwickelt wurde darüber hinaus das Material „Peperette“, ein optisch raues papierähnliches Thermoplast, das zu 100 Prozent recycelbar ist und laut Savci ebenfalls keinerlei Allergene enthält.

Soweit die optischen und materiellen Highlights des neuen Ioniq, aber auch die verkleidete Technik hat es in sich: Auf 4,63 Meter Außenlänge gönnte sich Hyundai echte drei(!) Meter Radstand und Zwanzig-Zoll-Räder, dass der 1,89 Meter breite und 1,60 Meter hohe Ioniq innen so viel Platz bietet wie die obere Mittelklasse, optisch aber fast wie ein Kompakter aussieht. Im Unterboden sitzt das neue Akkupaket mit 58- oder 72,6-kWh-Akku, unter den Kofferraum duckt sich der Heckmotor, der optional von einer zweiten Maschine vorn unterstützt wird. Macht zwei Akkus mal zwei Antriebe – also vier Modelle.

Was den Ioniq so „unique“ macht

Zu ersten Ausfahrten stand die Topversion bereit, heißt: Allrad, 225 kW (305 PS) und bis zu 605 Nm Drehmoment. Wir drehen den „Wählhebel“, den Hyundai jetzt als Lenkstockhebel ausführt auf „D“ und strömen souverän los. Souverän auch deshalb, weil sich der Hyundai trotz erhöhter Touchbedienung immer noch extrem einfach bedienen lässt – das ewige Herumsuchen in Menüs unterbleibt, sofern man nicht spezielle Punkte im Navi oder seine vorvorletzte Playlist sucht. Und diese Einfachheit der Bedienung zusammen mit der klaren Optik innen und außen macht den Ioniq 5 aus!

Auf Tesla-Niveau: Reichweite auch real um die 400 Kilometer

So sollen auch beim Topmodell 460 Kilometer Reichweite drin sein, die in der gut klimatisierten Realität unter spanischer Sonne zu echten 400 Kilometern plus-minus x zusammenschnurren, was ein absolut ordentlicher Wert ist. Wer auf Allrad und ein paar PS verzichten kann, nimmt den 217-PS-Hecktriebler, der mit großem Akku bis zu 481 Kilometer weit kommt, was real echte 420 Kilometer sein dürften. So groß wie auf dem Papier sind die Unterschiede in der Realität ohnehin nicht: Da wir meist im „Eco-Mode“ fahren, zügelt der Ioniq 5 sein Temperament ohnehin merklich, nur in „Sport“ geht es bei Bedarf richtig vehement voran.

Aber um ganz ehrlich zu sein: Im Alltag dürfte den meisten Kunden und Flotten gar die 125-kW (170 PS)-Basis mit 58-kWh-Akku und Heckantrieb reichen, für die Hyundai bis zu 384 Kilometer Reichweite, also real gut 300 Kilometer angibt. Mit Allrad erhält man beim 58-kWh-Akku 173 kW (235 PS) und bis zu 360 Kilometer Reichweite, das nur der Vollständigkeit halber.

In achtzehn Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen – aber trotzdem kein Racer

Und so strömen wir dahin, erfreuen uns an der einfachen Bedienung und dem großzügigen Raumangebot auf allen vier Plätzen und der loungeartigen Gelassenheit, die der Ioniq 5 ausströmt. Denn Racer ist er trotz sauber abgestimmtem Fahrwerk keiner: Dazu ist er mit 2,1 Tonnen Leergewicht zu schwer und die Lenkung ist uns dazu zu synthetisch. Viel lieber gibt er den souveränen Gleiter, der beim Nachladen den nächsten Trumpf zieht: Seine 800-Volt-Architektur auf der brandneuen Elektro-Plattform E-GMP, die es erlaubt, im Idealfall binnen fünf Minuten bis zu 100 Kilometer Reichweite nachzuladen. Oder binnen Achtzehn Minuten (!) den Ladestand von zehn auf achtzig Prozent zu erhöhen.

Womit er sich auch als Langstreckengleiter empfiehlt – mit dezenten Abstrichen bei den Materialien, denn auch Hyundai will bezahlbar bleiben und setzt dazu an der sauber und knisterfrei verarbeiteten Armaturentafel ganz offen viel harten Kunststoff ein, den man aber ebenfalls schick gestaltet hat. Absolut Luxusklassenmäßig sind aber die umlegbaren Loungesitze mit ausfahrbarer Schenkelauflage vorn, die sich weit in die Waagerechte stellen lassen, so man beim Laden klimatisiert loungieren möchte.

Kein Wunder: Volle Auftragsbücher für den E-GMP-Stromer

Neben der Technik und dem Design scheinen diese Details vielen Kunden nicht entgangen zu sein, denn die Auftragsbücher von Hyundai sind voll, was Hyundai-Deutschland-Chef Jürgen Keller extrem freut: Bereits die teure Startedition „Project 45“, von der ohnehin 1150 der 3000 Modelle für die EU nach Deutschland kommen, war laut Keller „dreifach überzeichnet“. Tatsächlich waren die ersten 1.150 Ioniq 5 binnen 24 Stunden vergriffen und Hyundai war selbst ganz überrascht von einem solchen Interesse. Laut Keller sind bis zum 25.6.2021 bereits über 5.400 Bestellungen eingegangen – bis Jahresende hat man mit 8.000 Einheiten geplant, für die Keller nach den Bestelleingängen auch schon Prognosen wagt.

Großer Akku mit 60 Prozent Anteil

In Deutschland greifen derzeit 60 Prozent zum großen Akku – womit der nicht ganz so populär ist wie beim Kona, weil er hier aber auch schon für ordentliche Reichweiten sorgt. 53 Prozent greifen zum Allrad und 48 Prozent zum 8.500 Euro (knapp 7.150 Euro netto) teuren Tech-Paket und damit zur zweithöchsten Ausstattung. Aber auch die teuerste Unique-Ausstattung, 11.850 (netto 9.960 Euro) zieht noch 15 Prozent der Kunden, während 32 Prozent die 5000 Euro (gut 4.200 Euro netto) für das Dynamikpaket bezahlen.

Bleibt für die „Basis“ ein Fünf-Prozent-Anteil. Jetzt ist die per se auch schon sehr komplett ausgestattet, verzichtet aber eben dann doch auf Essenzielles wie die stromsparende Wärmepumpe oder das volle Arsenal an Sicherheitsassistenten… Dafür kann man sie ab 249 Euro leasen (bei 8.000 Euro Anzahlung, von der 6.000 aus der Förderung stammen, über 48 Monate bei 40.000 Kilometern Laufleistung). Der Preis bleibt trotz dem tollen Package also zumindest an der Basis Hyundai-typisch heiß.

Fast wie ein Verbrenner: 1,6 Tonnen Anhängelast beim großen Akku, kurze Serviceintervalle

Dazu kommen acht Jahre Garantie (auch auf den Akku) und zwölf Monate Entfall der Grundgebühr bei Ionity, wo man ab 0,29 Euro laden kann. Doch mittlerweile setzt auch Hyundai darüber hinaus auf ein eigenes Ladenetzwerk mit mittlerweile 230.000 Punkten in Europa und möchte den Kunden damit, wie Porsche, Audi, BMW oder Daimler die Hyundai-eigene Ladekarte ans Herz legen.

Und damit man den Kontakt zum engagierten Händler nicht verliert, auf den die Koreaner nach wie vor ganz klassisch setzen, hat man eher enge Serviceintervalle von 15.000 Kilometern respektive einem Jahr vorgesehen, was etwas „verbrennerartig“ wirkt. Was aber auch für die Anhängelast gilt: Denn der Ioniq darf mit dem großen Akku bis zu 1.600 Kilogramm an den Haken nehmen…noch so ein Kopfverdreher: Elektroauto mit Wohn- oder leichtem Pferdeanhänger! Achtung: Bei der kleinen Batterie bleiben da nur 750 Kilogramm übrig.

Klares Line-up und trotzdem die Qual der Wahl

Die Preise starten ab 41.900 Euro brutto, das sind gut 35.210 Euro netto und enden, wenn man sich die Topmotorisierung, den großen Akku und die Unique-Ausstattung gönnt, derzeit bei 60.750 Euro brutto, das sind gut 51.050 Euro netto. Trotz klar gestalteter Preisliste haben die Kunden jetzt die Qual der Wahl und dürften ihren Kopf mehrmals von der einen zur anderen Ausstattungsoption drehen, bevor sie den Passanten die Köpfe verdrehen – im Hyundai!

Was bedeutet das?

Hyundai will laut Jürgen Keller vom Fast Follower zum Treiber im Markt werden, was mit einem ganzheitlichen, perfektionistischen Ansatz auch gelingt: Der Ioniq 5 bietet ikonisches Design, starke 800-Volt-Technik, große Akkus und auf 4,6 Metern bei drei Metern Luxusradstand viel Platz. Und hat viele Details sehr fein gelöst, womit der Anspruch gelang: Der Ioniq 5 hat zusammen mit der neuen Plattform tatsächlich das Zeug, die Marktbegleiter von welcher Marke auch immer, vor sich herzutreiben. Er ist auch gegenüber Kona und Co. wieder ein Riesenschritt in der E-Mobilität und zeigt, mit was hier perspektivisch noch zu rechnen ist.

 

 

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