Fahrbericht Genesis GV60: Der Baby-Bentley

Mit dem GV60 bietet Genesis einen elektrischen Premium-SUV - mit Premium-Interieur und -Service.

Überrascht: Redakteur Soller vor dem neuen Genesis GV60, der mit vielen Details für Wow-Effekte sorgte. | Foto: Dominik Fraser/Genesis
Überrascht: Redakteur Soller vor dem neuen Genesis GV60, der mit vielen Details für Wow-Effekte sorgte. | Foto: Dominik Fraser/Genesis
Gregor Soller

Schon rein optisch machen die Genesis-Modelle mit ihren Quad-LED-Leuchten an Front und Heck viel her. Der Eindruck bleibt beim Einsteigen erhalten – das Auge fällt zumindest im topausgestatteten Sport plus auf Alcantara, (veganes) Leder und dicke Teppiche. Man hat fast den Eindruck, als hätte Chefdesigner Luc Donckerwolke sämtliche Ideen von Bentley direkt auf Genesis übertragen, nur bei den Schaltern und Tastern aus Kunststoff musste er etwas sparen.

Kräftiger Antrieb - bis zu 235 km/h Topspeed

Wir drücken den Startknopf, lassen die Crystal-Sphere-Kugel in der Mittelkonsole per Rotation zum Drive-Selector mutieren und strömen los. Und wundern uns weiter, wie viel kompakter und straffer als seine Plattformbrüder sich der GV60 fährt: Als hätte Genesis den Ioniq 5 und den Kia EV6 nochmal destilliert und alle positiven Eigenschaften nochmal verdichtet – bis ins Fahrwerk: Der GV 60 fährt sich merklich kompakter und lenkt sich knackiger als die anderen E-GMP-Modelle und federt harte Fugen und Verwerfungen trotzdem sanfter an. Und stürmt bei Bedarf den Feldberg hoch, dass man mit dem lenken kaum hinterherkommt: Denn hier zerren an der Vorder- und Hinterachse je ein 160-kW-Hochdrehzahlsynchronmaschinen, die im Boost für zehn Sekunden nochmal 40 kW extra freigeben, sodass in Summe 700 Nm und 490 PS den 2,1 Tonner bergan fliegen lassen.

Der Verbrauch entspricht in etwa seinen Plattformbrüdern und betrug am Ende unserer Runde knapp 21 kWh/100 km. Wer dessen Potenzial voll ausschöpft, kann allerdings schnell bei 30 kWh landen, um umgekehrt unter 20 kWh zu kommen, muss allerdings schon spaßbefreit unterwegs sein. Gar nicht spaßbefreit das üppige Topspeed von 235 km/h (Sport „nur“ 200 km/h), was beim eher mäßigen cW-Wert von 0,29 aber extrem auf den Verbrauch schlagen dürfte. Dafür kann der GV 60 umgekehrt mit bis zu 0,5g rekuperieren, was ein sehr starker Wert ist. Und er hat die im Winter zum Heizen wichtige Wärmepumpe immer serienmäßig an Bord.

Auch Sicherheitsassistenten und Infotainment hob Genesis auf den aktuellst verfügbaren Stand, wobei man zugeben muss, dass sich Letzteres gut bedienen lässt, es beim Sprachverständnis aber Bessere gibt, die auch abstraktere Anweisungen verstehen. Nicht ganz so übergriffig wie bei Hyundai und Kia erlebten wir die Fahrassistenten, die hier nicht ganz so oft und heftig piepten und ins Lenkrad griffen. Nicht uneingeschränkt empfehlen lassen sich auch die digitalen Außenspiegel mit Kamera: Man muss den Kopf nicht soweit drehen wie sonst. Außerdem zeigen beim Spurwechsel immer per eine gelber und roter Linie an, wieweit das auftauchende Fahrzeug noch weg ist. Gelb wird kritisch, rot ist viel zu nah – und: Das Sichtfeld ist laut Genesis zwar merklich größer und fast ohne toten Winkel, trotzdem erfordern die Kamerabilder eine massive Eingewöhnung vor allem beim Rückwärts-rangieren.

Mit Hol- und Bringservice samt persönlichem Assistenten

Ein bisschen „herausdestilliert“ hat Genesis beim GV60 auch das üppige Platzangebot im Fond: Mitfahrer über 1,8 Meter fühlen eher lederbehandschuht-eng eingepackt – da bieten die längeren Familienmitglieder trotz auch hier ebenem Boden merklich mehr Raum. Üppigst fallen dafür Service und Garantie aus: Fünf Jahre lang erhält man eine:n „GPA“ zur Seite gestellt: Der oder die Genesis Personal Assistant liefert das neue Fahrzeug vor die Haustür oder das Büro und holt ihn im Servicefall auch dort ab, Tauschfahrzeug inklusive – ein Anruf genügt. Womit man das komplette Service-, AU/HU-, Reifenwechsel- und Reparaturthema vom Tisch hat: GPA anrufen und es wird sich gekümmert. Was unserer Meinung nach der wahre Luxus an der Luxusmarke des Hyundai-Konzerns ist. Und nicht ganz umsonst zu haben ist: Die Preise für den 4,51-Meter GV 60 starten bei 56.370 Euro (das sind knapp 47.370 Euro). Dafür gibt es die bekannten zwei Elektromotoren (160 kW hinten/74 kW vorn) und Allradantrieb samt einer WLTP-Reichweite von bis zu 470 Kilometern, von denen real eher 300 Kilometern übrig bleiben. Der GV60 Sport Plus kostet ab 71.010 Euro (das sind gut 59.670 Euro netto) und soll bis zu 466 Kilometer weit kommen –hier konnten wir unsere 300-km-These überprüfen und sahen sie bestätigt. An 350-kW-HPC-Ladern zieht der GV60 mit bis zu 240 kW und soll binnen 18 Minuten von 10 auf 80 Prozent geladen haben – womit auch Genesis das eher asiatische Dogma vertritt, mit den Akkugrößen (und damit auch –gewichten und –kosten) zu haushalten und dafür lieber schneller zu laden, was hier dank 800-Volt-Technik kein Problem ist. Schade nur, dass er AC nur mit maximal 11 kW lädt (dreiphasig dann von 10 auf 100 Prozent in sieben Stunden und 23 Minuten).

Die ersten Auslieferungen sollen am 7. Juni 2022 erfolgen. Durch den Umweltbonus gehen in Summe nochmal 2975 Euro Umweltbonus von Genesis weg und der Staat überweist bei der Zulassung bis Ende 2022 nochmal 5000 Euro, sodass man den Nettopreis des Basis-GV-60 am Ende knapp unter die 40.000-Euro-Marke drücken kann – womit die Genesis-Preisliste etwa dort anfängt, wo die des Mercedes-Benz EQB und Audi Q4 e-tron aufhört, was sich relativiert, wenn man Ausstattung, Haptik und Leistung mit einbezieht – wo er GV60 eher über als neben den sogenannten deutschen Premiums steht. Und sich auch massiv von seinen Plattformgeschwistern abhebt – ein „Baby-Bentley“ eben – kleiner hat es Donckerwolke wohl einfach nicht gehabt.

Was bedeutet das?

Wow! Wir hätten nicht gedacht, dass sich der GV60 so anders fährt als seine Konzerngeschwister – und innen so wertig ausgeschlagen ist. Womit Genesis eine echte Alternative zu den etablierten Euro-Premiums darstellt.

 

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