Fahrbericht Aiways U5: Leise und konsequent

Ab Oktober 2020 will Aiways sein SUV U5 in 2021er-Konfiguration liefern. Wir fuhren noch das 2020er-Modell, dass aber in Grundzügen dem Jahrgang 2021 entspricht.

Aktuell startet Aiways seine Deutschlandtour bei den Euronics-Händlern. | Foto: G. Soller
Aktuell startet Aiways seine Deutschlandtour bei den Euronics-Händlern. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Nach der Pressepräsentation waren jetzt die Euronics-Händler dran, den Aiways U5 interessierten Kunden für Probefahrten zur Verfügung zu stellen. Wir klinkten uns am dritten Tag in Geretsried südlich von München ein und trafen dort auf überraschend interessante Botschaften: Denn viele Kunden wissen schon genau, was sie wollen und haben teils schon jahrelange Erfahrung mit Elektroautos. So wurden in den ersten beiden Tagen laut den Euronics-Kollegen in Gertesried bereits 13 Aiways-Kaufverträge unterschreiben. Viele wussten also, weshalb sie gekommen waren und was sie erwartete. Ein Herr aus Garmisch-Partenkirchen fragte nach dem Service, den natürlich die örtliche ATU-Niederlassung übernehmen könnte. Ersatzteile? Sollen zum Marktstart zu 80 Prozent verfügbar sein. Anhängekupplung – auch um einen Fahrradträger zu montieren? Soll im Frühjahr 2021 zum Saisonstart montiert werden können. AC-Laden? Leider nur einphasig, DC immerhin mit bis zu 90 kW, wodurch der U5 von 30 auf 80 Prozent binnen einer halben Stunde geladen sei. Immerhin, denn das einphasige AC-laden war für ein Paar, dass aktuell Renault Zoe und Hyundai Kona fährt, fast schon ein Killerkriterium – dreiphasig AC-Laden ist für die Elektromobilitätserfahrenen mittlerweile eigentlich „Standard“ bei neuen Modellen. Dafür überzeugte sie der riesige Kofferraum und der „Frunk“ unter der Haube, der ebenfalls mehr und mehr zum „Muss“ für Elektromobilisten wird – um dort die Ladekabel griffgünstig zu verstauen. Not-Aus? Entweder unter der großen Frontabdeckung mechanisch oder man drückt beim Schlüssel gleichzeitig die Auf- und Zusperrtaste. Gute Idee!

Zeit, Platz zu nehmen und loszufahren. Also: Package stimmt, Optik auch, die Verarbeitung dürfte noch eine Nuance zulegen. Ist zwar Lichtjahre besser als bei Tesla, aber der Glanzgrad der Lenkradnabe ist etwas zu hoch und die umlegbaren Rücksitzflächen machen keinen allzu soliden Eindruck – toll, dass man mit ihnen eine ebene Ladefläche schaffen kann, aber man sollte hier etwas vorsichtig agieren. Dafür fassen sich alle wichtigen Bedienelemente gut und wertig an, sowie überhaupt die Bedienung keine Rätsel aufgibt. Man merkt hier, dass die Aiways-Truppe in ihrer Urform geballtes Know-How von Audi und VW mitbringt. Mittlerweile arbeiten auch Ex-BMW und –Tesla-Mitarbeiter bei dem chinesischen Newcomer.

Das EU-Modell 2021 packt nochmal 10 kW Leistung drauf: 150 statt 140 kW.

Aktiviert wird der U5 per Druck auf die Bremse: Man geht hier einen Mittelweg zwischen Nios „always on“-Lösung und den meisten anderen Stromern, die per Knopfdruck erweckt werden wollen. Wählrändel auf „D“ gestellt und der U5 strömt los. Hier könnte der Pedalweg noch etwas linearer sein, denn anfangs gibt er sich sehr dezent, um dann ordentlich „Strom“ zu geben. Es gibt drei Fahrmodi, die man etwas umständlich über die rechte Lenkradspeiche auswählt. Umständlich deshalb, weil der Druckpunkt etwas gewöhnungsbedürftig definiert ist: Einfach nur den Daumen drauf legen tut es nicht – hier will schon fest gedrückt werden – aber man gewöhnt sich schnell daran. Im Eco-Modus bleibt der U5 dann sehr dezent, was sich ändert, sobald man in Standard oder Sport geht. Dann wirft er seine kompletten 140 kW, aus denen in den 2021er-Modellen 150 kW (204 PS) werden an die Vorderräder.Hier geht Aiways bewusst einen anderen Weg als viele andere Hersteller, um so einen großen Laderaum bieten zu können. Deshalb packt man die ganze Technik unter die Haube.

Aber selbst im Sportmodus wird der U5 jetzt nicht zum Renner -  hier ist man mittlerweile (zu) verwöhnt von den Leistungsexzessen anderer Elektroauto-Hersteller. Trotzdem: Das was geboten wird, passt exakt in den Alltag der meisten potenziellen Kunden und der Verbrauch bröckelte auf unserer Proberunde schnell von anfänglichen 43 kWh/100 km auf 22 kWh/100 km ab. Das Drehmoment beträgt solide 315 Newtonmeter. Wer weiter dezent über Landstraßen strömt, kann sich sicher den 17,4 kWh/100 km annähern, die Aiways nach WLTP angibt, auf der Autobahn stehen aber schnell auch mal mehr als 25 kWh auf dem Display. Noch nicht zufrieden sind die deutschen Aiways-Vetreter mit der Reichweitenanpassung des Bordrechners, der sehr lange bei Reichweitenangaben über 400 Kilometer verbleibt, die sich aus dem brutto 63 kWh leistenden Akkupack schon rein rechnerisch nicht ergeben können, selbst wenn man mit 17 kWh unterwegs wäre. Realistischer sind gut 300 Kilometer plus x. Wem das nicht genügt, der soll später Wem die von Aiways in Aussicht gestellte Reichweite nicht genügen sollte, der soll später ein aus sechs Akkus bestehendes Zusatzpaket zu mieten. Heißt: Plus zwanzig Kilowattstunden und ungefähr plus 100 Kilometer Extra-Reichweite. Das Besondere daran: Diese Batterie-Pakete soll man an jeder Tankstelle mieten beziehungsweise tauschen können, wahrscheinlich auch bei ATU.

Das Fahrwerk ist gekonnt abgestimmt

Positiv aufgefallen ist uns nebenbei er für einen Fronttriebler kleine Wendekreis und die leichtfüßige Abstimmung des immerhin fast 1,8 Tonnen schweren SUV. Denn manche Modelle, denen der Akku „nachträglich“ eingehängt wurde wie der Opel Corsa e oder auch der Mini Cooper SE wirken hier, als würden sie einen zu vollen Magen spazierenfahren, den eine extra straffe Federung und Dämpfung kompensiert. Zwar trägt auch der Aiways seine akkus unterflur, wirkt hier aber wie Jaguar I-Pace oder Nio ES6 harmonisch abgestimmt. Die Lenkung könnte eine Idee mehr Direktheit vertragen, dafür finet jeer auf Anhieb die richtige Sitzposition. Auch Aiways setzt hier auf Integralsitze, die zwar wahnsinnig schick aussehen, aber nicht so komfortabel sind wie Standardgestühl mit Standard-Kopfstützen. Zumal diese hier wegen dem Euro-NCAP-Crashnorm auch nahe die Köpfe der Insassen heranmontiert sind. Dort holte der U5 2019 allerdings nur drei Sterne: Beim Seitenaufprall entfaltete sich der Fahrerseitenairbag nicht schnell genug, was hier das Ergebnis verhagelte. Möge der 2021er-Jahrgang dieses Problem beseitigt haben. Groß aufgefahren hat Aiways derweil bei Kameras und Sensoren: Der Aiways U5 bietet insgesamt 22 davon. Darunter zwölf Ultraschallradare, fünf HD-Kameras, drei Millimeterwellen-Radare und zwei Innenkameras. Alle Systeme helfen, Straßen, Fahrzeuge, Fußgänger und Hindernisse zu erfassen. Navigation ist dagegen immer das eigene Smartphone. Hier lohne sich der Aufwand nicht, in eigene Lösungen zu investieren, da es viele Apps und Plattformen auf dem Smartphone besser wären. Ein interessanter, aber nachvollziehbarer Ansatz.

Für viele weniger wichtig dürfte das fehlende Handschuhfach auf der Beifahrerseite sein, das der 2021-EU-U5 ebenfalls erhalten wird. Stattdessen ist hier viel Platz für die Knie der Beifahrer. Gestartet wird in den drei Farben: Gletscherweiß, Electric Blue und Aubergine, innen kann man zwischen schwarz und einem hellen beige wählen. Letzteres wirkt eleganter, dürfte aber auch etwas verschmutzungsanfälliger sein.

Am Ende kehren wir wieder zurück zum Ausgang und freuen uns über ein optisch gelungenes SUV, dass ein durchdachtes Package mit viel Platz und nicht hohen Gewichten kombiniert. Ein paar Details bei Verarbeitung und Sicherheit würden dem 2021er-Update nicht schaden, ebenso wie eine Nachjustierung der Software. Die soll künftig over-the-air geupdated werden.

Garantie und Service? Auf den Akku gewährt Aiways die üblichen acht Jahre und ja, zum Service will man ihn bei ATU auch sehen: Zum ersten Mal nach 100.000 Kilometern! Was die TCO unterstützendürfte, denn mit Preisen ab 37.990 Euro (knapp 32.000 Euro netto bei 19% Mwst.) respektive 40.990 Euro brutto (knapp 34.500 Euro netto bei 19% Mwst.) vor Abzug aller Rabatte ist der U5 ein sehr faires Angebot – das zur rechten Zeit kommt. Denn aktuell hat der U5 kaum Konkurrenten!

Was bedeutet das?

Aiways begann seine Kommunikation nach vielen anderen Start-ups und liefert jetzt aber Fakten statt Worthülsen. Und bietet damit eine preisgünstige Alternative zu Tesla und Co., der die etablierte Autoindustrie bisher noch erstaunlich wenig direkte Konkurrenten entgegensetzen kann. Jetzt liegt es an Euronics und ATU, aus dem Produkt eine langfristige Erfolgsgeschichte zu machen. Die Anlagen dafür stimmen!

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