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Expo Real 2019: Drei Städte, drei Häfen, drei Welten – drei Sharing- und Infrastrukturkonzepte

Wie funktioniert shared mobility? Drei Praxisbeispiele aus Belfast, Helsinki und Hamburg.

Drei Städte, drei Häfen, drei Konzepte: Moderator G. Soller, Prof. Gesa Ziemer, Vizepräsidentin Forschung und Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Praxis an der HCU Hafencity und Reeta Putkonen, Director of Transportation planning division Helsinki lauschen den Ausführungen von Richard Griffin, Developement Manager beim Belfast City Council (v.l.) | Foto: Jessica Wiesenberger
Drei Städte, drei Häfen, drei Konzepte: Moderator G. Soller, Prof. Gesa Ziemer, Vizepräsidentin Forschung und Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Praxis an der HCU Hafencity und Reeta Putkonen, Director of Transportation planning division Helsinki lauschen den Ausführungen von Richard Griffin, Developement Manager beim Belfast City Council (v.l.) | Foto: Jessica Wiesenberger
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Gregor Soller

Ein Diskussionspanel im intelligent Urbanization Forum der Expo Real beschäftigte sich mit Mobilitäts- und Sharingkonzepten in Innenstädten – und brachte so unterschiedliche Ansätze wie Erfahrungen hervor. Es begann Richard Griffin, Development Manager des Belfast City Council, der aktuell noch ganz andere Sorgen hat als nur Sharing-Konzepte: Der Brexit hängt wie ein Damoklesschwert über der irisch-nordirischen Grenze und die ehemals gigantische Harland&Wolff-Werft, welche einst die Ozeanriesen Titanic, Britannic und Olympic baute, meldete mit ihren letzten 123 Mitarbeitern im August Insolvenz an. Die Werftenkrise musste Belfast aber ohnehin schon in den 1980er-Jahren meistern und seitdem baut man die Stadt auch massiv um. Dabei hat Griffin mit der Problematik zu kämpfen das auf keine 350.000 Einwohner ein Einzugsgebiet mit rund 1,5 Millionen Einwohnern kommt, von denen viele noch per Pkw in die Stadt pendeln. Erster Befreiungsschlag war natürlich ein Ring um die Stadt mit Park-and-Ride-Möglichkeiten, und jetzt zündet man die nächsten Stufen: Neue Wohngebiete entstehen soweit das möglich ist, in der Stadt und Richtung Hafen respektive Werft, sodass die künftigen Einwohner im Idealfall gar kein Auto mehr brauchen werden. Und die Erweiterung der Universität legt man laut Griffin bewusst nah an den Cityring, denn: Wer von außerhalb per Auto anreist, muss so nicht mehr in die Stadt und Studenten, die oft ohnehin keinen eigenen Pkw haben, können die Uni immer noch schnell öffentlich oder per Rad erreichen. Und Sharing? Etabliert man laut Griffin ebenfalls, da auch in der Innenstadt von Belfast mehr und mehr Menschen überlegen, auf ihr Auto zu verzichten.

Da ist man in Helsinki schon einen Schritt weiter und hat mit rund 700.000 Einwohnern auch gut die doppelte Bevölkerung. Aus Finnland war Reeta Putkonen, Director of transportation planning division der City of Helsinki angereist und brachte ein Bündel von Maßnahmen mit – wobei die Finnen hier ganz anders durchgreifen als die Nordiren: Denn hier überlegt man tatsächlich, große Einfallstraßen im Innenstadtbereich komplett in Fußgängerzonen mit Bäumen umzuwidmen: „Grün ist uns in Helsinki sehr wichtig“, erklärt Putkonen dazu und erläutert, dass die Grünflächen und 300 Inseln der Stadt bezüglich Bebauung eher tabu sind. Ebenso konsequent ließ man jetzt bei neuen Quartieren die Stellplatzfrage offen, was die Projektplaner sichtlich aus der Fassung brachte, wie sich Putkonen erinnert: „Wie – die Stadt macht keine Stellplatzvorgaben für Pkw mehr? Ist das ihr Ernst?“ Es ist Putkonens Ernst, denn auf diese Weise möchte man auch sehen, wie der „freie Markt“ auf solche Freiheiten reagiert – zumal man den Raum für Pkw-Stellplätzen dann anders nutzen kann oder sollte. Und Sharing? Wird sehr konsequent betrieben vom Startup Maas, das die Whim genannte App etabliert hat: Mit der kann man alles nutzen: Leihrad, ÖPNV, Taxi oder eben einen Pkw. Erste Ergebnisse: Whim kommt sehr gut an und ist ein weiteres Puzzlesteinchen für Helsinkis Zukunft.

 

Mit knapp zwei Millionen Einwohnern ist Hamburg die größte der drei Hafenstädte und dort lehrt und forscht die Schweizerin Gesa Ziener, ihres Zeichens Vizepräsidentin Forschung und Professorin für Kulturtheorie und kulturelle Entwicklung an der HCU Hafencity Uni für Baukunst und Metropolentwicklung Hamburg. Und auch in Hamburg wird natürlich „geshared“: Nicht nur Autos, sondern auch Kleinbusse: Mittlerweile hat die VW-Tochter Moia 500 Fahrzeuge in der Hansestadt platziert, die laut Ziener so gut ankommen, dass man durchaus noch mehrere davon einsetzen könnte. Und auch Hamburg legt Wert auf eine möglichst autofreie Umgebung und einen guten Zugang zum Wasser. Und um die Menschen für den ÖPNV zu begeistern, braucht es laut Ziener auch schöne Stationen. Nun sei Hamburg nicht Moskau, aber die neuen Stationen entlang der neuen U-Bahn an der Hafencity wurden allesamt in die Hände von Architekturbüros gelegt, welche sie ansprechend gestaltet haben. Ästhetik und Komfort zeichnet auch die Moia-Shuttles aus, die an die Business-Class im Flieger erinnern. Denn laut Ziener könne man die Menschen nicht nur über Restriktionen und Verbote, sondern auch über Komfort und Service für alternative Mobilität und Sharing-Konzepte gewinnen. Trotzdem kann man natürlich mit der Preisschraube etwas nachhelfen, wie sie aus ihrem Heimatland, der Schweiz, zu berichten weiß: Wenn ein Zugticket nur ein paar Franken kostet, die Stunde Parken in der Innenstadt aber zweistellige Beträge koste, würden ganz schnell ganz viele Bürger umsteigen. Gleichwohl die Schweiz als kleines Land sich hier leichter tut, solche Planungen mit der eigenen Bahn auch konsequent umzusetzen.

Trotzdem, und hier herrscht Einigkeit von Belfast bis Helsinki: Autos werden die Innenstädte verstärkt räumen müssen zugunsten freier Fußgängerzonen und Plätze, die zum Verweilen einladen – womit man einen weiteren Anreiz gibt, den Verkehr zu reduzieren und Mobilität dafür zu teilen.

Was bedeutet das?

Drei Hafenstädte, die das gleiche Ziel haben, aufgrund unterschiedlicher Ausgangspositionen und Größen allerdings unterschiedlich agieren. Allen gemeinsam ist aber, dass man sowohl in der Stadt als auch am Wasser qualitativ hochwertige Flächen und Quartiere entwickeln möchte und der (teils noch stark vorhandene) Verkehr dafür auch zurückgedrängt werden wird. Wobei „Sharing“ definitiv eines von mehreren Mitteln zum Zweck ist.

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