EU plant strengere Abgasgrenzwerte - E-Autos allein keine Lösung

Bis zu 300.000 vorzeitige Todesfälle in der EU gehen auf schlechte Luft zurück. Klimakommissar Frans Timmermans will das nicht länger hinnehmen und schlägt eine Verschärfung der Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide vor. Die bleiben hinter den Empfehlungen der WHO zurück, die von neuen Gesundheitsstudien gestützt werden. Widerstand droht dennoch.

Bessere Luft: Die EU-Kommission will die alten Regeln von 2008 ablösen und schlägt deutlich strengere Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid vor. | Foto: J. Reichel
Bessere Luft: Die EU-Kommission will die alten Regeln von 2008 ablösen und schlägt deutlich strengere Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid vor. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Die EU-Kommission hat Pläne für eine Verschärfung der Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxid vorgestellt, die für gesündere Luft in den 27 EU-Mitgliedsstaaten sorgen sollen. Gemeinsam mit dem Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius stellte Kommissionsvizepräsident und Klimakommissar Frans Timmermans die Pläne vor, die dazu beitragen sollen, die 300.000 vorzeitigen Todesfälle in der EU, davon 70.000 durch den Verkehr, die auf das Konto schlechter Luft zurückgeführt werden, zu reduzieren. Dazu gehören Krankheiten wie Asthma, Lungenkrebs oder Herzprobleme. Damit soll das seit 2008 bestehende Regelwerk abgelöst werden. Allerdings bleibt man hinter den noch strengeren Empfehlungen der WHO zurück: Die Kommission schlägt beim Feinstaub, der etwa aus Reifen- und Bremsabrieb sowie Abgasen aus Fahrzeugen, aber auch von Heizungen erzeugt wird, eine Reduktion von 25 auf zehn Mikrogramm pro Kubikmeter Luft vor und beim Stickoxid von 40 auf 20 Mikrogramm.

Die WHO hält eine Absenkung auf fünf und zehn Mikrogramm Feinstaub und Stickoxid für notwendig. Über die Grenzwerte hinaus will die Kommission betroffenen Bürger*innen die Klage auf Schadensersatz erleichtern sowie die Vertretung durch NGOs. Die Pläne müssen jetzt im üblichen Trilog-Verfahren mit den Ländern abgestimmt werden. Vor allem aus Mittel- und Osteuropa wird Widerstand erwartet. Gegen die meisten der Staaten, wie auch gegen Deutschland, läuft aktuell ein Vertragsverletzungsverfahren, weil die laxeren aktuellen Grenzwerte nicht eingehalten werden.

Abgase beeinträchtigen das Denkvermögen - und befördern Demenz

Jüngste Forschungen des britischen Wissenschaftlers Charles Swanton zur Gesundheitsgefahr durch ultrafeinen PM-2,5-Feinstaub bestätigten eine deutliche Erhöhung des Risikos, an Lungenkrebs zu erkranken, wie Spiegel Online berichtet. Zudem können die Partikel in den Blutkreislauf eindringen und für Herzrhythmusstörungen sorgen, über die Bauspeicheldrüse auch zu Diabetes. Nicht zuletzt sorgen die Partikel bei Eindringen ins Hirn für deutlich reduzierte Denkleistung, wie eine Studie der Uni Rostock ergab. Mit der Feinstaubbelastung am Wohnort nahm in der Tat die Gehirnleistung ab. Über eine Lebensspanne sei so das Risiko erhöht, an Demenz oder Parkinson zu erkranken. Es sei daher notwendig, die Grenzwerte so niedrig wie möglich zu halten, so das Fazit der Forscher. Zudem sollte die Bevölkerung über das Risiko aufgeklärt werden.

Lasche Euro-7-Pläne: EU-Kommission konterkariert sich selbst

Konterkariert werden die Pläne von Timmermans durch die jetzt offenbar deutlich laxer geplanten Regularien für die Euro-7-Norm, die vor kurzem bekannt wurden und die von der EU-Kommission selbst vorgeschlagen werden. Offenbar scheut man vor dem Hintergrund der Energiekrise vor allem bei Benzinern die Mehrkosten, die für einen bei der ursprünglich avisierten Euro-7-Norm notwendigen E-Kat, der die Abgase schon unmittelbar nach dem Start reduziert, fällig würden. Diese liegen bei etwa 300 Euro. Jüngst hatte in dem Kontext der Zulieferer und Spezialist Vitesco den Verkauf seiner Sparte Emitec bekanntgegeben. Die Umwelt-NGO T&E kritisierte in dem Kontext, die EU würde bei Realisierung der laxen Euro-7-Pläne 100 Millionen Fahrzeuge mit erhöhten Emissionen auf die Straßen bringen. Die Profite der Industrie würden damit über die Gesundheit der Bürger gestellt.

Bei schweren E-Autos mehr Feinstaub als beim Verbrenner

Allein die Antriebswende würde das Problem allerdings auch nicht lösen. Gerade die deutlich schwereren E-Autos, häufig zudem SUV emittieren deutlich mehr Reifenabrieb und damit sogar PM2,5-Feinstaub als Verbrenner, wie die OECD in einer Studie darlegte. Die EU selbst prognostizierte, dass bis 2050 90 Prozent der Schadstoffe nicht mehr aus dem Auspuff kämen und will auch die anderen Quellen regulieren. Wie genau, soll noch festgelegt werden. In Frage kämen etwa Feinstaubsauber, wie ihn beispielsweise Filterspezialist MANN & HUMMEL bereits auf Basis eines Konzeptvans des Mercedes eSprinter Sustaineer oder das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt mit dem Prototypen Zedu-1 vorgestellt hat. 

 

Printer Friendly, PDF & Email