Erste Tour im Citroën Ami: Ein Elektro-Floh als Anti-SUV

Mit dem ultrakompakten Elektro-Leichtgefährt wagt die Marke seit langer Zeit wieder ein avantgardistisches Mobilitätsexperiment. Ob es gut gehen kann, darüber suchten wir bei der ersten Tour Aufschluss.

Türöffner für die Elektromobilität: Der Ami soll jüngere Zielgruppen erschließen, aber auch im Carsharing reüssieren. Den Einstieg elegant hinzubekommen, bedarf allerdings der Übung, wie VM-Redakteur Reichel feststelle. | Foto: Citroen
Türöffner für die Elektromobilität: Der Ami soll jüngere Zielgruppen erschließen, aber auch im Carsharing reüssieren. Den Einstieg elegant hinzubekommen, bedarf allerdings der Übung, wie VM-Redakteur Reichel feststelle. | Foto: Citroen
Johannes Reichel

Der Name passt schon mal - Ami, der Freund: Selten flogen einem so viele freundliche Blicke zu bei einer Fahrt durch das Zentrum einer Großstadt an Bord eines Automobils. Ein Gefährt als Gefährte sozusagen. Doch Mooooment! Eigentlich ist der Ami ja gar kein Automobil, eher so eine Art "No-Car". Sondern formal ein Elektro-Roller mit vier Rädern, ein im Wortsinne "Kabinen-Roller". Entsprechend darf er als Angehöriger der Klasse L6e von 16-jährigen Teenagern, in Hessen, Rheinland-Pfalz und NRW sogar 15-Jährigen pilotiert werden. Aber leider eben auch nur bis 45 km/h schnell sein. Und genau das ist auch schon ein Hauptmanko.

Zwar kommt man im auch zu normaler Mittagszeit gut frequentierten Berliner Zentrum um Alex und Brandenburger Tor ohnehin kaum mal auf mehr als 45 km/h. Doch irritiert einen auf der langen Geraden der Stresemannstraße oder Oranienburgerstraße dann doch, wie rigide die Digitalziffer 45 im zweckmäßigen Zentraldisplay festgetackert ist. Taxler drängeln, ein Porsche grollt, ein SUV-Fahrer fährt ziehharmonikamäßig immer wieder auf und prescht dann entnervt vorbei. Man sieht sich zwar eh an der nächsten Ampel, aber egal. Klimawandel, den haben nur die anderen ...

Der ultimative Anti-SUV: Klein, leicht, minimalistisch

So gesehen ist der Ami nämlich exakt dies: Der Anti-SUV. Sensationelle 2,41 Meter kurz, 1,39 Meter schmal. Dass man innen trotzdem so viel Platz überm Scheitel, an den Schultern, aber auch den Beinen genießt, hat der kleine Freund einer ordentlichen Höhe von 1,50 Meter zu verdanken sowie einer exzellenten Raumausnutzung. Ein Raumwunder, das man seit dem Mini Generation I so nicht mehr erlebt hat. Dicke Platz für Fahrer und Beifahrer, Staufläche im Beifahrerfußraum, unendlich viel Platz, haufenweise Krusch in den Netzen der Türen oder der Tresen-artigen Ablage auf dem Armaturenbrett zu verlieren. Und dann auch noch diese Griffmulde hinter den sogar ganz ordentlich formatierten und griffigen Sitzen, für die man allerdings den Fahrerstuhl nach vorne ziehen muss. Oder durch den "Eingriff" im Gestühl nach der Fracht fingert.

Viel Luft und Licht, aber ein heulender Motor

Dazu gesellt sich jede Menge Fensterfläche und eine Rund-um-Sicht, die kaum Fragen oder Winkel offen lässt. Radfahrern begegnet man ohnehin auf Augen- oder mehr Sattelhöhe, Ur-Mini-mäßig eben. Die Klappfenster à la Ente lässt man bei spätsommerlichen Temperaturen besser gleich auf, sonst heizt das nicht abdeckbare Glasdach gnadenlos auf. Die Lüftungstaste setzt zwar einen leut heulenden Apparat in Gang. Der kümmert sich aber nur um die Frontscheibe und fühlt sich für den Innenraum nicht zuständig. Heizung gibt es aber schon, im kleinen Freund. Und die solide eingepassten Fenster schließen dem Eindruck nach auch ziemlich dicht. Was eben der entscheidende Vorteil gegenüber "Leicht-Matrosen" wie dem Renault Twizy oder den zahleich im Berliner Stadtraum platzierten E-Scootern oder gar E-Tretrollern sein soll: Der Ami reklamiert auch Wintertauglichkeit. Das bleibt allerdings abzuwarten.

Man fühlt sich sicherer als auf einem E-Scooter

Was man jetzt schon nach der ersten Tour konstatieren kann: Man wird zwar nicht schneller als auf der Govecs-Emmy oder einem UNU-Roller. Aber man fühlt sich um einiges sicherer mit der Kabine um sich herum, die auf einem laut Hersteller crashsicheren Stahlrohrrahmen basiert. Ordentliche Lichter und die auffällige Optik, wahlweise in drei Paketen "aufmaschelbar" bis zum, nicht lachen, liebe 80er-Jahre-Serienfans und Ferrari-Liebhaber, "My Ami Vibe", sorgen zusätzlich für Aufmerksamkeit, auch, siehe oben, bei SUV-Fahrern zwei Etagen höher.

Freilich, so flott wie ein E-Scooter kommt der Ami, mit 471 Kilo etwa so schwer wie eine Ur-Ente, mit seinem 6 kW-Maschinchen nicht von der Ampel weg, was natürlich auch ein Sicherheitsfaktor ist. Aber man kommt eben auch nicht so leicht an ihm vorbei und wird eher als "vollwertiger" Verkehrsteilnehmer wahrgenommen. Fahrstufe D per Taster links neben dem Sitz eingelegt und los geht's. Der Motor lässt wie bei den Leichtelektrofahrzeugen üblich, laut heulend von sich hören, ja, man fühlt sich ein wenig an den Ur-Mini mit seinem Verbrenner erinnert. Auch beim  mittelstrammen Rekuperieren hört das Heulen nicht auf. Vor der Ampel bemüht man so öfter die manierlich zupackende Betriebsbremse über das erstaunlich breitfußtaugliche Pedal.

Durchaus konnektiv: Bluetooth und Steuerung per App

Bei all dem Geheul hört man die redlich mühende Boom-Box in ihrer akustisch eher ungünstigen Arretierung vor dem Display kaum. Das mag sich sich noch so schnell verbinden und Retro-mäßig die Beatles dudeln. Der Klang ist wie aus der Konserve(ndose), dann eher so wie im VW Käfer. Aber da kann man ja selbst nachregeln mit den allgegenwärtigen Bluetooth-Lautsprechern. ein Gespräch mit einem Corona-bedingt nicht vorhandenen Beifahrer dürfte sich aber in Fahrt ebenfalls weitgehend erübrigen. Apropos Konnektivität: Navigiert wird mit dem eigenen Smartphone, über die bekannte My Citroen-App lassen sich auch allerlei Befindlichkeiten und Funktionen des Fahrzeugs abfragen.

Das Handling ist kernig und verlang wie im Ur-Mini nach einer kräftigen Hand am Steuer, die Straßenlage dank breiter Spur ist sicher, aber der Ami lässt sich bei weitem nicht so messerscharf durch die Kurven zirkeln wie Alex Issigonis Geniestreich. In Sachen Komfort sind sie sich dann aber wieder sehr ähnlich: Quasi nur rudimentär vorhanden. Der Ami filtert das nötigste aus der Fahrbahnoberfläche heraus, die Karosse zeigt sich dabei immerhin aber einigermaßen unerschütterlich. Und dafür dreht das Mikrovehikel mit 7,2 Meter fast auf der Stelle und man peilt nach enger Kehre und aktivem Lenkungrücksellen durch die knallenge Hofeinfahrt des Veranstaltungsorts.

Reicht locker: 75 Kilometer könnten realistisch sein

Und die Reichweite? Die 75 Kilometer, die der Strom-Floh nach dem Motorradprüfzyklus aus dem 5,5 kWh kleinen, per Haushaltsstecker in drei Stunden geladenen Lithium-Ionen-Akku ziehen soll, dürften bei dem Stadtgezuckel, wie wir es versahen, realistisch sein. Jedenfalls war aus der schlichten Reichweitenanzeige approximativ so viel verschwunden, wie wir absolvierten. 

Mittels der App oder online lässt sich übrigens auch der in wenigen Schritten abgehakte Bestellprozess absolvieren, den man in Tesla-Manier aufgesetzt hat. Viele Optionen gibt es nicht bei dem aus 250 Teilen zusammengesetzten Minimal-Gefährt, dafür die poppig bunten Pakete und allerlei Außen- wie Innen-Beplankungen. Von 6.900 Euro bis gut 8.000 Euro lässt sich der Preis dann treiben. Ganz zeitgemäß kann man sich den Ami auch liefern lassen, was in Frankreich die ersten 1.000 Blindbesteller zu zwei Dritteln bevorzugten, ein Auto wie ein Amazon-Paket, wirbt ein Sprecher. Den reinen Kauf übrigens favorisierten drei Viertel dieser "Early Adopter".

Preisfrage: Knapp 7.000 Euro - oder 20 Euro im Leasing

Dabei ist die Leasingrate, die man noch um ein Care-Paket mit Service und Abschleppdienst ergänzen kann, mit 19,90 Euro pro Monat in der Tat günstiger als mancher Handytarifvertrag des als Teilklientel angepeilten Nachwuchses. Und so könnte der Ami aus Sicht des Autoherstellers auch für den Nachwuchs der perfekte "Türöffner" in die "Auto-Mobilität" sein, zumal man klar auch auf Carsharing-Anwendungen oder Verleihsysteme peilt. Oder eben: Elektromobilität für Jedermann. Ob der "Jedermann" sich für das Geld nicht lieber einen gebrauchten C1 und damit ein anderes Auto kauft, wird bald der Markt zeigen. Obwohl, der Ami ist ja gar kein Auto!

Was bedeutet das?

Klar, ein richtiges Auto ist der Ami tatsächlich nicht - er erfordert in Sachen Komfort und Geräusch doch einiges an Nehmerqualitäten, richtiger Fahrspaß kommt auch nicht unbedingt im konventionellen Sinne auf. Dafür ist der Motor zu träge und laut, das Handling zu spaßbefreit. Eher erfreut man sich an der exzellenten Aussicht oder an der tollen Wendigkeit. Oder daran, dass man seine kompletten Einkäufe mühelos und trockenen Fußes nach Hause befördern kann. Und dass man so wenig Platz verbraucht und überall einen Parkplatz findet. Insofern weist der Ami als Anti-SUV tatsächlich in die richtige Richtung, die man in der Vergangenheit ja durchaus schon mal beschritten hatte, siehe Mini, Isetta oder Cinquecento, nur jetzt eben auch abgasfrei und lärmarm.

Einem größeren Erfolg der Leichtelektroklasse stehen allerdings die weitgehend sinnfreien gesetzlichen Regularien entgegen, an denen der so von der neuen Mobilität begeistert Verkehrsminister Andreas Scheuer mal etwas machen sollte. 45 km/h sind nicht nur auf dem E-Roller ein Risiko, auch im Ami ist man damit nicht "Stadt-Ring"-tauglich, geschweige denn Umland-tauglich. Ein Aspekt, der bisher meist vernachlässigt wird. Für die allermeisten Situationen im City-Verkehr genügt das Gebotene durchaus.

Außerdem sollte Deutschland wie Frankreich über eine bundesweite Förderung für leichte Elektrofahrzeuge nachdenken. Es erschließt sich nicht wirklich, weswegen das glatte Gegenmodell, wuchtige Geländewagen oder Oberklasselimousinen mit dem Feigenblatt eines zusätzlichen E-Antriebs üppig bezuschusst werden, obwohl die Fahrer dieser Modelle wohl eher das nötige Kleingeld dafür hätten. Dann lieber eine Förderung für die "Vernunft-Stromer" am unteren Ende der Nahrungskette. Dann nimmt die Klasse richtig Fahrt auf - wenn man das denn will.

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