Meinungsbeitrag

Eisballett statt Verkehrswende - Bitte streuen!

Sobald das Thermometer erste Minusgrade andeutet und der Wetterbericht mit Niederschlag droht, rücken die Streudienste aus – leider nur auf der Straße – für Radler:innen wird es dann gefährlich

Während die Straße für Pkw gut geräumt ist, lauert auf Fuß- und Radweg eine rutschig-matschige Gefahr. | Foto: G. Soller
Während die Straße für Pkw gut geräumt ist, lauert auf Fuß- und Radweg eine rutschig-matschige Gefahr. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Die Verkehrswende ist gewünscht, im Winter aber immer noch weit weg: Während die Streu- und Räumdienste auf öffentlichen größeren Straßen auch für heftigere Schneefälle gut gerüstet sind und meist vorauseilend und nach ihren Möglichkeiten rechtzeitig räumen und streuen, wird es Fußgänger:innen und Radler:innen richtig rutschig.

Konkretes Beispiel in der Stadt München, wo am Abend des 20.1.2022 ein kurzer, aber heftiger Schneeschauer einsetzte. Binnen kürzester Zeit verlangsamte sich der Verkehr (anfangs auch auf den Straßen) drastisch. Doch auf Rad- und Fußwegen, deren Räumung dann meist Aufgabe der angrenzenden Gebäude ist, blieb das kalte Weiß liegen und wurde festgetreten und -gefahren. Bei mäßigen Temperaturen bildet sich dann ein glatte, aber brüchige Unterschicht, auf der man zu Fuß aber noch mehr mit dem Rad massiv ins schlingern kommt – selbst Radprofis mit Spikes oder groben Stollenreifen kommen hier in ungewollte Drifts! Immerhin bringen auf vielen Fußwegen dann kleine Streutraktoren eine rutschhemmende Splitschicht aus – die Radwege bleiben davon allerdings meist fast unberührt!

Über Nacht fror diese Situation dann ein, mit dem Effekt, dass man morgens eine veritable Eisbahn vorfand: In den Nebenstraßen tanzten die Pkw Eisballett - zusammen mit den Fußgänger:innen und Radler:innen auf den Eisbahnen der Geh- und Radwege. Am sichersten wäre deshalb eigentlich der Pkw oder der ÖPNV, doch von Ersterem wollen wir ja gerade in der Innenstadt weg und Letzterer ist bei extremen Pandemie-Inzidenzwerten eher unbeliebt. Oder wir bleiben brav einmal mehr zu Hause, wo uns in Zeiten wie diesen ohnehin schon die Decke auf den Kopf fällt…

Heißt: Die Verkehrswende müsste auch eine „Streuwende“ bedingen – und an ganz krassen Tagen eine Prise Salz oder viele Steinchen auch auf Rad- und Gehwegen beinhalten. Und es müssten parallel zu den großen Streuwagen auf den Straßen kleine Streuer auf Geh- und Radwegen fahren. Denn unter solchen Bedingungen wendet sich der Verkehr schnell rückwärts – vom Fahrrad ins viel sicherere Auto – was den Nutzer:innen nicht zu verdenken ist.

Was bedeutet das?

Die Verkehrswende beinhaltet viele kleine Stellschrauben, von denen an vielen noch nicht mal im Ansatz gedreht wurde. Neben den unsinnigen immerhin abgesenkten Bordsteinkanten in Deutschland, die der Vordergabel des Fahrrades jedes Mal einen kleinen Schlag geben und das Material mürbe machen gehört dazu auch das Räumen und Streuen an Wintertagen, an denen Verkehrswender:innen auf zwei Beinen oder Rädern eben eher nicht profitieren.  

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