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Meinungsbeitrag

Editors choice #1: Es brennt lichterloh!

In „Editors choice“ fassen VM-Redakteure das Wochengeschehen zusammen und leiten daraus „Visionen“ für die nächste Woche ab. Meistgelesen war diesmal die Meldung der unzufriedenen Mercedes-Benz-Händler – gefolgt vom elektrischen NSU ep „dem Azubi-Prinzen mit e-tron-Antrieb“, der nicht darüber wegtäuschen konnte, dass es auch bei VW „lichterloh“ brennt.

Im ersten Editors Choice fasst VISION-Mobility-Chefredakteur Gregor Soller die letzte Woche zusammen und blickt in die Nächste...| Foto: Picture People
Im ersten Editors Choice fasst VISION-Mobility-Chefredakteur Gregor Soller die letzte Woche zusammen und blickt in die Nächste...| Foto: Picture People
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Gregor Soller

Bei den deutschen Autoherstellern schrillen die Alarmglocken – aus zweierlei, sich teils wiedersprechenden Gründen: Einerseits sollen die Renditen steigen, andererseits will man bezahlbare Autos für möglichst viele Kunden bauen. Doch Letzteres bringt weniger Gewinn wie die Produktion von höherpreisigen Modellen, weshalb sogar Dacia mit dem „Bigster“ sich ins C-Segment wagt.

Die Fahrzeugpreise stiegen stärker als die Löhne und Dienstwagenpolicies

Einziges Problem an der Geschichte: das Gros der deutschen Normalverdiener und Dienstwagenflotten geht diese Aufwärtsbewegung nicht mit, weil man es sich schlicht nicht (mehr) leisten kann. Deshalb schlagen jetzt vor allem die Mercedes-Benz-Händler Alarm, die einen immer größeren Anteil ihres Umsatzes mit den volumen- und neukundenbringenden Kompaktmodellen machte. Nicht unbedingt im Sales, aber im Service! Denn hier bedeuten viele Kunden viele Autos beim Service und in der Werkstatt – Erlöse, auf die der Handel angewiesen ist, um das teils stark rabattierte und schwierige Neuwagengeschäft zu stützen oder teils auszugleichen.

Vor zehn Jahren undenkbar: Mercedes-Benz und Maxus unter einem Dach

Doch nachdem Mercedes-Benz sich mit E-Klasse und Co. teils aus dem Taxibusiness verabschiedet und die Vans teils als „Schmutzfahrzeuge“ eher geduldet als hofiert werden, macht sich Unmut breit, denn welche Fahrzeuge brauchen den meisten Service? Genau! Nicht der verhätschelte SL, der einmal im Jahr zum teuren Regelservice kommt, sondern das Taxi, dass die fünfte Beule eingefahren hat oder der Van, der wieder mal angeeckt ist und im Jahr 80.000 Kilometer schrubbt. Alles Kunden, die den Sternenverkäufern verlorengehen könnten, zumal sie mit hohen Preisen zu kämpfen haben.

Sodass immer öfter Zweitmarken wie Maxus und Co. dazu geholt werden. Die chinesische Marke, die einst als Modellbezeichnung von LDV startete und selbst auf dem (Ex-)Heimatmarkt in UK kaum einen Stich gegen den Sprinter machen konnte. Dazu komme immer mehr Chichi-Modelle und –Aktionen, von denen sich die „Basis der Sternenreiter“ immer weniger abgeholt fühlt. Aber Mercedes-Benz könnte schon zur IAA gegensteuern, wo man eine Art elektrische C-Klasse mitten ins Zentrum des Programmes stellt. Was umso wichtiger ist, als BMW seine „neue Klasse“ enthüllen wird – den künftigen Dreier, der gegenüber dem aktuellen Modell einen Riesenschritt bedeuten wird.

Der ist auch nötig, denn mittlerweile dumpt sich Tesla in vielen EU-Staaten mit dem erfolgreichen Model Y immer wieder in die oberen Ränge der Zulassungslisten und punktet nicht unbedingt mit Qualität oder Service, aber mit Reichweite, Sparsamkeit und einem tollen Ladeerlebnis. Dazu kommt zumindest dezente Akkukompetenz und gewagtes Gigacasting im Rohbau, was die Autos in der Herstellung (noch) billiger macht.

VW: Selten Erster, aber immer Bester – jetzt nicht mehr

Womit wir bei VW sind, wo nichts das ruhige Fließen des Mittellandkanals am Stammwerk vorbei beeinflussen konnte: Man war nicht immer Erster, dafür immer Bester und das genügte den Kunden. Doch genau das ist man jetzt nicht mehr: Die ID.Reihe war zwar megamutig, konnte aber Golf und Co. nicht den Rang ablaufen. Patzte dafür aber bei solide laufender Software, der Bedienung und der Effizienz. Themen, die man von VW bisher nicht kannte und die den angestammten Kunden in Summe dann zu viel waren. dazu kommen die hohen Lohn- und Energiekosten in Deutschland, welche die hier produzierten Autos teuer machen.

Was darüber hinaus keiner erwartet hätte: In China sinkt der Stern des „made“ oder zumindest „engineered“ in Germany oder Europe sehr schnell: Junge Kunden kaufen stattdessen BYD und Co., sodass VW der seit Jahrzehnten angestammte Platz der Nummer eins abhandenkam. Für Partner SAIC nicht tragisch, denn man kooperiert auch mit GM und hat MG mittlerweile mit ruhiger Hand zum VW-Konkurrenten aufgepäppelt. Sodass tatsächlich Feuer unterm Dach ist in Deutschland. Die Frage ist jetzt, wie man es am besten löscht?

Bescheidenheit wäre eine Zier…

Mit Demut und Bescheidenheit und fairem Wettbewerb. Der dahingehen muss, dass auch Europa sich ein Stück weit abschottet von den günstigeren Importen aus Asien, was dem freien, aber nicht dem fairen Welthandel widerspricht. Alternativ - und das passiert teils sogar schon, müssen Hersteller, die Autos in der EU verkaufen, eben auch in der EU produzieren. So handhaben das China, Indien oder die USA auch.

Denn alle Dinge haben ihren Preis – auch unser Wohlstand und unsere demokratische Grundordnung. Doch wenn uns hier jeder Handgriff zu umständlich und zu teuer ist und trotzdem jeder für k(l)ein Geld Alles haben will – inklusive zweistelliger Renditen in der Pkw-Produktion, dann wirkt das tatsächlich wie ein Brandbeschleuniger auf das Feuer unterm Dach. Das auch ein genial gemachter elektrischer NSU nicht löschen kann. Weshalb wir nur ermutigen können, es den Azubis in Neckarsulm nachzutun: Mit Bescheidenheit und Feuereifer könnte sich vielleicht so manches Feuer löschen lassen...

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