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E-Tretroller: Zweifel an der Nachhaltigkeit

Erste Erkenntnisse aus der Praxis lassen die Zweifel steigen, ob die Elektro-Tretroller wirklich einen Beitrag zu nachhaltiger Mobilität leisten. Die Nutzung liegt eher im Freizeitbereich, kaum bei Pendlern, es wird kaum Ökostrom genutzt, der Lebenszyklus ist kurz, das Recycling sporadisch.

Trauriges Bild: In Göteborg sind die E-Tretroller schon länger am Start - und zeigen schnellen Verschleiß. Teils kommt es auch zu Vandalismus. | Foto: J. Reichel
Trauriges Bild: In Göteborg sind die E-Tretroller schon länger am Start - und zeigen schnellen Verschleiß. Teils kommt es auch zu Vandalismus. | Foto: J. Reichel
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Johannes Reichel

Einige Wochen nach dem Start der E-Tretroller-Vermietung in Deutschland deuten erste Erkenntnisse aus der Praxis auf eine noch zweifelhafte Öko-Bilanz der Leichtelektromobile hin. Offenbar werden die Roller eher zusätzlich als Freizeittransportmittel genutzt, denn als Autoersatz für Pendler in Kombination mit dem ÖPNV. Nach einer Studie des Beratungsunternehmens Civity werden die E-Mobile vor allem am Wochenende und abends gebucht. Immerhin liegt die durchschnittliche Distanz mit 1,9 Kilometern durchaus in Schlagweite zu etwaigen Bushaltestellen, auch die Nutzungsfrequenz liegt hoch. Der Anbieter TIER meldete nach einem Monat bereits eine Million Buchungen. Zeitlich liegen dafür kaum Buchungen werktags und morgens an, wenn die meisten Pendlerfahrten stattfinden. Die Autoren folgern aus den vorliegenden, freilich noch lückenhaften Daten, dass die Roller tendenziell als Spaßvehikel und Touristenmobil genutzt werden. Die Erkenntnisse basieren auf den Positionsdaten der Roller, die über eine Softwareschnittstelle abgefragt werden. Diese liegt aber nicht bei allen Anbietern vor. 

Erste Städte wie Hamburg wollen jetzt nachjustieren und die E-Roller auch für Pendler attraktiver machen, etwa durch die Platzierung außerhalb des Zentrums, um die intendierte Kombination mit dem ÖPNV zu befördern. Dazu soll auch dienen, dass die Hamburger Hochbahn ÖV-Abonennten Freiminuten für den Anbieter VOI einräumt. In München kooperiert die MVG mit dem Anbieter TIER und lässt die Buchung auch über die eigene App MVG More zu.

Elektroschrott? Eher kurzer Lebenszyklus, kaum Recycling

Zweifel an der Nachhaltigkeit des neuen Fortbewegungsmittels kommen aber auch durch den offenbar kurzen Lebenszyklus der Gefährte auf. Zahlen aus den USA für den Anbieter Bird ergaben eine Haltbarkeit von lediglich 28 Tagen für die Scooter. In Deutschland setze man allerdings bereits robustere Modelle ein, die Lebensdauer solle bei zwölf bis 16 Monaten liegen, verspricht der Verleiher. Wie das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) schätzt, müssten die Fahrzeuge allerdings drei bis vier Jahre halten, um eine positivere Ökobilanz auszuweisen, wie ein KIT-Wissenschaftler gegenüber der Süddeutschen Zeitung erklärte. Die Roller würden häufig in Fernost unter hohem CO2-Einsatz und Kohlestrom bei der Akkuherstellung produziert. Auch im Betrieb wird wohl eher sporadisch auf Grünstrom gesetzt, die Sammler der Roller laden zu Hause offenbar meist mit dem billigsten Strom oder die Verleiher sammeln die Vehikel mit konventionellen Transportern wieder ein. 

In Frage steht auch das Recycling der Roller, vor allem die Wiederverwertung der Akkus ist aufwändig. Laut KIT-Experte würde sich das Zerlegen und Verwerten der Batterien für die Recycler kaum lohnen. Der Verdacht besteht also, dass viele Roller nach der mehr oder minder kurzen Lebensphase Elektroschrott sind. 

Alkohol am Roller? Gleiche Regeln wie bei Kfz

Unterdessen wies der Deutsche Verkehrssicherheitsrat DVR aufgrund gehäufter Unfälle und Vorkommnisse im Zusammenhang mit alkoholisierten Roller-Fahrern darauf hin, dass für die E-Kleinstfahrzeuge die gleichen Regeln gelten würden wie für Pkw-Fahrer. "E-Scooter sind Kfz. Grundsätzlich gilt daher für alle, die E-Scooter fahren, Paragraph 24a des Straßenverkehrsgesetzes (StVG). Demnach handelt ordnungswidrig, wer mit einer Blutalkoholkonzentration (BAK) von 0,5 bis 1,09 Promille mit einem E-Scooter fährt", erklärte der DVR. Es drohe ein Bußgeld in Höhe von meist 500 Euro, einen Monat Fahrverbot und zwei Punkte im Fahreignungsregister in Flensburg.

Was bedeutet das?

Erste Ernüchterung macht sich breit: Nachdem die E-Tretroller von den Anbietern als Retter gegen verstopfte Stadtstraßen und Mobilitätsrevolution angepriesen wurden, sieht die Praxis ganz anders aus. Kurze Lebenszyklen, unklares Recycling, kein Ökostrom, wildes Abstellchaos und offenbar auch wenig Substitutionspotenzial zum Auto oder Kombi-Nutzung mit dem ÖPNV. Hier müssen die Städte dringend nachjustieren, damit die Kleinstelektrofahrzeuge wirklich ein nachhaltiges Mosaiksteinchen im Mobilitätsmix werden. Derzeit ist das nicht der Fall. Sie sind schlicht schnelldrehehende Spaßmobile mit geringer Haltbarkeit. Sorry, aber da ist das Leihfahrrad eine deutlich nachhaltigere Lösung.

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