Meinungsbeitrag

E-Mobilität: Wie man sich doch täuschen kann!

Am Jahresende darf man ruhig mal Bilanz ziehen. Und sich amüsieren über irrige Einschätzungen, die noch gar nicht lang her sind.

Zum Jahresende blickt Christoph Erni zurück -aber nicht nur auf 2021. | Foto: Juice Technology
Zum Jahresende blickt Christoph Erni zurück -aber nicht nur auf 2021. | Foto: Juice Technology
Redaktion (allg.)

Vor zwei Jahren haben uns Banker noch vollmundig erklärt, dass Wasserstoff das Rennen machen und unsere Ladestationen niemand mehr brauchen würde. Im September 2021 war erstmals ein reines E-Fahrzeug, Teslas Model 3, das meistverkaufte Auto in Europa – über alle Antriebsarten gesehen.

Deshalb wird diese Kolumne heute mal richtig lustig. Denn hier kommen zehn turbulente Jahre im Überblick.

2016 – Unser Verwaltungsrat und Zukunftsforscher Lars Thomsen wird an einer Veranstaltung wieder ausgelacht, weil er berechnet und prognostiziert hat, dass in sechs Jahren ein Drittel aller verkauften Autos elektrisch angetrieben sein würden

2017 – In E-Mobilitätsforen werden wir gerade kräftig gedisst, weil wir als Quereinsteiger faktisch die Sparte der leistungsstarken mobilen Ladestationen begründet haben. Wer schon zwanzig Jahre E-Ladelösungen ertüftelt hat, sieht unseren Erfolg aus dem Stand nicht gern. Trotzdem sind unsere Stationen heute allein in Europa mit großem Abstand die meistverkauften, wie zum Beispiel gerade eine Amazon-Auswertung ergab.

2018 – Tesla beginnt, das Model 3 in einem Zelt zu produzieren. Dafür gibt es gerade in Europa viel Häme: «elektrische Rollstühle könne man schon so herstellen» gehört noch zu den schmeichelhafteren Einschätzungen.

2019 – Die FAZ feiert ihren Weitblick mit einem Artikel mit dem Titel «Nur 99 Prozent kaufen kein Elektroauto». Die Redaktion hält die E-Mobilität ganz offensichtlich immer noch für eine Nische.

2020 – Langsam ändert sich die Wahrnehmung: Daimler-Chef Zetsche lässt mit dem Wechsel in den (Un)Ruhestand verlauten, dass er glaubt, dass 2025 die Hälfte aller verkauften Autos in Europa elektrisch angetrieben sein werden. Womit der Erfinder des Otto-Motor-Autos halboffiziell die nächste Ära einläutet.

2021 – Europa einigt sich auf ein Verbrennerverbot in neun oder vierzehn Jahren, je nach Land. Was lustig ist, denn das wird der Markt viel früher von selbst regeln. Sogar die als konservativ bekannte Unternehmensberatung EY (Ernst & Young) kommt zum Schluss, dass 2022 in Deutschland 32% der verkauften Autos einen Stecker haben werden. Kein Wunder, über 300 neue E-Modelle werden allein 2022 vorgestellt werden. Allerdings dürfte diese Einschätzung tatsächlich zu konservativ sein, denn bereits im Herbst 2021 sind über 30% der verkauften Autos in Deutschland BEV oder PHEV.

2022 – Bei der Ladeinfrastruktur zeichnen sich mehrere Trends ab. Der Wichtigste: Bei AC-Ladung setzt sich der dreiphasige 11-KW-Lader durch. Fahrzeugseitig ist diese Größe des Onboardladers gut zu installieren und reicht aus, um auch Akkus mit 80 kWh oder mehr über Nacht vollzuladen. Für Installationen in privaten, gemeinschafts- oder öffentlichen Garagen ist diese Leistung der beste Kompromiss zwischen Kosten und Nutzen.

Und jetzt wagen wir den Blick in die Zukunft:

2023 – Der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge (BEV und PHEV) wird in Europa bereits im ersten Halbjahr die Zulassungen von Diesel und Benzin übersteigen. E-Fahrzeuge werden für immer mehr Menschen wirtschaftlich und im direkten Vergleich mit Verbrennern deutlich attraktiver.

2024 – Erste Familien bekommen finanzielle Probleme, weil sie ihren alten Verbrenner nicht mehr verkaufen können. Statt zwanzigtausend Euro für ihren Gebrauchten einstreichen zu können, müssen sie bereits aufzahlen, damit ihr altes Auto entsorgt wird. In diesem Jahr wird auch für die letzten Nachzügler offensichtlich: Benzin- und Dieselautos sind tot.

2025 – Europa wird die Verbrennerverbote vorziehen, um mit der Entwicklung Schritt zu halten. Automobilverbände beginnen sich stark zu machen für drei oder vier «Verbrenner-Sonntage» im Jahr, an denen man im nächsten Jahrzehnt seine alten Maschinen noch ausfahren darf. Die «Dampfschifffreunde e.V.» nehmen die Erhaltung von ein oder zwei Explosionsmotor-Fahrzeugen in ihre Statuten auf.

Was am meisten verblüfft: Alles bis und mit 2021 stimmt tatsächlich, so unglaublich es klingen mag. Und deshalb bin ich sicher, dass die Prognosen von Lars Thomsen und von Juice für die nächsten Jahre ebenfalls eintreffen werden. Wetten?

Frohe Festtage wünscht Ihnen

Christoph Erni.

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