E-Mobilität: So viele Jobs könnten wegfallen

Die Autoindustrie steuert auf eine elektrische Zukunft zu. Die Umstellung könnte laut Experten bei Automobilherstellern und Zulieferern Hunderttausende Arbeitsplätze kosten.

Bei der Fertigung eines E-Fahrzeugs werden weniger Mitarbeiter gebraucht als bei einem Verbrenner.| Foto: Volkswagen
Bei der Fertigung eines E-Fahrzeugs werden weniger Mitarbeiter gebraucht als bei einem Verbrenner.| Foto: Volkswagen
Thomas Kanzler

Die Zukunft der Automobilindustrie soll elektrisch sein. Und obwohl die Stromer zu einer klimafreundlicheren Zukunft beitragen können, es gibt auch eine Kehrseite der Medaille: Durch die Elektrifizierung könnten tausende Arbeitsplätze verloren gehen. Die Herstellung von Elektroautos erfordert weniger manuelle Tätigkeiten als der Bau eines Verbrenners. Mitarbeiter, die Benzinmotoren, Getriebe, Auspuffanlagen und die unzähligen anderen Teile, die in Elektrofahrzeugen nicht benötigt werden, zusammenbauen, werden in den Unternehmen künftig schlicht nicht mehr gebraucht.

Die Fertigung von Elektromotoren und Batterien ist einfacher – und auch wesentlich einfacher zu automatisieren - als die Herstellung herkömmliche Antriebssysteme. Die Automobilhersteller können also die gleiche Produktionsleistung mit weniger Arbeitskräften aufrechterhalten.

VW und Ford sehen ein Drittel der Jobs gefährdet

Sowohl die Autobauer Ford als auch Volkswagen schätzen, dass Elektroautos 30 Prozent weniger Arbeitskräfte benötigen als herkömmliche Fahrzeuge. Das Beratungsunternehmen AlixPartners geht sogar davon aus, dass für die Motoren und die Batterie eines Elektroautos 40 Prozent weniger Arbeitskräfte benötigt werden als für den Motor und das Getriebe.

Automobilbranche im Wandel

Diese Auswirkungen in der Automobilindustrie sind zwar noch nicht sicher, aber einige Branchenbeobachter warnen davor, dass der Sektor Arbeitsplätze verlieren wird.

„Die Branche durchläuft einen Wandel, wie wir ihn noch nie erlebt haben“, so Brett Smith, Direktor für Technologie am Center for Automotive Research. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass es weniger Mitarbeiter geben wird, die diese Autos bauen, weniger Mitarbeiter, die die Teile für diese Autos herstellen, und das wird in einigen Automobilunternehmen zu Problemen führen.“

In einer Studie vom September erklärte der Thinktank „Economic Policy Institute“, dass in den USA bis 2030 rund 75.000 Arbeitsplätze in der Automobilindustrie wegfallen könnten, wenn der Anteil der Elektroautos am Inlandsabsatz auf 50 Prozent steigt. Heute machen sie etwa fünf Prozent aus. Schätzungen europäischer Automobilzulieferer zufolge könnte die schnelle Elektrifizierung sie bis 2040 275.000 Arbeitsplätze kosten. Bei dieser Schätzung sind die neuen Stellen berücksichtigt, die bei der Herstellung von Elektroautoteilen entstehen. Andere Experten rechnen mit weniger drastischen Job-Verlusten, ein Aufschwung der Batterie- und E-Motorenfertigung erfordere massive Umstrukturierungen der Automobilindustrie, könnten die Arbeitsplatzverluste aber zu einem gewissen Grad abfedern.

Auch Europas Automobilindustrie steht vor einem gewaltigen Umbau

Einer Analyse der Boston Consulting Group zufolge wird die Umstellung auf Elektroautos in Europa bis 2030 zu 630.000 weniger Arbeitsplätzen bei Automobilherstellern und Zulieferern von Teilen speziell für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor führen. Im Gegenzug dazu könnte die boomende Nachfrage nach Batterien, Ladeinfrastruktur und ähnlichem jedoch 580.000 neue Arbeitsplätze schaffen.

Manche Qualifikationen nicht mehr gefragt, völlig neue Jobs entstehen

„Während die Kernindustrie der Automobilindustrie sicherlich erhebliche Arbeitsplatzverluste erleiden wird, werden einige neue Branchen, die die Elektrifizierung unterstützen, einen enormen Arbeitsplatzzuwachs erfahren“, erklärte ein Sprecher der Boston Consulting Group.

Dennoch gibt es keine Garantie dafür, dass die neu geschaffenen Stellen auch den entlassenen Arbeitnehmern zugutekommen werden.

„Es werden nicht dieselben Leute sein, die einen neuen Job bekommen. Es werden oft neue Arbeitsplätze an neuen Orten für neue Leute geschaffen“, so Brett Smith, Direktor für Technologie am Center for Automotive Research.

Die Automobilhersteller und ihre Partner würden zwar eine ganze Reihe von Batteriewerken in den USA planen, viele dieser Fabriken würden aber weit entfernt von der derzeitigen Automobilproduktion liegen. Zudem eigne sich laut Smith die Batterieproduktion besonders gut für die Automatisierung. Nach Schätzungen des „Economic Policy Institute“ könnten politische Maßnahmen zur Förderung der inländischen Elektroautoproduktion in den USA insgesamt 150.000 neue Arbeitsplätze in der Automobilindustrie schaffen.

Ford soll allein in den USA die Entlassung von 6.000 Mitarbeitern planen

Der Abbau von Arbeitsplätzen ist bereits im Gange: Ford plant Berichten zufolge die Entlassung von etwa 8000 Angestellten in seiner Verbrennungsmotorensparte.

„Auch die Angestellten werden davon nicht verschont bleiben. Menschen, die Systeme für Verbrennungsfahrzeuge entwickeln, müssen entweder umgeschult werden, damit sie ihre Fähigkeiten auf die nächste Generation von Elektrofahrzeugen anwenden können, oder sie werden ihren Arbeitsplatz verlieren“, sagte Tammy Madsen, Wirtschaftsprofessorin an der Santa Clara University.

Was bedeutet das?

Die Auswirkungen des Mobilitätswandels sind in Deutschland noch nicht absehbar. Aber klar ist: Wer sich nicht den neuen Anforderungen stellt, wird unter die Räder kommen. Das betrifft sowohl die großen Hersteller, die sich nur zögerlich an die E-Mobilität herantasten als auch die einzelnen Mitarbeiter der Unternehmen, bei denen plötzlich völlig andere Qualifikationen gefragt sind.

Printer Friendly, PDF & Email