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Doppelstrategie: Daimler verteidigt den Diesel und forciert Elektro

Auf der Jahreshauptversammlung legt Daimler-Chef Dieter Zetsche eine ambivalente Strategie dar, die das eine tut, ohne das andere zu lassen. Zetsche: Diesel für Senkung des CO2-Ausstoßes unabdingbar.

Zwischen heute und morgen: Daimler-Chef Dieter Zetsche und der Leiter Mercedes-Benz Cars Manfred Bischoff bei der Jahreshauptversammlung in Berlin. | Foto: Daimler
Zwischen heute und morgen: Daimler-Chef Dieter Zetsche und der Leiter Mercedes-Benz Cars Manfred Bischoff bei der Jahreshauptversammlung in Berlin. | Foto: Daimler
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Johannes Reichel

"Mehr Elektroautos sind gut für die CO2-Bilanz, aber nicht so gut für unsere Konzern-Bilanz - jedenfalls vorübergehend", mit diesem Kernsatz umriss Daimler-Chef Dieter Zetsche auf der Jahreshauptversammlung in Berlin, was in den nächsten Jahren auf die Aktionäre zukommen könnte. Während man derzeit noch Rekordabsatz und Rekordgewinn verkündete und mit 2017 auf das erfolgreichste Jahr der Unternehmensgeschichte blickte, dämpfte Zetsche zugleich die Euphorie. "Daimler durchläuft die größte Transformation seiner Geschichte“, so die Analyse des Konzernchefs. Für die Gegenwart und für die Erreichung der Klimaziele sei  der Diesel-Motor unabdingbar. Mit modernen Verbrennungsmotoren ließen sich die CO2-Emissionen im Straßenverkehrs senken, gab sich der Konzernchef überzeugt. Die neuesten Dieselmotoren sieht Zetsche nicht als das Problem, sondern als "wichtigen Teil der Lösung". In dem Kontext sprach sich der Manager dezidiert gegen Fahrverbote aus. Außerdem ließ er durchblicken, dass er nicht viel von den inzwischen vielfach geforderten Hardwarenachrüstung von Diesel-Autos hält. Man unterstütze alles, "was technisch sinnvoll und finanziell verantwortbar" sei. "Hierfür sind die angekündigten Software-Updates für über drei Millionen Fahrzeuge eine wirksame und vergleichsweise schnelle Lösung", erklärte Zetsche. 

Erst jüngst hatte der Hersteller auf dem Genfer Salon einen Diesel-Hybrid-Antriebsstrang präsentiert und damit dem von Herstellern wie Toyota unlängst verabschiedeten Selbstzünder neuen Auftrieb gegeben. Überhaupt hat der "Ausbau des Kerngeschäfts", wie Zetsche es nennt, oberste Priorität. Neben einer Modelloffensive, bei der im Lauf des Jahres 2018 mehr als ein Dutzend neuer Pkw-Modelle vorgestellt werden, kommt in diesem Jahr bei den Vans auch ein neuer Sprinter. Zudem wolle man auch "hochmoderne Verbrennungsmotoren" weiterentwickeln, da sie aus Daimler-Sicht zur "weiteren Senkung des CO2-Ausstoßes beitragen".

Gas geben bei Elektromobilität und Mobilitätsdiensten

Zugleich will Daimler aber ab 2019 in größerem Stil in den Markt für Elektroautos einsteigen, wenn erste Modelle der EQ-Reihe präsentiert werden sollen. Bis 2022 will man bei Mercedes-Benz in jedem Segment mindestens eine elektrifizierte Variante anbieten. In Nordamerika sei die Marke smart bereits komplett elektrisch, in Europa folge die Umstellung bis 2020. „Gleichzeitig elektrifizieren wir unsere Vans, Trucks und Busse. Und wir haben noch viel mehr vor – auch über unsere Produkte hinaus“, führt Zetsche aus.

Der Daimler-Chef spielte dabei auf den sogenannten Wandel zum "Mobilitätsdienstleister" an, dem sich der Konzern verschrieben hat. Diesen habe man bereits vor zehn Jahren eingeleitet, erklärte Zetsche. Um diese Entwicklung noch stärker voranzutreiben, wolle Daimler und BMW künftig die Kräfte bei Mobilitätsdienstleistungen bündeln. Dazu hätten beide Unternehmen Ende März eine Vereinbarung unterzeichnet. Man legt dabei die Carsharing-Angebote von Car2Go und DriveNow zusammen. „Damit können wir den Kunden ein ganzheitliches Angebot machen: vom Carsharing über Mitfahrdienste bis zum Parken und Laden“, warb der Daimler-Konzernchef.

Was bedeutet das?

Ganz klar, es ist eine ambivalente Strategie und ein großer Spagat, den Daimler-Chef Dieter Zetsche, noch bis 2019 im Amt, da vollführen muss: Das Heute verteidigen, ohne das Morgen zu verteufeln, das verlangt einiges an argumentativer Biegsamkeit, fast schon Schizophrenie. Den selbstverschuldet in Verruf geratenen Diesel vehement zu verteidigen, auch aus betriebswirtschaftlicher Sicht, wie Zetsche in dankenswerter Ehrlichkeit erklärte, und zugleich den massiven Einstieg in die Elektromobilität anzukündigen, das offenbart das ganze Strategiedilemma, in dem nicht nur Daimler, sondern die gesamte deutsche und vor allem westliche Autoindustrie derzeit steckt. Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen, ein saubereres Morgen mit einem weniger sauberen Heute, das aus einem zweifelhaften Boom bei Luxus- und Geländewagen besteht, verdienen. Weniger Gutwillige würden den Stuttgartern eine gewisse Doppelzüngigkeit vorwerfen. Und dann ist da auch noch dieser undurchsichtige neue Einzelaktionär aus China, der das Treiben bei Daimler kritisch beäugt und den Managern auf die Finger schaut - und, jede Wette, auf selbige haut, wenn das nicht in die von ihm gewünschte Richtung geht. Und die heißt klar: Elektrifizierung auf allen Kanälen, vom Pkw bis zu schweren Truck. Doch Leute wie Zetsche, auch da kann man sicher sein, sehen solche Situationen als Herausforderung. Daimler will die Transformation meistern und Zetsche will diese Weichen noch richtig stellen.

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