Meinungsbeitrag

Die Homeoffice-Lüge

Nicht die E-Mobilität bedroht die Autoindustrie, sondern eine gefährliche neue Mode.

Christoph Erni, Gründer und CEO von Juice Technology hat im neuen Gebäude größten Wert auf frisches Obst und hochwertigen Kaffee in der Cafeteria gelegt. | Foto: Juice Technology
Christoph Erni, Gründer und CEO von Juice Technology hat im neuen Gebäude größten Wert auf frisches Obst und hochwertigen Kaffee in der Cafeteria gelegt. | Foto: Juice Technology
Redaktion (allg.)

Vor zwei Millionen Jahren hat sich auf einer kleinen Kugel in der Milchstraße eine Spezies herauszubilden begonnen, deren bedeutendste Fähigkeit die Sprache ist. Dadurch wurde höhere Kommunikation möglich. Zusammen mit dem Gespür für Schwingungen zwischen den Kreaturen, Mimik und Gestik bildete sich über die Zeit eine Interaktionsqualität heraus, die die Primaten befähigte, das zu leisten, was heute die Wirtschaft herbringt. Eine der anspruchsvollsten Branchen, nämlich die Autoindustrie, hat wie keine andere die lückenlose Interaktion intern und extern bis zur Perfektion entwickelt und genutzt. In Deutschland führt man dank dieser Fähigkeiten die Weltspitze an.

Ist ja auch logisch. Denn in der Managementlehre ist seit Anbeginn unbestritten, dass die enge Zusammenarbeit in Teams, in ganzen Unternehmen zentral ist. Der tägliche Austausch auch zwischenmenschlich ist essenziell für die Bildung eines Wir-Gefühls. Dieses wiederum ist die Grundlage jeder Gruppenleistung. Und erst die macht aus einem Unternehmen mehr als die Summe von isolierten Eremiten. Die deutsche Autoindustrie hat das selbst mit manchmal zu Einzelkämpfertum neigenden Ingenieuren geschafft. Deshalb führte man jahrelang die Weltspitze an.

Und nun will uns irgendwer weismachen, dass über Nacht all das obsolet geworden sei. Homeoffice ist das Zauberwort der Zeit. Und die Gewitzten behaupten, sie würden zu Hause mehr leisten als im Büro.

Klar spart man sich dabei jede Menge Zeit mit An- und Abfahrt und kann auch in den Büros Platz einsparen. Aber manche Mitarbeiter tauchen dabei im Laufe der Zeit einfach völlig ab und tigern nur noch um den Kühlschrank herum, putzen die Wohnung und frönen ihren Hobbies. Sie bekommen nur noch am Rande mit, was beim Arbeitgeber los ist, weil es auch keinen Flurfunk mehr gibt. Virtuelle Besprechungen sind zwar zeitlich effizient, aber die meisten (oft) wichtigen Aussagen zwischen den Zeilen fehlen. Denn nicht die Sprache allein, sondern die unsichtbaren Schwingungen um diese herum lassen uns im Kollektiv erst so kreativ werden.

Klar ist man effizienter im Beantworten von ein paar E-Mails, wenn keiner ins Büro läuft und „stört“. Das Problem ist nur, dass eine Firma genau durch diese „Störungen“ funktioniert, wächst und gewinnt. Interaktion ist der Schlüssel zum Erfolg. Der laufende Austausch ist Befruchtung, Motivation und Lösungsfindung zugleich. Und es bewahrt außerdem die Menschen vor Vereinsamung, schrägen Ideen und Fettleibigkeit.

Das musste mal gesagt werden. Autohersteller – und alle anderen Unternehmen, die Ihr weiterhin vorne mitspielen wollt: Holt Eure Mitarbeiter wenigstens tageweise vom Heimarbeitsplatz und Herd wieder in die Firma, damit sie wieder richtig mit-arbeiten können. Nur so bleibt unsere Industrie bunt, innovativ und ganz vorne.

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