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Deutschland verliert Spitzenposition als europäischer E-Auto-Leitmarkt an Großbritannien

Während die Stromer-Neuzulassungen hierzulande um 14 % auf 81.000 Einheiten einbrechen, verzeichnet das Vereinigte Königreich ein Wachstum von 11 % auf 84.000 Stück.

Abbildung 1: E-Auto-Neuzulassungen und -Marktanteile in europäischen Automobilmärkten. (Grafik: CAM)
Abbildung 1: E-Auto-Neuzulassungen und -Marktanteile in europäischen Automobilmärkten. (Grafik: CAM)
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Claus Bünnagel

In Europa verlieren Elektrofahrzeuge derzeit an Momentum. In der EU, EFTA und UK steigt der Absatz von vollelektrischen Autos im ersten Quartal 2024 nach Schätzungen des Center of Automotive Management (CAM) nur marginal um 6 % auf etwa 460.000 Einheiten und die Hybridneuzulassungen um 14 % auf 260.000 Pkw. Das hat stark mit der Entwicklung in Deutschland nach dem abrupten Beenden der E-Auto-Förderung im Dezember 2023 zu tun. Damit büßt das Land auch seine Position als europäischer Leitmarkt der E-Mobilität nach abgesetztem Fahrzeugvolumen ein. Während die Stromer-Neuzulassungen hierzulande um 14 % auf 81.000 Einheiten einbrechen, verzeichnet Großbritannien ein Wachstum von 11 % auf 84.000 Stück. Auch Frankreich vermeldet einen starken Zuwachs von 24 % auf 80.000 E-Autos, ist Deutschland also bereits eng auf den Fersen und dürfte in Kürze zum Überholvorgang ansetzen. Selbst wenn man die Hydride hinzurechnet, liegt das Vereinigte Königreich mit 127.000 Neuzulassungen knapp vor Deutschland mit 126.000 und Frankreich mit 119.000 elektrifizierten Fahrzeugen.

Trend zum Plug-In-Hybriden

Überhaupt verschiebt sich die Wachstumsdynamik der Elektromobilität angesichts konjunktureller Herausforderungen und zurückhaltender Kundennachfrage zugunsten von Hybridtechnologien. Während vollelektrische Pkw in den automobilen Kernmärkten China, Europa und USA nur um 11 % auf 1,75 Mio. Stück zulegen, steigen Plug-In-Hybride überdurchschnittlich um 52 % auf 1,1 Mio. Einheiten.

Vielen Automobilherstellern macht diese Entwicklung sichtlich zu schaffen. Der E-Auto-Marktführer Tesla verzeichnet ein reduziertes Absatzvolumen von 387.000 Pkw (–9 %), und selbst BYD meldet trotz signifikanter Preissenkungen nur eine Steigerung um 13 % auf 300.000 reine Stromer. Unter den deutschen Herstellern weist BMW (+28 %) das stärkste Wachstum auf. Die VW Group (–1 %) und Mercedes-Benz (–7 %) müssen stattdessen Volumeneinbußen hinnehmen. Für das Gesamtjahr 2024 rechnet das CAM aufgrund der angespannten Lage mit etwa 10 Mio. E-Autos (+11 %), davon knapp 6 Mio. in China, 2,3 Mio. in Europa und rund 1,3 Mio. in den USA.

China ist Wachstumstreiber

China treibt die Elektromobilität als größter Automobilmarkt der Welt am stärksten voran. Zwischen Januar und März 2024 wurden rund 1 Mio. E-Autos sowie etwa 740.000 Hybride neu zugelassen, was einem Wachstum von 15 % bzw. 75 % gegenüber dem Vorjahresquartal entspricht. Mit einem EV-Anteil von etwa 37 % ist damit mehr als jedes Dritte neu zugelassene Auto in China entweder vollelektrisch oder ein Plug-In-Hybrid (Q1 2023: 31 %). Speziell Hybride erfreuen sich einer erhöhten Beliebtheit: Machte die Antriebsart im März 2023 noch etwa 10 % der Neuzulassungen aus, so waren es ein Jahr später bereits rund 17 %.

In den USA schwächt sich der Hochlauf der E-Auto-Neuzulassungen ebenfalls ab. Für das erste Quartal 2024 rechnet das CAM mit einem Niveau von etwa 265.000 Stromern, was lediglich einer Steigerung von 6 % im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Tesla hat zwar mit einem Volumen von 167.000 (+3 %) noch immer den größten Marktanteil, kann diesen jedoch angesichts stärkerer Konkurrenz immer schwieriger verteidigen. Machte das Unternehmen im Vorjahreszeitraum noch über 62 % der E-Auto-Verkäufe aus, so sind es jetzt nur noch 55 %. Hinzu kommt, dass auch in den USA Plug-In-Hybride verstärkt als Alternative zum vollelektrischen Antrieb angesehen werden. Einige Hersteller, darunter auch die einheimischen Konzerne Ford und GM, haben ihre E-Auto-Pläne zugunsten von Plug-in-Hybriden nach hinten korrigiert.

VW verliert dritten Platz an SAIC

Im Rennen um den dritten Platz der Hersteller mit den am meisten verkauften elektrifizierten Autos nach Tesla und BYD kann sich nach Schätzungen des CAM der chinesische Automobilkonzern SAIC gegenüber der VW Group durchsetzen. SAIC berichtet über einen Verkaufszuwachs seiner „New Energy Vehicles“ – also alles von E-autos über Hybride bis zu Brennstoffzellenfahrzeugen – von 48 % gegenüber dem Vorjahresquartal auf 210.000 Fahrzeuge, wovon etwa 150.000 reine E-Autos (+13 %) sein dürften. Damit ist nahezu jedes dritte neu zugelassene Fahrzeug (32 %) des Unternehmens vollelektrisch.

Der VW Konzern hat hingegen insbesondere in Europa (–24 %) und den USA (–16 %) mit rückläufigen E-Auto-Absätzen zu kämpfen und rutscht mit einem globalen Verkaufsvolumen von 136.000 Stromern (–1 %) auf den vierten Platz ab. Ebenso bedenklich ist der mit weiterhin 7 % unverändert niedrige E-Auto-Anteil an den Gesamtverkäufen. Die Geely Group, der u.a. die Hersteller Volvo, Polestar und Lotus zugehören, wächst mit einem Volumen von 130.000 E-Autos (+31 %) am stärksten und vervollständigt damit die Top 5. Da auch die Gesamtzulassungen stark ansteigen (+35 %), bleibt der E-Auto-Anteil unverändert bei etwa 20 %.

Die weiteren deutschen Automobilhersteller BMW und Mercedes-Benz entwickeln sich gegensätzlich. BMW erhöht mit rund 83.000 ausgelieferten Fahrzeugen (+28 %) seinen Stromer-Absatz überdurchschnittlich im Vergleich zum Gesamtmarkt und erreicht einen E-Auto-Anteil von 14 % (Q1 2023: 11 %). Dagegen vermeldet Mercedes-Benz einen leichten Rückgang der Auslieferungen vollelektrischer Pkw und Vans auf 51.000 Einheiten (–7 %). Dies kann einerseits auf die auslaufende Produktion des smart fortwo sowie andererseits den ebenfalls rückläufigen Gesamtabsatz (–6 %) zurückgeführt werden. Nichtsdestotrotz bleibt der E-Auto-Anteil von Mercedes-Benz mit 9 % auf einem anhaltend niedrigen Niveau.

Was bedeutet das?

Bei den Prognosen für das Gesamtjahr 2024 geht das CAM weltweit von etwa 10 Mio. E-Auto-Neuzulassungen aus (+11 %). Der chinesische Markt wird dabei mit knapp 6 Mio. Einheiten und rund 60 % des weltweiten Absatzes eine führende Rolle bei der Antriebswende einnehmen (+17 %). In Europa dürfte sich die konträre Entwicklung der einzelnen Binnenmärkte sowie die ausbleibende Preisattraktivität von Elektrofahrzeugen dämpfend auf die Neuzulassungen auswirken. Das CAM geht hierbei von etwa 2,3 Mio. Stromern aus (+15 %), wobei für Deutschland rund 470.000 Elektrofahrzeuge (–10 %) prognostiziert werden. Die USA befinden sich angesichts der hohen politischen Unsicherheit im Zuge der anstehenden Präsidentschaftswahl in einem schwierigen Findungsprozess mit unklarem Ausgang. Für die Elektromobilität könnten diese Rahmenbedingungen nur ein geringfügiges Wachstum auf 1,3 Mio. E-Autos (+8 %) bedeuten.

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