Der Skoda Octavia: Edler und größer

Bisher bemühte sich Skoda, den Octavia als „Golf-Derivat“ klein zu reden. Der Neue dürfte endgültig  Audi A4 und VW Passat ins Kontor fahren.

Der neue Octavia wuchs dezent und legte in der haptik nochmals zu. | Foto: Skoda Auto
Der neue Octavia wuchs dezent und legte in der haptik nochmals zu. | Foto: Skoda Auto
Gregor Soller

In einigen Märkten ist er dem Golf dicht auf den Fersen, in anderen hat er ihn als Bestseller schon abgelöst: Der Skoda Octavia – das Kernmodell der Tschechen. Der Böhme ist immer noch fast für die Hälfte des Gewinns der Marke einfährt verantwortlich. Und wie gesagt, er gehört zu Europas Topsellern: Über alle Länder ist er mittlerweile das achtmeistverkaufte Auto, in Tschechien, Österreich, der Schweiz, Finnland, Ungarn, Polen, Serbien und Weißrussland ist er sogar das meistverkaufte Fahrzeug überhaupt. Und obwohl auch das Stummelheck viel Laderaum bietet, macht der Kombi zwei Drittel der Verkäufe aus.

Und auch die Skoda-Kunden streben nach oben: Mittlerweile werden extrem viele Modelle in höheren Ausstattungen oder gar RS verkauft, was bei Letzterem zwischenzeitlich gar zu längeren Lieferzeiten führte. Daraus und aus der Historie leiteten die Tschechen eher unabsichtlich (?) oder bewusst eine permanente schleichende Höherpositionierung der Marke ein, die auch beim neuen Octavia wieder zu sehen und zu spüren ist, eher zum Leidwesen von VW, wo man sich gerade in den Innenräumen immer sparsamer gibt.

Denn groß aufgefahren hat man auch bei den Antrieben: Am spannendsten dürfte für Flotten sicher der als Plug-in sein – in Verbindung mit dem 1,4-TSI-Benziner in zwei Leistungsstufen mit 204 und 245 PS (dann als RS-Version!). Ordert man die 110- und 150-PS-Benziner mit dem 7-Gang-DSG, kommt ein 48-V-Riemen-Startergenerator und eine 48-V-Lithium-Ionen-Batterie zum Einsatz. Damit dürfte das ruppige DGS-Anfahren wie bei den anderen VW-Mildhybriden Geschichte sein. Außerdem kann der Octavia so mit komplett abgeschaltetem Verbrennungsmotor "segeln" und den Motor per elektrischem Boost zu unterstützen. Die „Standard-Benziner“ krönt eine 4x4-Version mit 7-Gang-DSG und 2,0-TSI., die 190 PS leistet. Dazu kommen drei überarbeitete Diesel (von 115 bis 200 PS) aus der neu entwickelten Evo-Generation, die 115 bis 200 PS leisten. Auch hier soll, das "Twindosing"-Verfahren, bei dem AdBlue gezielt vor zwei hintereinander angeordneten SCR-Katalysatoren eingespritzt wir, für extrem saubere Abgase sorgen. Dadurch und durch den zweiten Katalysator soll der Ausstoß von Stickoxiden (NOx) gegenüber der Vorgängergeneration der jeweiligen Triebwerke um rund 80 Prozent reduziert worden sein. Erste Fahrversuche von Kollegen ermittelten auch in der Praxis sehr saubere Abgaswerte. Einmal mehr „clever“: Der neue Komforteinfüllstutzen für AdBlue, der das Nachtanken auch mit Lkw-Zapfpistolen ermöglicht, an denen der Harnstoff meist günstiger angeboten wird als im Kanister. Und obwohl VW kürzlich das Auslaufen der CNG-Modelle ankündigte, kommt auch der neue Octavia nochmal als G-TEC mit Erdgasantrieb. Die CO₂-Emissionen sind damit nochmals um rund 25 Prozent niedriger als im Benzinbetrieb sein und es fallen laut Škoda zudem deutlich weniger Stickoxide (NOx) und keine Rußpartikel an. Der 1,5-TSI-Motor leistet 130 PS und ist im Schwerpunkt auf den CNG-Betrieb ausgelegt. Die Kapazität der insgesamt drei CNG-Tanks beträgt insgesamt 17,7 Kilogramm, für den Notfall steht ein 9-Liter-Benzintank zur Verfügung. Der G-TEC wird als Limousine oder Kombi mit 6-Gang-Handschaltung oder mit 7-Gang-DSG angeboten.

Auch der neue Octavia ist wieder etwas länger und breiter als der Vorgänger und Skoda-Chef Bernhard Maier bezeichnet ihn natürlich als „besten Octavia aller Zeiten“. Mit 4.69 Metern ist die vierte Generation zwei Zentimeter länger als der Vorgänger und in der Breite legt er um 1,5 Zentimeter zu. Und trotz identischem Radstand zum Vorgänger (bei MEB+ übernahmen alle VW-Töchter inklusive der Mutter einige Baugruppen der Vorgänger) von 2,69 Metern wuchs der ohnehin ordentliche Knieraum im Fond nochmal dezent. Und nebenbei legte der Kofferraum um 30 auf jetzt 640 Liter zu. Um das zu erreichen, kappte Skoda Armaturenträger, Mittelkonsole und Türverkleidungen und holte so überall ein paar Zentimeter extra. Trotzdem sorgte man für Eleganz: Die neu gestaltete Instrumententafel ist modular in verschiedenen Ebenen aufgebaut. Die Direktwahltasten für wichtige Fahrzeugfunktionen wie die Fahrprofilauswahl Driving Mode Select oder den Parkassistenten sind nach oben unter das zentrale Display gerückt. Auch einen Stock weiter unten achtete man auf die Haptik: Dort schließt die neue Mittelkonsole mit Chromelementen an, die edel wirken. Und an Türen und der Instrumententafel verbaut man viele Softtouch-Folien, das sorgt für gute Geräuschdämmung und wertige Haptik. Aus Golf und Co. kennt man den Schaltstummel der DSG-Versionen, der per Shift-by-wire bedient wird, und das Virtual Cockpit, dessen Inhalte man über die Bedientasten im Zweispeichen-Lenkrad wählen kann.  Im zentralen Display über der Mittelkonsole thront das Infotainmentsystem, darunter kann man über eine integrierte Leiste im unteren die Klimaanlage bedienen. Ganz neu bei Škoda zudem: Das Head-up-Display. Trotzdem hat die Digitalisierung der Konzerncockpits ergonomisch nicht nur Vorteile gebracht.  

In Fahrt wird der neue Octavia nicht überraschen: Er dürfte solide auftreten ohne große Wankbewegungen der Karosserie. Beim Fahrwerk wird ihm einmal mehr der Spagat zwischen angenehmer Straffheit und Komfort gelingen, samt dezentem Anfedern auch bei groben Unebenheiten. Dazu wird eine zielgenaue Lenkung sauberem gutem Rückstellmoment kommen – womit der Octavia ins Zentrum der Bedürfnisse sämtlicher Märkte fährt, auch wenn er sich hier nur marginal von Audi A3, Golf VIII und dem neuen Seat Leon unterscheiden dürfte. Das tut er dafür im Raumangebot, zumal die Preise auf dem Boden blieben: Sie starten bei günstigen 21.590 Euro brutto für die Limousine und bei 22.290 Euro brutto für den Kombi, was netto knapp 18.150 Euro für die Limousine und knapp 18.750 Euro für den Kombi wären.

Was bedeutet das?

Mit dem neuen Octavia wird Škoda seine Erfolgsgeschichte fortsetzen – sobald der Corona-Virus überwunden ist, der derzeit auch das Stammwerk Mlada Boleslav in massive Probleme bringt. Noch kann man dort unter großen Anstrengungen produzieren, er könnte aber durchaus sein, dass auch der Anlauf des neuen Octavia durch eine vorübergehende Werksschließung bald ins Stocken gerät.  

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