Meinungsbeitrag

Der Corona-Krise folgt die Mutlosigkeit

Fast alle Autohersteller streichen im Zuge ihrer Sparprogramme ihre Markenhighlights zusammen.

Die wildeste MEB-Idee, der VW ID. Buggy, wird wohl nie gebaut werden. | Foto: VW
Die wildeste MEB-Idee, der VW ID. Buggy, wird wohl nie gebaut werden. | Foto: VW
Gregor Soller

Schon vor der Corona-Krise begann Audi mit der Ankündigung, den TT und R8 aus dem Programm zu streichen, immerhin plant man, die Buchstaben „TT“ mit einem SUV-Konzept irgendwie in die Zukunft zu retten. Womit Audi auf einen Schlag seine beiden Imagebringer verliert, denn sonst haben die Ingolstädter außer dem Drei-Liter-A2 und den wilden RS-Kombis in den letzten Jahrzehnten eher nichts imagebildendes auf die Räder gestellt.

Gleiches gilt für fast alle anderen Hersteller, die im Zuge der Corona-Krise ihre Programme durchforsten und dort meist auf schlecht verkäufliche Markenbildner stoßen: Bei BMW läuft der i8 plangemäß aus, ersetzt wird er nach einigem hin und her dann eher nicht, stattdessen muss der überfettete 8er die Imagekrone tragen, nachdem die Baureihe schon seit Jahren in mehreren Generationen zwischen 6 und 8 hin- und herpendelt. Ansonsten? i3 und M2, gern als CS, aber auch hier steht die Zukunft in den Sternen – sonstige BMW-Leuchttürme? Die x-te-X-Irgendwas-Generation?

Auch Premiumkonkurrent Daimler trennt sich sukzessive von seinen Spezialitäten: Der „G“ profitiert von seinem kantigen Charakter (wie übrigens auch Suzukis Jimny), doch bei SL und Co. streicht man ebenfalls zusammen: Nach dem Auslaufen des SLC soll der künftige SL etwas kompakter (was ihm eh gut tut) und knackiger mit den AMG-GT-Modellen zusammengelegt werden, die ihrerseits für Furore sorgten – Smart ist seit der Elektrifizierung ohne Reichweitenerweiterung nur noch ein Schatten seiner selbst…bleibt zu hoffen, dass mit dem EQS ein mutig gedachter neuer Imagestern am Himmel aufgeht.

Bei Jaguar Land-Rover denkt man wieder mal über eine Neuausrichtung und/oder Zusammenstreichung von Jaguar nach, nachdem die eher austauschbaren Limousinen und SUV der Raubkatze zuletzt nicht wirklich Beine machten. Aktivposten bleibt weiter das eher dezent verkaufte Coupé F-Type zusammen mit dem I-Pace, der aber ebenfalls nicht der Ultraseller ist. Immerhin. Der Defender lebt wie das G-Modell bei Daimler weiter…

Bei Renault hat man schon seit Längerem kein imagebildendes Auto mehr im Portfoilo, seit R4 und R5 nicht mehr existieren und der Ur-Twingo nicht mehr weitergeführt wurde. Der Zoe? Verkauft sich gut, ist als E-Pionier bekannt, aber kein Leuchtturm. Und weil man sparen muss, wird wohl auch Alpine, gerade inhaltlich erfolgreich reanimiert endgültig zu Grabe getragen werden – in dem der einstige Firmengründer Jean Rédélé frustriert rotieren dürfte.

Bei FCA hat man außer dem Fiat 500 sowieso schon lange keine Ideen und Finanzen mehr, noch irgendwelche Leuchttürme zu entwickeln, bei Alfa Romeo, Chrysler und Dodge darf man schon froh sein, wenn es alle paar Jahre überhaupt mal noch irgendein neues Modell gibt…immerhin hat man mit dem Dodge Challenger ein altmodisches irres Etwas im Programm, das ebenso kultig ist wie der Fiat 500.  

Und die Asiaten? Standen eh noch nie im Verdacht, wegweisende Highlights zu setzen, vom Nissan GT-R, dem Mazda MX-5 und den wankelnden RX-Modellen mal abgesehen. Immerhin versucht sich Hyundai an einem sportlich-bösen N-Programm der Mainstream-Serienmodelle und Toyota kocht mit BMW-Hilfe gerade die Supra wieder auf und Honda wagt mit dem teuren "e" einen teuren elektrischen Kompakten mit Retro-Charme.

Bei Ford linst man derweil auf VWs MEB-Plattform, auf der die Wolfsburger ganz groß und bunt aufspielen wollten. Was sie jetzt doch nicht tun: Es kommen ID.3 und ID.4 als E-Versionen von Golf und Tiguan (gähn), während der ID.Buzz auf sich warten lässt und der ID. Buggy laut der Plattform Auto Motor und Sport jetzt auch gestrichen werden soll. Eigentlich hätte die MEB-Plattform für kleines Geld alles Mögliche tragen sollen und dieser Buggy war schon ob seiner Sinnlosigkeit ein ganz starkes Signal der sonst eher verknöcherten Niedersachsen: „Schaut mal, was wir können, wenn wir wollen!“ Bei e.GO Mobile hätte er in Kleinserie montiert werden sollen, doch e.GO hat mittlerweile einen Antrag auf ein Schutzschirmverfahren gestellt – eine Sonderform der Insolvenz in Eigenverwaltung. Und selbst produzieren will VW den Buggy nicht. Ein Manager soll resigniert zugegeben haben, dass man eben „nur Großserie“ kann. Aber die eignet sich nun mal schlecht für Ikonen und mutige Fahrzeuge, die ohnehin nicht mehr gefragt zu sein scheinen: So mutig wir mittlerweile auch auf den Social Media-Kanälen sind, so feige sind wir bei der Mobilität: Irgendein weißes, metallicgraues oder schwarzes SUV-mäßiges mit vier Rädern und genug Komfort tut es schon und bringt Stückzahlen - bildet aber keine Markenidentität.

Was bedeutet das?

Dass Volkswagen das ID.Buggy-Projekt stoppt, ist der vorläufige Höhepunkt eines riesigen Streichorchesters, in dem sich die Autohersteller auf die immer gleichen x-ten Auflagen ihrer Topseller zurückziehen. Nach der Start-up- und Modelleuphorie der vergangenen Jahre sehen wir einer nüchternen Zukunft in metallicgrauen SUV entgegen. Womit sich für Apple und Co. weitere Möglichkeiten eröffnen, mit eigenen mutigen Konzepten Mobilität neu zu denken.

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