Meinungsbeitrag

Denkfallen - Teil 1: Die Hühner-Falle

Warum Menschen im Geschäftsleben scheitern - 13 fiese Denkfallen, die Sie wiedererkennen werden.

 

Während seiner Karriere fiel Juice-Gründer und -CEO Christoph Erni immer wieder auf, dass die Ursache für Fehlentscheide in immer gleichen Denkfallen liegen kann. In den folgenden Kolumnen deckt er einige davon auf und unterhält uns mit Einblicken in die Abgründe des Business-Alltags. | Foto: Juice Technology
Während seiner Karriere fiel Juice-Gründer und -CEO Christoph Erni immer wieder auf, dass die Ursache für Fehlentscheide in immer gleichen Denkfallen liegen kann. In den folgenden Kolumnen deckt er einige davon auf und unterhält uns mit Einblicken in die Abgründe des Business-Alltags. | Foto: Juice Technology
Redaktion (allg.)

Christoph Erni hat Juice Technology aufgebaut und zum weltweiten Marktführer bei mobilen Ladestationen geformt. Davor war er in verschiedenen Führungsfunktionen in der IT tätig und leitete 20 Jahre lang eine Unternehmensberatung. Während seiner Karriere fiel ihm immer wieder auf, dass die Ursache für Fehlentscheide und gescheiterte Projekte in immer den gleichen Denkfallen begründet lagen. In den folgenden Kolumnen deckt er einige davon auf und unterhält uns mit Einblicken in die Abgründe des Business-Alltags.

Jedes Mal, wenn ich eine meiner gesammelten Denkfallen präsentiere, sagt jemand: «Genau dieses Problem haben wir auch bei uns. Aber wir haben es noch nie aus diesem Blickwinkel betrachtet.» In diesem Sinn hoffe ich, dass die folgenden Kolumnen Sie nicht nur unterhalten, sondern auch Anstoß geben werden, kritische eingefahrene Verhaltensweisen in Ihrem Umfeld zu besprechen und zu verändern.

Hier kommt die Denkfalle Nr. 1, die mit ihrer Geschichte wunderbar in die Festtagszeit passt:

Die Hühner-Falle

Kennen Sie die Fabel von dem Bauern, der ein Adler-Küken fand, das aus dem Nest gefallen war und verängstigt am Boden hockte? Jedenfalls hat er es aufgenommen und, weil ihm keine andere Lösung einfiel, es zu den seinen Hühnern in den Verschlag gesteckt. Tatsächlich nahm sich eine Henne dem Findling an und der Adler wuchs heran. Natürlich imitierte er das Verhalten seiner Vorbilder, so lernen wir schließlich alle. Bald also stakste er recht ziellos im Stall herum, den Blick stets gesenkt, ab und zu ein Korn aufpickend.

Eines Tages kam ein Wildhüter zu Besuch und er war bass erstaunt, als der den König der Lüfte da so als Schatten seiner selbst herumwatscheln sah. Er raunte zu dem Bauern: «Das ist doch ein Adler. Lass mich ihm die Freiheit zeigen, damit er artgerecht leben kann!» Dieser meinte: «Probiere es meinetwegen, aber Du wirst keinen Erfolg haben. Er ist als Huhn erzogen und er hat sich mit dieser Rolle abgefunden. Er hat seine Urbestimmung längst vergessen.» Jeden Morgen nun kam der Wildhüter vorbei, hob den Adler mit beiden Händen aus dem Hühnerhof und sprach ihm zu: «Der, der Du ein Adler bist: Breite Deine Flügel aus und fliege in die Freiheit!» Aber der Adler nahm stets nur einen Hopser zurück auf den Boden, um nach ein paar Körnern zu suchen, Kopf und Blick gesenkt wie eh und je. Als der Bauer die Übung abbrechen wollte, verlangte der Wildhüter nach einem aller letzten Versuch. Diesmal kam er früher als sonst, gerade zum Sonnenaufgang. Wieder nahm er den Adler aus dem Stall - und hielt ihn ganz fest, mit den Daumen führte er seinen Kopf. Er ließ ihn direkt in die am Horizont aufsteigende Sonne blicken. Man sagt ja, dass nur Adler direkt der Sonne entgegenfliegen könnten, ohne geblendet zu werden. Er spürte das Zucken, das durch den Vogelkörper ging. Das Tier breitete mit einem Mal seine mächtigen Schwingen aus, stieß einen lauten Schrei aus, erhob sich majestätisch in die Luft, und entflog, direkt dem Licht entgegen.

Ich wette, in diesem Moment haben Sie an Leute aus Ihrem Umfeld gedacht. Oder sogar an sich selbst? An Adler, die als Hühner kurzgehalten werden. An Menschen, die viel mehr könnten, wenn sie sich nur trauten. In einigen politischen Systemen - und in manchen Unternehmenskulturen - ist das ja Programm. Denn willensgebrochene Hühner sind viel einfacher zu manipulieren als selbstbewusste Adler. Haben Sie sich mal überlegt, dass die ganze Ausbildung, leider speziell sogar an Hochschulen, darauf abzielt, domestizierte Kopien heranzuzüchten?

Vielleicht finden Sie über die Festtage ein wenig Zeit, über versteckte Adler nachzudenken. Um sie zu entfesseln, müssten Sie herausfinden, welcher Auslöser deren persönlicher «Blick in die Sonne» ist. Ich probiere es bei Menschen, bei denen ich viel Potential sehe, immer wieder. Ich fordere sie auf immer neue Arten heraus - und bei weitem nicht alle Versuche kommen gut an. Macht aber nichts, denn in dem Moment, wo sie ihre eigene Hühner-Denkfalle erkennen und sich zum Adler wandeln, hat sich alle Mühe gelohnt.

Frohe Festtage und ein adlerreiches neues Jahr wünscht Ihnen

Christoph Erni.

 

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