DECOMM 2022: Wer Radwege baut, wird Radfahrer ernten!

Mit einem Plädoyer für gerechtere Flächenverteilung wirbt die 2. Bürgermeisterin der Stadt München Katrin Habenschaden für die Verkehrswende. Auch, damit der für eine Metropole notwendige Wirtschaftsverkehr wirklich fließen könne. Auch Bayerns Verkehrsminister Bernreiter wirbt für eine Kombination aus sicherem Radwegnetz und ÖPNV-Ausbau. Und für eine 9-Euro-Ticket-Nachfolge, die der Bund bezahlt. DEPOMM-Chef Jansen: "Brauchen neue Mobilitätsroutinen".

Stadt und Land verknüpfen: Für eine verkehrs- und regionsübergreifende Mobilität sprachen sie die Diskutanten der abschließenden Talk-Runde auf der DECOMM in München aus. | Foto: J. Reichel
Stadt und Land verknüpfen: Für eine verkehrs- und regionsübergreifende Mobilität sprachen sie die Diskutanten der abschließenden Talk-Runde auf der DECOMM in München aus. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

Bei der 11. Deutschen Konferenz für Mobilitätsmanagement in München (DECOMM) hat sich die 2. Bürgermeisterin der Stadt Katrin Habenschaden (Grüne) für eine neue und gerechtere Aufteilung des öffentlichen Raums ausgespruchen. Dieser sei aktuell zugunsten des Autoverkehrs und damit nicht gerecht verteilt. Sie warnte aber auch vor einer Verkürzung der Debatte auf den Konflikt zwischen Rad- und Autofahrern, denn in einer Stadt wie München seien viele Bürger*innen eben oft beides, nur zu verschiedener Zeit. Zudem seien alle Bürger*innen am Ende auch eines, was oft vergessen werde: Fußgänger. Dennoch zeigte sich die 2. Bürgermeisterin überzeugt: "Wer Radwege baut, wird Radfahrer ernten" und verwies auf den großen Erfolg der beiden Radentscheide in der Landeshauptsstadt. 

„Wir müssen Mobilität so organisieren, dass die Menschen schnell, kostengünstig und klimafreundlich an ihr Ziel gelangen", erklärte Habenschaden bei einer abschließenden Talkrunde in der Technischen Universität in München.

Sie plädierte dafür, die Fuß- und Radinfrastruktur und den ÖPNV so auszubauen, dass Autofahrer ihr Fahrzeug gerne stehen lassen oder es im Ideal einer "15-Minuten-Stadt" im Alltag gar nicht mehr benötigten. Dafür brauche es Push-, aber auch Pullmaßnahmen, von alleine passiere das nicht. Das 9-Euro-Ticket habe gezeigt, wie groß die Bereitschaft zum Umstieg sei, und sei ein großer Erfolg, das dringend eine Nachfolgeregelung brauche, wohingegen eine Maßnahme der Tankrabatt nicht zielführend gewesen sei. Währenddessen wachse der Verkehr in der Landeshauptstadt und im Umland stetig, die Pendlerzahl lege auch weiter zu.

Auch der Wirtschaftsverkehr muss fließen!

In einer Metropole wie München müsse aber auch klar sein, dass vor allem der Wirtschaftsverkehr fließen müsse, was in der mit Abstand und permanenten "Stauhauptstadt" der Republik eben nicht der Fall sei. Die Prognosen und der erwartete Zuzug ließen befürchten, dass es künftig eine dauernde Rushour geben werde, wenn man nicht gegensteuere. Die Zeit dränge, die Verkehrswende müsse jetzt beginnen, Lösungen seien sofort geboten. Individuelle Mobilität sei eine größe Errungenschaft der Moderne, es sei schön, unterwegs sein zu können. Nur müsse das eben auch umweltfreundlich möglich sein. Eine andere Mobilität sei möglich, aber auch alternativlos, appellierte Habenschaden.

Dabei müsse auch das Umland eingebunden werden, das enge mobile Verflechtungen in die Landeshauptstadt aufweise. Sie verwies auf jüngste Maßnahmen wie die Schaffung einer Expressbusringlinie. Mobilität mache nicht an Landkreisgrenzen halt. Die vielen Neubaugebiete in Stadt und Landkreis bergen die Gefahr, weitere Pendlerströme zu generieren. Deshalb sei es notwendig, auch beim Wohnungsbau auf autoarme oder autofreie Anlage zu achten, wie das etwa im Münchner Neubaugebiet Freiham der Fall sei. Es gelte generell und speziell in der Umlandmobilität, die Verkehrsträger zu vernetzen. Habenschaden forderte für den Umbau die Unterstützung des Freistaats, also von Land und Bund.

Bayerns Verkehrsminister sieht Bund in der Pflicht

Dagegen sieht Bayerns Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr, Christian Bernreiter beim Thema ÖPNV-Ausbau und 9-Euro-Ticket vor allem den Bund in der Pflicht, der die Länder entsprechend finanziell ausstatten müsse.

„Wir wollen eine bedarfsgerechte, sichere und nachhaltige Mobilität für alle, egal ob auf dem Land oder in der Stadt. Dafür braucht es einen integrierten Ansatz, der alle Verkehrsmittel und Mobilitätsformen für ein attraktives, vernetztes und bezahlbares Mobilitätsangebot im Blick hat“, erklärte Bernreiter.

In diese Kerbe schlug auch die Landrätin Maria-Rita Zinnecker aus dem Ostallgäu, stellvertretend für die in den letzten Jahren stark belasteten Tourismusregionen Bayerns. Sie verwies auf die großen Unterschiede innerhalb des Landkreises von Tourismus bis München-orientierten Pendlern.

„Die Mobilitätswende gehört zu den zentralsten und wichtigsten Zukunftsaufgaben beim Standort- und Destinationsmanagement. Dazu ist ein gutes lokales und regionales Mobilitätsmanagement nötig – die Tourismusregionen sind hier Vorreiter. Aber Verkehr ist grenzübergreifend. Deshalb brauchen wir zudem eine überregionale Abstimmung, eine klare Aufgabenteilung zwischen Bund, Land, Regionen und Kommunen und vor allem: finanzielle Unterstützung für die Umsetzung vor Ort", plädierte die Regionalpolitikerin.

Man habe für die Umsetzung der Verkehrswende jüngst einen Mobililtätsmanager engagiert, der die Maßnahmen koordinieren solle. Alles hänge aber davon ab, ob der Bund mehr Geld ins System Verkehr stecke und vor allem den ÖPNV auch am Land dadurch attraktiver mache. Hierfür brauche es dauerhafte Kampagnen, nicht nur vereinzelte Pilotprojekte, damit die Menschen den Umstieg vollziehen würden. Bisher seien viele der bereits vorhandenen Buslinien viel zu oft leer.

„Wir brauchen neben neuen Planungs- und Abstimmungsroutinen zwischen Politik und Verwaltung auch neue individuelle Mobilitätsroutinen. Mobilitätsmanagement bietet hier die Chance, die notwendigen Veränderungen erfolgreich zu gestalten", forderte Theo Jansen, Vorstandsvorsitzender des für die Konferenz verantwortlichen DEPOMM e.V. abschließend.

Nicht nur den Verkehr planen, sondern die Mobilität!

Mobilitätsmanagement ist darauf ausgerichtet, das Mobilitätsverhalten der Menschen zu beeinflussen. Damit unterscheidet es sich von der traditionellen Verkehrsplanung, die ihre Hauptaufgabe darin sieht, die notwendige Infrastruktur bereitzustellen, wie die Veranstalter darlegen. Ziel sei es, die Rahmenbedingungen für das individuelle Mobilitätsverhalten so zu gestalten, dass attraktive Angebote zu einem nachhaltigen Verhalten einladen. Verkehrsplaner/-innen, Politiker/-innen, Mobilitätsmanager/-innen und Mobilitätsdienstleister aus ganz Deutschland zeigten bei der zweitägigen Konferenz in München die Handlungsmöglichkeiten des Mobilitätsmanagements für die Mobilitätswende auf. Veranstaltet wurde die DECOMM 2022 von der Deutschen Plattform für Mobilitätsmanagement (DEPOMM) e.V., dem Bayerischen Staatsministerium für Wohnen, Bau und Verkehr sowie der Landeshauptstadt München. Die jährliche Konferenz richtet sich an die Akteurinnen und Akteure aus Wissenschaft, Verkehrsplanung, Verkehrsunternehmen, Stadtentwicklung, Politik, Wirtschaft, Kommunal- und Landesverwaltung und Bildungseinrichtungen.

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