Meinungsbeitrag

Debatte um "Flugverbote": Wenn man schon tiefe Früchte nicht pflückt ...

Irgendwo muss man anfangen: Am besten bei den "low hanging fruits"! Die Debatte um die gar nicht geforderten Flugverbote ist scheinheilig: Fliegen muss natürlich den Preis bekommen, der den Schäden entspricht.

Zug statt Flug: VM-Redakteur Reichel fährt innerdeutsch schon lange nur noch Bahn. Seine Meinung: Netto oft nicht langsamer als der Flieger, zumal wenn man Termine in der Stadt hat. Und: Nie verlorene (Arbeits/Lebens)Zeit in öden Check-in-Schlangen. | Foto: J. Reichel
Zug statt Flug: VM-Redakteur Reichel fährt innerdeutsch schon lange nur noch Bahn. Seine Meinung: Netto oft nicht langsamer als der Flieger, zumal wenn man Termine in der Stadt hat. Und: Nie verlorene (Arbeits/Lebens)Zeit in öden Check-in-Schlangen. | Foto: J. Reichel
Johannes Reichel

In schönstem "Denglisch" als "low hanging fruits" bezeichnete Grünen-Chef Robert Habeck in der jüngsten Illner-Talk-Runde die Verteuerung von innerdeutschen Flugreisen, die seine Co-Parteichefin Annalena Baerbock jüngst in einem Interview angeregt hatte. Prompt bekam sie übrigens Rückendeckung von keinem geringerem als dem EU-Klimaschutzkommissar Frans Timmerman (SPD), der den Bahnverkehr so ausbauen will, dass es bei Strecken zwischen 600 und 800 Kilometer schlicht keinen Flieger mehr braucht, weil es länger dauert. 

Und Leute, mal im Ernst: Irgendwo muss man ja anfangen, auch wenn der Beitrag überschaubar erscheint! Es gibt ihn aber eben doch, vor allem wenn man berücksichtigt, dass pro Kilometer gerade diese Kurzstreckenflüge, häufig reine Zubringer zu noch klimafrevelhafteren Fernverbindungen, eine grausige Effizienz aufweisen, weil während Start und Landung am meisten Kerosin ausgestoßen wird.

Die in der Klimawirkung verheerenden Fernflüge (1x Frankfurt-New-York-Frankfurt enspricht 3,8 Tonnen CO2, die Hälfte des Jahresaustoßes eines Bundesbürgers im Schnitt) sollte man sowieso zunehmend durch Zoom-Calls ersetzen: Was alles online geht und noch viel mehr, haben wir gerade in der Pandemie gelernt. Pro Kopf gerechnet, bleibt der Flieger sowieso das treibhausgasintensivste Verkehrsmittel. Nach Zahlen des Umweltbundesamts produziert ein Flugzeug pro Personenkilometer vier mal mehr CO2 als ein Reisebus oder Zug. Selbst Autofahren wird da fast zum klimatechnischen "Kavaliersdelikt".

Dass Fliegen viel billiger ist als mit dem Zug fahren, ärgert einen passionierten Bahnfahrer am allermeisten. Warum wird man eigentlich für klimafreundliches Verhalten auch noch bestraft? Diese Logik müssen wir dringend und schnell umdrehen. Und das wird vordringliche Aufgabe der Grünen sein. Nicht Verbote sind das Thema, sondern die Erlaubnis für umweltfreundliches Verhalten.

Derzeit werden die "externen Kosten" des Fliegens jedenfalls nicht abgebildet: Die Wirkungen des Treibhausgasaustoßes direkt in der Atmosphäre sind bei diesen Bilanzen noch nicht mal mitberechnet. Die so nett ausschauenden Kondensstreifen sind alles andere als harmlos, in der Höhe bildet der Ruß aus den Triebwerken Eiswolken, die wiederum eine Rückstrahlung der Wärme in die Atmosphäre verhindern.

Kurzum: Diese "tief hängenden Früchte" nicht zu pflücken und immer wieder reflexhaft auf die noch viel größere Klimavergehen zu verweisen, um dann lieber gar nichts zu tun, wie es Union und FDP in ihrer erwartbaren Reaktion taten, hilft nun auch nicht weiter.

Wir müssen an allen Strellschrauben drehen - und am besten an denen, die schnell zu regeln sind.

Dazu gehört auch, dass Billigflüge "passè" sein müssen, die Steuerbefreiung für Kerosin aufgehoben gehört und parallel das Schienennetz durch bessere Takte oder günstigere Tickets attraktiviert werden muss. Nichts anderes hat die grüne Kanzlerkandidatin angeregt. Und keineswegs ein Verbot. Zur Erinnerung, Baerbocks Worte im O-Ton:

"Ich finde es nicht fair, dass mit unser aller Steuergeld das Kerosin subventioniert wird, während Fernfahrten mit der Bahn gerade zu Stoßzeiten teuer sind. Wer als Familie mit dem Zug reist, sollte doch weniger zahlen als für die Kurzstrecke mit dem Flugzeug".

Recht hat die Frau! Und Recht gibt ihr auch, dass ihr Vorschlag zum Beispiel in Frankreich, in vielen Dingen radikaler, gerade vom eher konservativ-liberalen Emmanuel Macron mit Mehrheit durchgesetzt wurde: Die Steuermilliarden für die Corona-kriselnde Air France wurden an Bedinungen geknüpft und im Kompromiss einigte man sich auf ein Flugverbot, wenn die Verbindung auch in zweieinhalb Stunden per Zug erreichbar ist. Wohl dem Land, das über ein gut ausgebautes TGV-Netz verfügt! Klar, auch hier kann man sagen: Symbolpolitik.

Aber heißt es nicht immer, Politik lebt von Symbolen? Und das hier wäre ein Symbol auch der Bundesregierung und der Union: "Wir haben verstanden".

Dass man die hoffnungsvoll und forsch gestartete Baerbock bewusst missverstehen will, ist aber ein geradezu anachronistisch anmutendes Wahlkampfgetöse, als wäre dies ein "normaler Wahlkampf". Ist es aber nicht. In Anbetracht der dramatischen Lage und drängenden Zeit, sollte die "Gegenseite", die sich eigentlich auf der gleichen Seite im Kampf gegen die Klimakrise wähnen sollte, schon aus "Staatraison" oder besser "Globalräson" mal über ihren Schatten springen und statt zu wettern, dass das alles nicht geht - Windräder, Flugverbot, Tempolimit etc - mal lieber sagen, wie sie es anstellen wollen, bis 2045 Klimaneutralität zu erreichen und bis 2030 die CO2-Emissionen um 65 Prozent zu mindern.

Nur wenn alle Parteien und Staaten mitziehen, ist die Wende zu schaffen

Das hier ist keine politische Kabale und kein herkömmliches Rennen um Wählerstimmen oder von Staaten gegeneinander, sondern ein Wettlauf gegen die Zeit aller zusammen, wie es der Chef der Internationalen Energieagentur IEA Fatih Birol jüngst ausdrückte. Und wie in der Pandemie gilt: Ohne dass alle Staaten mitziehen, kann keiner gewinnen.

Schließlich hat die Koalition, zu der auch CDU und CSU gehören, gerade vom Verfassungsgericht getrieben einen verschärften Klimaschutzvertrag unterzeichnet. Hier heißt es frei nach Blacky Fuchsberger: Auf los geht's los!

Tief hängende Früchte gebe es zuhauf: Da gehört gleich mal ein Tempolimit von 130 auf Autobahnen eingeführt, Tempo 30 für Städte ermöglicht, das Dienstwagen- und Dieselprivileg mit abgeräumt, Sprit mit einem höheren CO2-Preis belegt, Fahrstrom dafür vergünstigt, Job-Rad-Modelle ausgebaut und so weiter und so fort. Ja, und natürlich muss man einen sozialen Ausgleich schaffen. Warum nicht mit einem Energiebürgergeld, für die die wenig CO2 emittieren, die zugleich meist die "kleinen Leute" sind, auf die sich auffallend oft beim Thema Mobilität die Parteien berufen, die sich sonst eher nicht durch soziale Politik hervortun.

De facto ist es so, dass 20 Prozent der Bundesbürger mit dem niedrigsten Einkommen marginal zum Flugaufkommen beitragen.

Die 20 Prozent mit den höchsten Einkommen aber am meisten, wie jüngst Spiegel-Autor Kurt Stukenberg mit Verweis auf eine Studie der britischen Organisation "Possible" zu Recht anmerkte. Ganz abgesehen von der Frage, was unser "die Freiheit zum Fliegen nehm' ich mir" in anderen Ecken dieses Globus an Verheerungen anrichtet. Somit auch eine global-ignorante Debatte.

 

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