DB Cargo kuppelt wie im 19. Jahrhundert

Während beim Lastwagenverkehr die Digitalisierung voranschreitet und autonome Lastwagen auf Testfahrten in Europa unterwegs sind ist beim Schienengüterverkehr der Kupplungsvorgang der Waggons noch so wie vor über 100 Jahren Handarbeit.

Digitale Automatische Kupplung, kurz DAK, an einem Erprobungszug der DB Cargo. |Foto: DB Cargo
Digitale Automatische Kupplung, kurz DAK, an einem Erprobungszug der DB Cargo. |Foto: DB Cargo
Thomas Kanzler

In Deutschland haben Güterzüge gerade einmal einen Anteil von 19 Prozent am Warenverkehr. Güterverkehr soll –so ist sich die Politik einig- auf die Schiene verlagert werden, um die Straßen vom Lastwagenverkehr zu entlasten. Als Ziel ist ein Anteil von 30 Prozent angepeilt. Das Schienennetz in Deutschland ist aber in vielen Gegenden nicht auf einen derartigen Zuwachs des Zugverkehrs ausgelegt. Ein Hemmnis für viele Unternehmen ist die Tatsache, dass es schwierig und zeitaufwändig ist, nur einzelne Waggons zum Transport zu buchen. Der Kupplungsaufwand ist bei solchen Zügen im sogenannten Einzelwagenverkehr immens. Der Großteil der Transporte der Bahn wird von Privatfirmen in Auftrag gegeben. Hier kann der Staat nicht einfach den Umstieg auf die Schiene anordnen. Experten wollen die Attraktivität des Schienengüterverkehrs für Unternehmen erhöhen, indem der zeit- und Arbeitsaufwand beim Kuppeln drastisch reduziert wird.

Gekuppelt wird noch von Hand

Im Schienengüterverkehr in Europa werden seit mehr als 100 Jahren fast ausschließlich Schraubenkupplungen verwendet. Sie werden vollständig manuell ge- und entkuppelt. Um die Wagen zu verbinden, wird ein rund 20 kg schwerer Bügel auf den Haken des nächsten Wagens gelegt. Die Kupplung wird dann durch Drehen an einem Schraubgewinde hinter dem Bügel gespannt. Allein DB Cargo kuppelt am Tag in Deutschland etwa 54.000 Wagen und Züge. Der gesamte europäische Schienengüterverkehr kommt sogar auf etwa 400.000 Kupplungsvorgänge am Tag.

Schweiz, Österreich und Deutschland entwickeln DAK

Unter dem kryptischen Begriff DAC4EU haben sich die DB Cargo, die Rail Cargo Österreich und die SBB Cargo gemeinsam mit den privaten Betreibern für Wagenfuhrparks GATX Rail Europe, VTG und Ermewa zu einem Konsortium zusammengeschlossen. Die Bahngesellschaften wollen die sogenannte „Digitale Automatische Kupplung“ – kurz: DAK – einführen. 

Eine DAK verbindet zwei Güterwagen automatisch miteinander. Sie stellt ohne Handarbeit des Rangierpersonals eine mechanische Verbindung zwischen den Wagen her. In einem ersten Schritt hatten vier Industrieunternehmen entsprechende Prototypen entwickelt. Nach der Durchführung von technischen Tests wird ein DAK-Typ von einem europäischen Gremium ausgewählt. Ein Versuchszug mit 24 Wagen mit dem ausgewählten DAK-Typ fährt dann mehrere Monate durch Deutschland, Österreich und die Schweiz sowie durch weitere EU-Länder. Den Start der Testfahrten der Deutschen Bahn läutete der neue Bundesminister für Digitales und Verkehr, Dr. Volker Wissing, mit dem Überreichen eines kleinen, symbolischen Gütercontainers ein.

Nach mehreren Anläufen eine einheitliche Kupplung

Es gab in Europa bereits mehrere Versuche, eine einheitliche automatische Kupplung einzuführen, zuletzt in den 1990er Jahren. Der Fokus lag nur auf dem reinen mechanischen Kuppeln und der Verbindung der Luftleitung. Dieser Ansatz war nicht wirtschaftlich genug. Im Gegensatz dazu erweitert die DAK durch den Einsatz von Strom- und Datenleitung das betriebliche Einsatzspektrum erheblich. Die DAK führt zur breiten Digitalisierung des Güterverkehrs, weshalb der Nutzen und das wirtschaftliche Potenzial viel größer sind. Das bis Ende 2022 laufende Forschungsprojekt wurde vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) beauftragt und wird vom BMVI mit 13 Millionen Euro finanziert.

„Wir sind damit genau im Zeitplan. Das ordnungsgemäße Funktionieren der Kupplungen können wir nur mit umfangreichen Tests unter Realbedingungen erproben. Es hat sich aber schon jetzt gezeigt, dass die DAK das Zusammenstellen von Güterzügen erheblich beschleunigt und damit mehr Kapazitäten auf der Schiene schafft“, erklärte der Projektleiter Ulrich Meuser.

Bis 2030 soll die DAK eingeführt werden

Der Prozess der Umrüstung wird –nach Fachleuten der Bahn- wohl sechs bis acht Jahre dauern. Um bis 2030 alle Waggons umgebaut zu haben, soll die Einführungsphase spätestens 2023/2024 beginnen. Eine echte Mammutaufgabe: laut einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) müssen in den 27 EU-Ländern sowie in Großbritannien, der Schweiz und Norwegen müssen bis zu 490.000 Güterwagen und 17.000 Triebfahrzeuge umgerüstet werden. Die Kosten dafür wurden in einer Studie auf bis zu 8,6 Milliarden Euro geschätzt. Man geht davon aus, dass sich im Gegenzug die Kapazität des Güterverkehrs auf der Schiene in Deutschland um zehn bis fünfzehn Prozent erhöht, ohne dass die Infrastruktur ausgebaut werden muss.

Was bedeutet das?

Eigentlich kaum zu glauben, dass sich allein die Umrüstung der Waggons auf Kupplungen, die keine Handarbeit erfordern, bis 2030 hinzieht. 2030 sind die meisten Autobauer rein elektrisch unterwegs, viele fahren vermutlich (teil-) autonom. Und 1966 fand bereits die erste Kopplung im Weltall statt, ganz ohne Handarbeit. Warum wurde der Güterverkehr auf der Schiene so lange sträflich vernachlässigt?

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