Daimler: Wird das Verbrenner-Aus vorgezogen?

Bis 2039 will der Konzern eine CO2-freie Flotte schaffen – jetzt prüft der Konzern laut einem Medienbericht vom „Handelsblatt“, die Verbrenner schon vor 2039 auslaufen zu lassen.

Für 2021 gab sich Daimler optimistisch. Hinter den Kulissen denkt man darüber nach, die Verbrenner-Produktion schneller zu beenden. | Foto: Daimler
Für 2021 gab sich Daimler optimistisch. Hinter den Kulissen denkt man darüber nach, die Verbrenner-Produktion schneller zu beenden. | Foto: Daimler
Gregor Soller

Nachdem sogar die „verschlafenen Riesen“ Ford und GM in den USA aufs Tempo drücken, um die Verbrenner bis 2030 zu beerdigen, scheint auch Daimler neu zu rechnen. Wie das „Handelsblatt“ ohne Nennung von Quellen berichtet, lasse Daimler-CEO Källenius im Vorstand mehrere Szenarien durchrechnen, wonach Mercedes-Benz Pkw (man wird Daimler Trucks noch dieses Jahr an die Börse bringen und an der Lkw-Sparte künftig allenfalls noch eine Sperrminorität halten) nicht erst ab 2039, sondern schon fünf oder gar acht Jahre früher nur noch reine Elektromodelle anbieten könnte. Im Fokus stünde dabei die künftige neue S-Klasse, die ab 2028 die aktuelle Generation beerben würde. Würde Källenius mit seinem beschleunigten Umbau Ernst machen, könnte respektive müsste die nur noch als rein elektrisches Modell kommen.

Außerdem deutete Källenius im Interview mit dem „Handelsblatt“ an, dass die bisherigen Zwischenstufen beim Absatz von reinen Elektromodellen und Plug-in-Hybriden – ein Viertel bis 2025, die Hälfte dann bis 2030 – nach oben korrigiert werden könnten. Allerdings äußert sich der Daimler-CEO nicht konkret zu einem früheren Ausstieg aus der Verbrennertechnik, rechnet aber damit, das E-Autos bis 2030 ebenso hohe Margen erzielen könnten wie Verbrenner oder Plug-in-Hybride. Hier kommt auch die Finzanzabteilung bei Daimler zum Zug: Denn wenn beide Antriebsarten Kostenparität erreicht hätten, gebe es perspektivisch keinen Grund mehr, am Verbrenner festzuhalten. Zumal genug Geld für den Umbau eingeplant sei und Daimler bis 2030 eine komplette elektrische Palette am Start habe.

Der Umbau hat weitreichende Folgen für die Beschäftigten

Anders sieht es auf Seite der Arbeitnehmervertreter aus, die diesen Wandel gar nicht schätzen, zumal zuletzt Produktionssequenzen für Verbrenner von Stuttgart in günstigere Regionen weggeplant wurden. Bei der nächsten Verbrennergeneration wollte man außerdem mit Geely zusammenarbeiten, nachdem man auch die Tochter Smart ab den nächsten Fahrzeuggenerationen nach China verschiebt. Nach dem Veto des Betriebsrats drohte der Vorstand, ein neues Technologiezentrum für Elektromobilität nicht im Raum Stuttgart zu bauen. Denn der Daimler-Betriebsrat fordert eine eigene Fertigung von Elektromotoren und anderen E-Auto-Komponenten – als Ausgleich für die entfallenden Arbeitsinhalte bei den Verbrennern. Auch die Fertigung eigener Akkuzellen steht im Forderungskatalog. Der Vorstand will Batteriezellen aber nur zukaufen und setzt auf Kooperationen. Die Verzögerung, eine eigene Zellproduktion zu planen und aufzubauen, will sich Källenius nicht leisten.

Wichtig bei den neuen Plänen ist auch die Abspaltung des Lkw-Geschäftes, das über längere Zeit am Verbrenner festhalten wird. Einzige Krux für die Pkw: Mittlerweile hat Daimler die Brennstoffzellen-Entwicklung und die Weiterentwicklung des autonomen Fahrens zu den Lkw verschoben, da man hier eine frühzeitigere Praxiseinführung beider Techniken erwartet. Ein Fragezeichen steht auch hinter verbrennerlastigen Märkten wie Russland oder der arabischen Halbinsel.

Was bedeutet das?

Laut Handelsblatt könnte aus „Electric first“ eher als gedacht ein „Electric only“ werden. Daimler könnte sich dann auch die komplexen Multipurpose-Plattformen sparen und künftige Modelle auf ein viel einfacher zu konzipierendes „Skateboard“ stellen. Wie das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Konzernkreise schreibt, könnte das schon die 2024 anlaufende Kompaktwagenplattform MMA betreffen. Die könnte im radikalsten Fall die letzte neue Daimler-Architektur sein, auf der noch Verbrenner in großen Stückzahlen gebaut werden.

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