Daimler-Bilanz: Electric First - aber Verbrenner als "Cash-Machine"

Bei Präsentation der Jahreszahlen zieht der Konzern überraschend positive Krisenbilanz und sieht keinen Bedarf für weitere Subventionen. Konzernchef Källenius fordert eine spürbare CO2-Steuer, damit marktwirtschaftliche Mechanismen greifen. Schritt für Schritt will man raus aus dem Verbrenner.

Step by step: Daimler will sukzessive aus den Verbrennern aussteigen und setzt für den Übergang auf Multiantriebsplattformen wie etwa beim neuen EQA, der auf dem GLC basiert. | Foto: Daimler
Step by step: Daimler will sukzessive aus den Verbrennern aussteigen und setzt für den Übergang auf Multiantriebsplattformen wie etwa beim neuen EQA, der auf dem GLC basiert. | Foto: Daimler
Johannes Reichel

Die Daimler AG hat trotz der Pandemie überraschend erfreuliche Zahlen für das Geschäftsjahr 2020 vermeldet und will in den kommenden Jahren eine "electric first"-Strategie fahren. Nichtsdestotrotz verdiente man aktuell glänzend mit den Verbrennermodellen, deren Investitionen in den nächsten Jahren aber um 70 Prozent heruntergefahren werden sollen. Mit brandneuen Motoren an Bord, seien die Modelle aber eine "Cash-Machine", gab der Vorstandschef unumwunden zu. Das Geschäft radikal zu brechen, "macht wirtschaftlich keinen Sinn", erklärte Daimler-Konzern-Vorstandsvorsitzender Ola Källenius am Stammsitz in Stuttgart. Aus seiner Sicht wäre das erst der Fall, wenn es einen merklichen Preis auf CO2 geben würde. Dann könnte der Umstieg mit marktwirtschaftlichen Mechanismen beschleunigt werden.

Im Jahr 2021 wolle man bei Mercedes-Benz Cars die Elektrifizierungs-Strategie vorantreiben und mit den Modellen EQS, EQA, EQB und EQE vier neue vollelektrische Fahrzeuge einführen sowie den Anteil an Plug-in-Hybrid-Modellen ausweiten. Daher geht das Geschäftsfeld davon aus, dass die europäischen CO2-Emissionen der Pkw deutlich unter denen des Vorjahres liegen werden, so die Prognose.

Vor allem China rettet die Bilanz

Konkret vermeldet der Konzern "in einem herausfordernden, von der COVID-19-Pandemie geprägten Umfeld" einen Konzernabsatz mit 2,84 (2019: 3,34) Mio. Pkw und Nutzfahrzeugen um 15% unter Vorjahresniveau. Der Umsatz ging um 11% auf 154,3 (2019: 172,7) Mrd. Euro zurück. Das EBIT des Daimler-Konzerns stieg aufgrund strenger Kostendisziplin und umfangreicher Maßnahmen zum Erhalt der Liquidität sowie einer starken Entwicklung in allen Geschäftsbereichen um 53% auf 6,6 (2019: 4,3) Mrd. Euro. Das bereinigte EBIT reflektiert das laufende Geschäft und betrug 8,6 (2019: 10,3) Mrd. Euro. Vor allem das Anspringen der Konjunktur in China half dem Konzern. 25 Millionen Fahrzeuge wurden 2020 verkauft, fast ein Drittel des Weltmarktes mit 770.000 Einheiten. Källenius erwartet hier weiteres Wachstum, bei besseren Margen als in Europa. 

Umsatz, Absatz, Mitarbeiterzahl rückläufig - Gewinn gestiegen

Zugleich fuhr der Konzern einen strikten Sparkurs, reduzierte massiv Stellen und profitierte auch massiv von staatlichem Kurzarbeitergeld mit 700 Millionen Euro. Wobei Källenius darauf verweist, dass man hier auch viele Jahre Geld in die Sozialversicherung eingezahlt habe. Er sieht darüber hinaus keinen Bedarf für weitere Subventionen, bekräftigte der Konzern-Chef. Der Staat müsse eher auf die Schwächeren schauen. Insgesamt ging also der Umsatz, Mitarbeiterzahl und Fahrzeugabsatz zurück, aber die Gewinne stiegen. 

„Das Jahr 2020 war ein Stresstest für beinahe jedes Unternehmen in fast jeder Branche. Das Daimler-Team hat diesen Test sehr gut gemeistert. Die Produkte unserer Geschäftsbereiche bleiben in allen wichtigen Märkten stark nachgefragt. Mit dem rapiden Wachstum unserer Verkäufe elektrifizierter Fahrzeuge und der Einführung neuer Produkte und Technologien haben wir wichtige Schritte in Richtung Elektrifizierung und Digitalisierung gemacht", so sieht es Källenius.

Die Finanzergebnisse lägen deutlich über den Markterwartungen und spiegelten große Fortschritte bei der Kosteneffizienz wider, ziehl der Daimler-Chef positive Bilanz. Zudem habe man basierend auf einem starken Produktmix und einer guten Preisdurchsetzung vor allem in der zweiten Jahreshälfte eine deutliche Profitabilitätsverbesserung erzielen können. Der Beweis sei erbracht, dass man "in erheblichem Ausmaß Cash Flow generieren und die laufende Transformation aus eigener Kraft vorantreiben" könne – auch unter den schwierigen Bedingungen einer Pandemie.

Abspaltung von Truck-Sparte könnte positive Effekte bringen

Der Konzern beabsichtigt, Daimler Truck abzuspalten und an die Börse zu bringen. Angestrebt wird die Übertragung einer bedeutenden Mehrheitsbeteiligung an Daimler Truck an die Daimler-Aktionäre. Daimler Truck wird die volle unternehmerische Freiheit erlangen sowie eine eigenständige Corporate Governance-Struktur mit einem unabhängigen Aufsichtsratsvorsitzenden besitzen. Zudem wird angestrebt, dass Daimler Truck die Kriterien für eine Aufnahme in den bedeutendsten deutschen Aktienindex DAX erfüllen wird. Die Transaktion und die Notierung von Daimler Truck an der Frankfurter Wertpapierbörse sollen voraussichtlich vor Jahresende 2021 abgeschlossen sein. Vor der Abspaltung werde Daimler Truck als nicht fortgeführte Aktivität von Daimler klassifiziert. Die daraus in der zweiten Jahreshälfte zu erwartenden beträchtlichen positiven Effekte können derzeit noch nicht zuverlässig bestimmt werden, prognostizierten die Schwaben. 

Cars & Vans behaupten sich bei Rendite

Der Absatz des Geschäftsfelds Mercedes-Benz Cars & Vans ging um 13% auf 2.461.800 (2019: 2.823.800) Fahrzeuge zurück. Der Umsatz betrug 98,6 (2019: 106,9) Mrd. Euro. Das EBIT lag bei 5.172 (2019: minus 109) Mio. €, die Umsatzrendite bei 5,2% (2019: minus 0,1%). Das um wesentliche Einzelsachverhalte bereinigte EBIT betrug 6.802 (2019: 6.151) Mio. Euro, die bereinigte Umsatzrendite 6,9% (2019: 5,8%). Der Cash Flow vor Zinsen und Steuern (CFBIT) lag bei 7.048 (2019: 598) Mio. Euro, der bereinigte CFBIT betrug 7.917 (2019: 1.939) Mio. Euro. Die bereinigte Cash Conversion Rate (CCR) belief sich auf 1,2 (2019: 0,3).

CO2-Flottenwerte von 137 auf 104 g/km gesunken

Der Absatz von Mercedes-Benz Cars ging um 13% auf 2.087.200 Fahrzeuge zurück (2019: 2.385.400). Der Absatz von Mercedes-Benz Vans verringerte sich um 15% auf 374.600 (2019: 438.300). Im Jahr 2020 sind die durchschnittlichen CO2-Emissionen der Neuwagenflotte in Europa (EU28 - Europäische Union, Vereinigtes Königreich, Norwegen und Island) voraussichtlich auf 104 g/km gesunken (2019: 137 g/km NEFZ, einschließlich der als Personenkraftwagen zugelassenen Transporter). Damit wurden die CO2-Ziele für 2020 in der Europäischen Union erreicht.

Trucks: Absatz, Umsatz, Gewinn gesunken

Der Absatz des Geschäftsfelds Daimler Trucks & Buses ging um 27% auf 378.500 (2019: 521.100) Fahrzeuge zurück. Der Umsatz betrug 34,7 (2019: 44,4) Mrd. Euro. Das EBIT lag bei 525 (2019: 2.672) Mio. Euro, die Umsatzrendite bei 1,5% (2019: 6,0%). Das bereinigte EBIT betrug 678 (2019: 2.672) Mio. Euro, die bereinigte Umsatzrendite 2,0% (2019: 6,0%). Der Cash Flow vor Zinsen und Steuern (CFBIT) lag bei 2.513 (2019: 2.654) Mio. €. Der bereinigte CFBIT betrug 2.513 (2019: 2.654) Mio. Euro., die bereinigte Cash Conversion Rate (CCR) 3,7 (2019: 1,0). Daimler Trucks verkaufte 358.300 (2019: 488.500) Lkw – ein Minus von 27%. Der Absatz von Daimler Buses ging um 38% auf 20.100 (2019: 32.600) Einheiten zurück.

Bei Daimler Mobility verringerte sich das Neugeschäft um 9% auf 67,8 (2019: 74,4) Mrd. Euro. Das Vertragsvolumen ging auf 150,6 (Jahresende 2019: 162,8) Mrd. Euro zurück. Der Umsatz belief sich auf 27,7 (2019: 28,6) Mrd. Euro. Das EBIT betrug 1.436 (2019: 2.140) Mio. Euro. Die Eigenkapitalrendite lag mit 9,8% unter dem Vorjahreswert von 15,3%. Das bereinigte EBIT betrug 1.595 (2019: 1.827) Mio. Euro, die bereinigte Eigenkapitalrendite 10,9% (2019: 13,1%).

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