Daimler-Betriebsrat: Software und Akku müssen "inhouse" sein

In der Krise nach vorne blicken: Die Betriebsratschefs Michael Brecht und Ergun Lümali fordern mehr interne Kompetenz im Konzern auf den Schlüsselfeldern wie Software, Akku und E-Antrieb.

Auf die Software kommt es an: Unter dem Motto “Stop talking - start hacking" lief auf der IAA in Frankfurt ein Hackathon von jungen Entwicklern, die auf Basis des Mercedes-Benz Mobile SDK neue Dienste für Mercedes me-Kunden ersannen. | Foto: Daimler
Auf die Software kommt es an: Unter dem Motto “Stop talking - start hacking" lief auf der IAA in Frankfurt ein Hackathon von jungen Entwicklern, die auf Basis des Mercedes-Benz Mobile SDK neue Dienste für Mercedes me-Kunden ersannen. | Foto: Daimler
Johannes Reichel

Der Daimler-Gesamtbetriebsratchef Michael Brecht und sein Stellvertreter Ergun Lümali haben sich für eine hohe interne Wertschöpfung und Kompetenzausbau in Sachen Software, Batterien und Elektroantrieb ausgesprochen. "Die Software ist für die Zukunft entscheidend. Da müssen wir Vollgas geben, um nicht hinter die US-Amerikaner und Asiaten zurückzufallen", forderte Lümali in einem Doppelinterview mit der Süddeutschen Zeitung. Man arbeite am Standort Sindelfingen intensiv an einem Betriebssystem.

"Wir müssen die Kompetenz inhouse haben, das wird so wichtig wie heute der Motor", appellierte der Betriebsrat weiter.

Er sieht ein eigenen Automobilbetriebssystem als Vision, die man unter Umständen aber in Zusammenarbeit mit "anderen deutschen Partnern" realisieren könne. Vor kurzem war bekannt geworden, dass es neben den permanenten Daimler-Gesprächen mit BMW auch Sondierungsgespräche mit Volkswagen beim Thema Software gegeben hat. "Wo man Kräfte bündeln kann, da sollte man auch kooperieren", pflichtete auch Betriebsratschef Brecht im SZ-Interview bei. Man sei offen für Kooperationen, bei denen man Investitionen teilen könne und es sich nicht um Alleinstellungsmerkmale handle. Lümali bestätigte die Ansicht von VW-Insidern, dass man sich genauso schwer tue "wie alle anderen", Software-Spezialisten zu verpflichten. Daher habe man auch Hubs in Berlin, Tel Aviv oder Madrid begründet.

Ziel einer eigenen Zellfertigung nicht aufgeben

Auch beim Thema Batterie mahnte der Konzernbetriebsrat mehr Entschlossenheit zum Aufbau einer eigenen Zellfertigung an. "Die Batteriezelle wird am Ende ein Differenzierungsmerkmal sein, das ist keine Standardware, die jeder um die Ecke kauft", befand Lümali. Und warnte, man dürfe sich nicht abhängig machen von Dritten, die die Technik beherrschen "und dann über uns entscheiden". Er forderte mehr Forschung und Entwicklung auf diesem Feld. Auch Brecht mahnte einen stärkeren Fokus auf die Investitionen an, statt zu stark auf Kostensenkungen zu setzen. Es sei zuletzt öffentlich fast nur über Sparen gesprochen worden, die Strategie sei zu kurz gekommen.

"Es geht doch nicht nur um Personalabbau, sondern auch um die Zukunft der Mobilität", erklärte der Betriebsrat.

Hier werde nach seinem Dafürhalten aber auch zu wenig "getrommelt", etwa in Relation zu Tesla. Dort würden Probleme "mit dem nächsten Feuerwerk kaschiert". Wobei der Tesla 3 schon ein "Augenöffner" für das Daimler-Management gewesen sei, wie Brecht konzedierte. Aber auch Elon Musk müsse erfahren, dass es schwer sei, Elektroautos profitabel herzustellen. Das zeige auch das Beispiel StreetScooter.

"Wir haben das Auto erfunden und wir können es auch auf die neuen Technologien hin neu erfinden", appellierte Lümali abschließend.

Er gab sich zuversichtlich, dass sich in wenigen Jahren die Batteriefahrzeuge des Konzerns am Markt durchsetzen würden, man habe zudem weitere "gute Pfeile im Köcher". Und habe nach langem Ringen auch die Fertigung des elektrischen Antriebsstrangs in Untertürkheim untergebracht. 

Prophylaxe gegen Investoren: Gute Produkte heben den Aktienkurs

Gute Produkte würden nach Lümalis Dafürhalten letztlich auch dafür sorgen, dass sich der Aktienkurs wieder erhole und die Gefahr des Einstiegs "aktiver Investoren" gebannt werde. "Der Kurs muss unbedingt wieder steigen", mahnte auch Betriebsratskollege Brecht. Derzeit werde man mit 32 Milliarden Euro deutlich niedriger bewertet, als die Substanz dies hergebe.

Trotz der Kurzarbeit werde im Übrigen an Zukunftsthemen und strategischen Projekten weitergearbeitet - und auch dort, wo Produktionsanläufe bevorstünden.

"Es wird ein Leben nach Corona geben", machte Brecht Mut. Man wolle diese Krise durchstehen und alle "an Bord halten", um danach wieder durchstarten zu können.

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