Daimler: Aktuell keine smarte Zukunft in trüber Großwetterlage

Daimlers Gewinneinbruch und ein weltweit begrenzter Markt für kleine Autos helfen der Marke Smart nicht weiter, weshalb sie ihr Heil künftig in China sucht. Wie der ganze Konzern sich nach Fernost ausrichtet: BAIC will seinen Aktienanteil wohl erhöhen. Und bei Lkw und Vans schlagen hohe Investitionen ins Kontor.

Daimler und Smart haben gerade mit starken Gegenwinden zu kämpfen. | Foto: G. Soller
Daimler und Smart haben gerade mit starken Gegenwinden zu kämpfen. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Das Wetter der Smart-EQ-Fahrvorstellung in Valencia passte zur Gesamtstimmung: Für die spanische Mittelmeerküste geradezu apokalyptische Verhältnisse mit monsunartigem Regen, heftigen Windböen und bis zu sechs Meter hohen Wellen – das spiegelte irgendwo auch das derzeitige Tief in Sachen Stimmung im Daimler-Konzern wieder. Wobei Smart hier gar nicht viel dafür kann – außer, dass die Marke nie die im Automotive-Bereich eigentlich nötigen 500.000 Autos in der Produktion erreichte, die mittlerweile nötig sind, um eben eine Marke zu halten.

Entsprechend sparsam wurde der "neue" Smart modifiziert: Das Team um Projektleiter Veit Sander kämpfte hinter den Kulissen wirklich wie Löwen, einen Akku mit mehr Kapazität brachte er aus Kostengründen nicht durch – wenigstens optional ... und damit bleibt bei der Elektrifizierung der Marke ein Makel, dass das Auto mit reell gerade einmal gut 100 Kilometer Reichweite für viele potenzielle Kunden eben einfach schon deshalb durchs Raster fällt. Fragt man dann nach, wie die Entwicklung bei Geely weitergeht, schweigt das Team. Man habe ein Lastenheft samt der Definition und den Kernwerten der Marke nach China gesandt und seitdem nicht mehr viel gehört.

Der lange Schatten des Abgasskandals

Auch zur weiteren Kooperation mit Renault hört man nur, dass es hier „blackbox“-Bereiche gebe wegen Absprachen und Co. Womit wir beim eigentlichen Problem Daimlers wären, dem Dieselskandal. Und der wird immer teurer: Für die Rückrufe und Verfahren in aller Welt müssen die  Stuttgarter voraussichtlich noch einmal 1,1 bis 1,5 Milliarden Euro zusätzlich einstellen respektive abschreiben. Schon im Sommer 2019 sprach über "laufende behördliche und gerichtliche Verfahren und Maßnahmen betreffend Mercedes-Benz Dieselfahrzeuge in verschiedenen Regionen und Märkten". Dafür legte man schon mal 1,6 Milliarden Euro auf die Seite und korrigierte die Gewinnerwartungen nach unten.

Zu allem Überdruss legten unabhängige Messungen jetzt den Verdacht nahe, dass die Software-Updates, über die das Kraftfahrtbundesamt schon jubelte ("deutliche Verbesserung des Emissionsverhaltens"), überhaupt nichts bringen. Teils hätten die Euro-5-Diesel-Fahrzeuge laut Emissions Analytics sogar mehr Stickoxid emittiert als vor dem Update. Auch der Abgasspezialist Pley konstatiert maximal eine Verbesserung um sieben Prozent bei den Stickoxiden, die Deutsche Umwelthilfe DUH geht über alle Marken von maximal 12,5 Prozent NOx-Minderemission aus. Trübe Aussichten für den Stern.

Anlaufkosten für die Elektrifizierung schlagen durch

Und jetzt hat es den Anschein, dass die ohnehin trübe Bilanz für 2019, die Vorstandschef Ola Källenius am 11. Februar 2020 präsentiert noch trüber als erwartet ausfallen könnte. Zwar zog das Pkw-Business wieder an, doch dafür sind die Vans jetzt tiefrot und das Lkw-Geschäft schwächelt – im Nutzfahrzeugbusiness zyklisch bedingt nichts Ungewöhnliches. Außerdem kosten die Umstellung auf Elektromobilität und die Weiterentwicklung der Zukunftstechnologien wie dem automatisierten Fahren viel Geld. Auch der Zusammenschluss mit BMW bei den „Now“-Services brachte bisher nicht den erhofften Befreiungsschlag – stattdessen stehen auch sämtliche Projekte auf dem Prüfstand.

Heil in China: BAIC will auf fast zehn Prozent erhöhen

Källenius, steuert deshalb seit November mit einem Sparprogramm gegen, das bis Ende 2022 nur beim Personal rund 1,4 Milliarden Euro holen soll. Außerdem will Källenius die Investitionen deckeln und sortiert Prioritäten neu – was auch Smart zu spüren bekam: Die Marke wurde zu 50 Prozent an Geely abgegeben, in der Praxis dürften die Chinesen aber die Smart-Zukunft fast allein verantworten. Apropos China: Auch der lokale Partner BAIC hat Interesse an einem weiteren Aufstocken der Anteile bekundet. Dem Vernehmen nach traf sich Daimler-Chef Källenius am Mittwoch in Peking mit BAIC-Chef Xu Heyi, um über eine etwaige Vertiefung der Beziehung zu sprechen. Von 9,9 Prozent ist ist die Rede, womit BAIC noch vor Geely der größte Partner wäre. Im Gegenzug könnte Daimler den Anteil am Joint Venture auf über 50 Prozent erhöhen. 

Rendite: Sogar Opel hat mehr verdient

Wobei das Alles jammern auf hohem Niveau ist: Nach den vorläufigen Zahlen hat Daimler 2019 einen operativen Gewinn von 5,6 Milliarden Euro erzielt, halb so viel wie im Jahr davor, wo schon Dieter Zetsche mit einem schlechteren Ergebnis als 2017 leben musste. Von Zetsches einst ausgegebenen langfristigen Renditezielen hat man sich ohnehin verabschiedet. Noch Anfang 2019 wollte Dieter Zetsche bis Jahr 2021 im Kerngeschäft wieder den Korridor von acht bis zehn Prozent Rendite erreichen. Källenius rechnet nur noch mit gut sechs Prozent im Jahr 2022, aktuell tendiert man eher Richtung vier Prozent. Bitter ist das Urteil des Auto-Analysten Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler: "Sogar Opel schlägt Mercedes - ein Unding", erklärte er. (gs/jr)

Was bedeutet das?

Daimler hat aktuell eine „Konjunkturdelle“, die manche Projekte und Marken wie Smart schwer treffen. Weshalb Smart wohl eine Zukunft unter Geely bevorstehen wird, was nicht der schlechteste Deal sein könnte. Die Chinesen haben auch Volvo und die London Taxis saniert – mit kleinen Stückzahlen kennen sie sich aus.

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