Corona-Krise: e.GO Mobile beantragt Schutzschirm

Liquiditätsengpass: Der Aachener Elektroautohersteller hat Antrag auf ein Schutzschirmverfahren gestellt, bleibt dennoch optimistisch und will 2021/22 stark wachsen.

Gründer und CEO Günther Schuh gibt sich kämpferisch. | Foto: e.GO Mobile
Gründer und CEO Günther Schuh gibt sich kämpferisch. | Foto: e.GO Mobile
Gregor Soller

Die Corona-Krise trifft auch e.GO Mobile hart: Ursprünglich verhandelte man mit einem chinesischen Investor, um möglichst schnell eine Internationalisierung und Stückzahlenerhöhung des e.GO Live zu erreichen. Aufgrund der Corona-Krise ist all das schwierig geworden. Stattdessen braucht e.GO das Schutzschirmverfahren. Dem Antrag habe das Amtsgericht Aachen bereits stattgegeben und Biner Bähr von White & Case zum vorläufigen Sachwalter bestellt, wie e.GO mitteilt. Zudem soll Paul Fink aus der auf Restrukturierung und Insolvenzrecht spezialisierten Kanzlei FRH den Vorstand als Generalbevollmächtigter ergänzen. Beim jetzt verstärkt genutzten „Schutzschirmverfahren“ handelt es sich um eine Sonderform der Insolvenz in Eigenverwaltung: Das Ziel ist die Vorlage eines Insolvenzplans. Während des Verfahrens behält das Unternehmen als Schuldner die Verfügungsgewalt und kann weiterhin selbst handeln. Es liegen Insolvenzgründe vor, das Unternehmen ist aber noch nicht zahlungsunfähig.

Weiterhin große Pläne für starkes Wachstum

Unternehmensgründer und CEO Günther Schuh bleibt trotzdem optimistisch: Denn er hat mit e.GO Mobile trotz des nun beantragten ESUG-Verfahrens weiterhin große Pläne und will 2021 sowie 2022 stark wachsen. e.GO Mobile erwartet nach eigenen Angaben „bereits 2021 einen positiven operativen Cash-Flow und rechnet zusätzlich ab dem zweiten Halbjahr 2020 mit ersten Erträgen aus einem CO2-Zertifikate Pool.“ Daher wolle man auch alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an Bord behalten und hofft, dass die Kunden und Lieferanten auch während dieser Eigenverwaltungsphase die Treue halten, wie Schuh erklärt:

„Unsere überwiegend strategischen Investoren haben uns bis hierhin stark unterstützt und uns ermöglicht, als einziges Start-Up in Europa einen E-Pkw in Serie auf die Straße zu bringen. Jetzt haben sie verständlicherweise andere Prioritäten.“

Steiniger Weg in den Markt: Umweltprämie als Nachteil

Schon bis heute hatte Schuh einen harten Weg hinter sich: 2017 durften überraschend keine Opel-Teile mehr im e.GO Life verwendet werden, weil Opel an PSA verkauft wurde. 2018 haben einige Zulieferer nach Dieselgate neue Governance Codices erlassen und einseitig bestehende Lieferverträge aufgekündigt. Die notwendigen Korrekturen kosteten e.GO Mobile viel Geld und Zeit.

Ende 2019 kündigte die Bundesregierung dann die Verlängerung und Erhöhung der Umweltprämie für E-Fahrzeuge an, ohne allerdings den Herstelleranteil an der Prämie für reine E-Fahrzeughersteller zu erlassen. Damit kassierte sie vorerst einen wesentlichen Wettbewerbsvorteil von e.GO Mobile im deutschen Markt, was auch die weiteren Finanzierungsrunden der e.GO Mobile daraufhin deutlich erschwert haben soll. Die Corona-Pandemie führt nun auch noch zur Unterbrechung des Verkaufs und der Supply Chains in der Autoindustrie sowie zum Wegbrechen des Kapitalmarktes.

Schleppend: Nur 526 statt 3.300 Fahrzeuge produziert

Den hätte auch e.GO in der jetztigen Phase noch dringend gebraucht, ebenso wie einen Investor, der den Markthochlauf beschleunigt hätte. Interessant ist auch, was die Plattform „electrive net“  hierzu vermeldet: In einem Ende Januar veröffentlichten Interview hatte Schuh der Plattform bestätigt, dass das Unternehmen bis dahin 310 Millionen Euro von Investoren eingesammelt habe.

Den Finanzbedarf, um „auf eigenen Füßen“ stehen zu können, gab Schuh laut der Plattform damals mit 105 Millionen Euro an. 50 Millionen Euro sollten als Eigenkapital von dem chinesischen Partner kommen, sagte der e.GO-CEO der Plattform damals. Die Verträge waren unterschrieben und das Geld hätte fließen sollen. Außerdem lief die Produktion 2019 nicht wie geplant hoch: Laut Online-Dienst wurden 2019 statt der angekündigten 3.300 lediglich 526 Fahrzeuge produziert und das Unternehmen schrieb einen Verlust von rund 50 Millionen Euro – bei 20 Millionen Euro Umsatz. Womit Schuh die Zahlen ohnehin noch einigermaßen im Zaum halten konnte.

„Wir haben 80 Prozent des in Deutschland eigentlich Unmöglichen schon geschafft. Und wir sind kreativ und zäh: Wir sind deutsche Ingenieure! Wir werden auch diese Krise überstehen. Wir sind ein attraktives Unternehmen, das wesentliche Lösungen für nachhaltige Mobilität von morgen bereits fertig entwickelt hat", gibt sich Unternehmensgründer und CEO Günther Schuh weiter kämpferisch.

Was bedeutet das?

Wie komplex das Hochziehen einer Automobilfertigung sein kann, muss Professor Schuh gerade „live“ erfahren: Denn auch wenn ein Auto produktionstechnisch maximal simpel im 5G-Netz produziert wird, braucht es schnell viele Kunden und eine ordentliche Marge. Schuhs Ansatz, Elektromobilität für alle erschwinglich zu machen, bleibt ehrenhaft, zumal er bisher mit vergleichsweise „kleinen“ Zahlen im zweistelligen Millionenbereich operiert. Doch der Corona-Krise kann sich ein derart ambitioniertes Unternehmen mit hohen Vorleistungen in der "Take-off"-Phase nicht entziehen.

 

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