Meinungsbeitrag

Corona & Digitalisierung: Schluss mit Pendel- und Dienstreise-Wahnsinn!

Zoom statt Flug, Homeoffice statt Hetze: Die Pandemie hat gezeigt, was Digitalisierung vermag: In vielen Berufen braucht es kein tägliches Pendeln ins Büro. Das könnte Mobilität grundstürzend ändern und massiv zum Klimaschutz beitragen. Sollte es auch: Der beste Verkehr ist der, der gar nicht entsteht.

Stay home, nicht immer, aber immer öfter: Die Pandemie zum Anlass nehmen, eingeschliffene (schlechte) Gewohnheiten zu hinterfragen - und zu ändern, dafür plädiert der stellvertretende VM-Chefredakteur Johannes Reichel. | Foto: G. Soller
Stay home, nicht immer, aber immer öfter: Die Pandemie zum Anlass nehmen, eingeschliffene (schlechte) Gewohnheiten zu hinterfragen - und zu ändern, dafür plädiert der stellvertretende VM-Chefredakteur Johannes Reichel. | Foto: G. Soller
Johannes Reichel

War ja nicht alles schlecht mit Corona, trotz aller katastrophalen wirtschaftlichen Folgen und dem unfassbaren menschlichem Leid, das das Virus anrichtete und noch immer auf diesem, unserem Globus anrichtet. In jeder Krise liegt tatsächlich auch eine Chance: Etwa die Digitalisierung der Arbeitswelt voranzutreiben - und die in Sonntagsreden der Politik so oft beschworenen Potenziale jetzt auch konsequen für den Klimaschutz zu nutzen.

Zur rechten Zeit hat jetzt eine Umfrage des VCD und des Borderstep Instituts auf die gewaltigen Potenziale hingewiesen, die hier schlummern Und sofort zu heben wären, das ist der entscheidende Punkt dabei. Schließlich entsteht ein großer Teil unserer Mobilität durch dienstliche Wege. Da braucht es keine langangelegten und großspurigen "Nationalen XXXX-Verkehrspläne" und die Vertröstung auf 2030 ("dann aber wirklich ernst").

Um ein Drittel könnte das Dienstreiselevel dauerhaft niedriger bleiben, drei Millionen Tonnen Treibhausgase können jährlich eingespart werden, 700.000 (Dienst)Wagen wären obsolet. 

Es gilt nun, unbedingt dranzubleiben und die auf Zoom, Teams, Webex & Co eingeübten Officepraktiken zu institutionalisieren, politisch zu flankieren und gezielt zu fördern durch Ausbau der digitalen Infrastruktur, bevor frisch geimpft (zumindest hier auf der europäischen Insel der Glückseligen) alle wieder zurück in den alten Bürotrott verfallen, inklusive Pendelwahnsinn, Zeitverlust, Lärm und Stress. Ganz ehrlich: Vergnügungssteuerpflichtig war das doch noch nie, weder im eigenen Auto noch in den Öffis.

Und wer sich quasi erst durch dienstliche Eintages-Fliegerei als geadelter "Frequent Traveller" in seiner eigenen Wichtigkeit bestätigt sehen musste, ja, der hat wohl den "Knall nicht gehört" - und der heißt: Alles auf Klimaschutz! Quality Traveller, das muss der neue "Status" werden.

So hätte die gewaltige Disruption einer Pandemie wenigstens diesen Sinn, wie ihn die Soziologie intensiv erforscht hat: Die eingeübten Gewohnheiten auf ihre Sinnhaftigkeit zu überprüfen - und dann das Verhalten möglicherweise neu zu justieren und zum Besseren zu verändern. Schließlich hat sich gezeigt, dass vieles eben doch per Videotool aus dem Homeoffice lösbar ist, wenn auch nicht alles, etwa in der Fertigung, der Logistik oder im Handel.

Man hat erstklassige Websessions und Präsentationen erlebt, komplette Konferenzen wurden in Windeseile ins Web verlegt, gerade kleinere Start-up Anbieter entdeckten die Möglichkeiten, ohne großen Aufwand für Aufmerksamkeit zu sorgen. Die inhaltliche Intensität lag nicht unbedingt niedriger, endlich wurden alle Fragen aus dem "Off" auch beantwortet.

Eigentlich hat man sich - nachdem der erste Schock der Entwöhnung vom ewigen Gereise verdaut war - sogar häufiger getroffen als früher, einfach, weil weniger Zeit im Flug oder Zug oder auf Reisen verplempert wurde, der Dienstweg im Web so herrlich kurz ist. Die Effizienz lag in der Tendenz der eigenen Empirie und ohne Anspruch auf Absolutheit eher höher. Das zu ermitteln, wäre ein weiteres "Desiderat der Pandemie-Forschung". Jedenfalls verlor man keine Zeit beim Pendeln, sondern gewann Zeit für Familie, Freunde und Hobbies, auch das natürlich ein ganz subjektiver Eindruck.

Aber keine Frage, für die leisen Zwischentöne, den informellen Plausch und das vertrauensvolle Geschäft, für den "Look & Feel", da werden Messen als Plattformen auch in Zukunft unerlässlich sein. Und ein persönliches Gespräch vermeidet manches Missverständnis, das auf dem Schirm entstanden wäre, weil man mal wieder nicht "unmuted" war oder das Bild zur Fratze gefror.

Und nichts spricht gegen ein oder zwei Tage die Woche persönlichen Austausch im Büro, das man dann am besten bevorzugt mit der Bahn oder dem Bike anfährt. Oder sich sogar mal bei "Schietwetter" die komfortable Fahrt im (Sharing-Elektro)Auto leisten könnte, wie die Studienmacher ebenfalls vorrechnen.

"Heute hier, morgen dort" ist zwar ein toller Wader-Song, aber auch das Motto von Gestern. Zoom statt Flug, das ist die Devise und die Lehre aus der Pandemie. Denn der klimafreundlichste Verkehr ist immer noch der, der gar nicht erst entsteht.

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