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COP28 Dubai: Der Anfang vom Ende des Fossilzeitalters - vielleicht

Die Schlussblockade der Öl-Staaten löst sich doch noch auf: Der Abschied von den Fossilen ist erstmals fixiert. Statt eines verbindlichen "Ausstiegs" gibt's zwar nur einen "Übergang": Zu wenig für das 1,5 Grad-Ziel. Und doch ist es der Anfang vom Ende, der großteils positive Resonanz bei Politik und Klimaforschern findet.

Applaudiert sich selbst: Der Öl-Manager und Präsident der Klimakonferenz in Dubai, Sultan Al Jaber aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. | Foto: COP28
Applaudiert sich selbst: Der Öl-Manager und Präsident der Klimakonferenz in Dubai, Sultan Al Jaber aus den Vereinigten Arabischen Emiraten. | Foto: COP28
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Johannes Reichel

Mit 24-stündiger Verspätung haben sich die Staaten auf der Klimakonferenz COP28 in Dubai doch noch auf eine Abschlusserklärung einigen können. Diese bleibt allerdings hinter den Erwartungen und auch dem aus wissenschaftlicher Sicht Erforderlichen zurück. Zwar wurde erstmals überhaupt von der Weltgemeinschaft anerkannt, dass die Verbrennung fossiler Energieträger Öl, Gas und Kohle perspektivisch enden müsse. Und der Leiter des UNO-Klimasekretariats Simon Stiell kommentierte auch, das  sei "der Anfang vom Ende der fossilen Energien". Als entscheidend wird auch betrachtet, dass das 1,5-Grad-Ziel nicht aufgegeben und vielfach im Dokument erwähnt wird, sondern vom COP28-Präsidenten Ahmed Al Jaber sogar als "Polarstern" bezeichnet wurde, dem zu folgen nun alle Anstrengungen unternommen werden sollten. Der Chef des Adnoc-Ölkonzerns bezeichnet die Einigung selbst lobend, aber nicht ganz unrichtig als einen "Paradigmenwechsel zur Neuaufstellung der Ökonomien".

Signal, dass es kein "Weiter-so" geben kann

Doch auch der renommierte Klimaforscher Otmar Edenhofer vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung (PIK) spricht in Anbetracht der internationalen Gemengelage aus verschiedensten Interessen und geopolitischen Spannungen im SZ-Interview gar von einer "hochgradigen Überraschung", auch wenn das Abschlussdokument nicht so gut sei  wie erhofft. Er sieht alleine in der Nennung der fossilen Brennstoffe Öl, Gas und Kohle einen Forschritt und im Begriff "Abkehr" ein Signal, dass es kein "Weiter-so" geben könne. Der Chef der Klimaschutz-NGO Germanwatch Christoph Bals, seit langen Jahren Teilnehmer an den Klimakonferenzen, kommt ebenfalls zu einem relativ positiven Urteil, weil die Regierungen erstmals seit Beginn der industriellen Revolution eine Wenge weg von Kohle, Öl und Gas beschlossen hätten. "Historisch wird die Entscheidung aber erst, wenn sie auch umgesetzt wird", meinte Bals. Naturgemäß zu einem sehr positiven Urteil kommt auch Bundeswirtschafts- und Klimaschutzminister Rober Habeck (Grüne), der meint:

„Der Weg in eine klimagerechte Zukunft ist endlich geebnet. Die Staatengemeinschaft bekennt sich auf der COP28 erstmals zur Abkehr von allen fossilen Energien und zu einem massiven Ausbau von Wind- und Solarenergie, insbesondere bis 2030. Das ist ein klares Signal an Unternehmen, Märkte und Investoren: Die Energie der Zukunft ist erneuerbar und wird effizient genutzt. Trotz dieses richtungsweisenden Ergebnisses bleibt viel zu tun, damit wir das fossile Zeitalter wirklich vollständig verlassen können".

Doch statt eines verbindlichen "Ausstiegs" ("phase out") ist nun nur von einem "Übergang weg" von fossilen Energieträgern in den Energiesystemen auf eine gerechte, geordnete und faire Weise" die Rede. Der Text lässt also zahlreiche Schlupflöcher. Das Wort "Ausstieg" hatten Ölstaaten wie Saudi-Arabien blockiert. Für den sogenannten "Übergang" sollen emissionsfreie und emissionsarme Technologien "beschleunigt" entwickelt werden.

Atomkraft und CCS als Mittel der Wahl?

Dazu zählt man neben den erneuerbaren Energien allerdings auch die Atomkraft sowie die umstrittene und bisher kaum im industriellen Maßstab entwickelte Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS), die kurzfristig keine Rolle spielen dürfte. Bizarrerweise könnte durch eine Formulierung "unabated" die Nutzung der Kohle weiter legitim sein, sofern die Emissionen daraus mittels CCS gespeichert werden. Die EU brachte noch die Einschränkung unter, in Bereichen, wo Emissionen besonders schwer zu reduzieren seien. Dafür sollen auch Erdgas sowie blauer Wasserstoff (aus Erdgas und mit CCS) als Brückentechnologien erlaubt sein.

Erneuerbare bis 2030 verdreifachen, Energieeffizient verdoppeln

Immerhin nimmt man sich vor, die Kapazität der Erneuerbaren bis 2030 zu verdreifachen und auch bei der Energieeffizienz an Tempo zuzulegen. In der G20-Gruppe ist das bereits vereinbart gewesen. Ziel ist es, bis 2030 43 Prozent der globalen Emissionen an Treibhausgasen einzusparen, was auch auf das 1,5-Grad-Ziel referenziert. Damit will man auch die Dringlichkeit des Abschieds von fossilen Energieträgern verdeutlichen. Bereits zu Beginn der hoffnungsvoll gestarteten und dann doch fast gescheiterten Konferenz vereinbart war der sogenannte Fond für Schäden und Verluste. Mit diesem wollen die Industrieländer, die die Klimakrise durch ihre Emissionen verursacht haben, den ärmeren Staaten ihre Schäden zumindest ansatzweise kompensieren. Bisher haben die reichen Staaten hier 700 Millionen Dollar zugesagt.

Für das 1,5-Grad-Ziel bei weitem zu wenig

Ernüchternd sind die unmittelbar vorliegenden Berechnungen der Internationalen Energieagentur (IEA) zu den Dubai-Beschlüssen: Demnach würde, wenn alle zugesagten Länderpläne zum Klimaschutz umgesetzt würden, lediglich 30 Prozent der Lücke zum 1,5-Grad-Ziel geschlossen. Das wäre inklusive der Zusagen von 50 Öl- und Gasunternehmen, die Methanemissionen bis 2030 zu senken und einer Verdreifachung von Wind- und Solarenergie sowie Verdoppelung der Energieeffizienz.

Immerhin sieht man in der Abschlusserklärung ein Signal an Investoren, von nun an nicht mehr fossile Projekte zu finanzieren, wobei im Moment noch immer der mit Abstand größte Teil der Gelder in die Erschließung von Öl-, Kohle- und Gasprojekten fließt. Allgemein wird es immer unwahrscheinlicher, dass mit den beschlossenen Maßnahmen das ehrgeizigere Pariser Klimaziel von 1,5 Grad Erwärmung gegenüber vorindustrieller Zeit eingehalten werden kann. Entsprechend lautete auch der Kommentar der Umweltministerin des von Überflutung bedrohten Inselstaats Samoa:

"Wir haben eine kleine Verbesserung gegenüber dem Weiter-so erreicht, aber was wir brauchen, ist exponentieller Wandel in unserem Handeln. Wir kommen zum Schluss, dass die notwendige Kurskorrektur nicht gesichert wurde", erklärte die Ministerin.

Der deutsche Wirtschafts- und Klimaschutzminister hat da freilich eine positivere Perspektive und hielt in einem Statement als Meilensteine fest:

  • Erstmals gibt es eine feste Allianz aus über 130 Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern, die sich ambitionierte Ziele für eine globale Energiewende gesetzt hat: die „Global Goals“. Gemeinsam sollen die globalen erneuerbaren Stromkapazitäten bis 2030 verdreifacht und die jährliche Energieeffizienzsteigerung verdoppelt werden. Dies entspricht der notwendigen massiven Beschleunigung der Energiewende weltweit für das 1,5-Grad-Ziel und ebnet den Ausstieg aus fossilen Energien.
  • Die Gründung des Klimaklubs auf der COP28 schafft erstmals ein politisches Forum für die weltweite Dekarbonisierung. Der Klimaklub hat mittlerweile 37 Länder und soll dafür sorgen, Leitmärkte für klimaneutrale Industrieprodukte zu schaffen und eine klimaneutrale Perspektive für die energieintensiven Branchen wie Stahl, Baustoff und Chemieindustrie zu eröffnen. Den Vorsitz haben Deutschland und Chile.
  • Die Anzahl der Länder, die sich zum Kohleausstieg bis in die 2030er Jahre verpflichtet ist auf der COP28 weiter angestiegen. Diese Kohleausstiegsallianz hat mittlerweile 167 Mitglieder. Dazu zählen sowohl Länder als auch Regionen, Unternehmen und Organisationen. Beigetreten sind nun auch die USA, Kolumbien, die Vereinigten Arabischen Emiraten und Marokko sowie sechs weiteren Staaten. Sie alle bekennen sich damit erstmals zu einem nationalen Kohleausstieg.
  • Deutschland, Japan und Namibia haben eine globale Initiative zur gegenseitigen Anerkennung von Zertifizierungssystemen für Wasserstoff auf der Weltklimakonferenz gestartet. Damit wird der grenzüberschreitende Handel mit erneuerbarem und kohlenstoffarmem Wasserstoff sowie seinen Derivaten zukünftig ermöglicht. Die Erklärung wurde bisher von 36 Nationen unterzeichnet.  

Aus Sicht von Klimaforscher Otmar Edenhofer steht fest, dass das 1,5-Grad-Ziel zwar gerissen wird, weil das Budget dafür in den nächsten fünf bis sechs Jahren gerissen werde. Allerdings gelte es nun, diesen Überschuss zu begrenzen und dann "die Temperaturkurve zurückzubiegen". Das funktioniere nur, wenn man ab 2050 Netto-Null-Emissionen habe. Sprich, CO2 aus der Atmosphäre zurückhole, wofür Technologien nötig seien.

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