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CO2-Ziele: Vor uns liegt eine Herkulesaufgabe!

Im Interview äußert sich Axel Schmidt, Senior Managing Director & Global Automotive Lead, Accenture, zum weltweiten Wandel der Mobilitätsbranche und den strengen CO2-Zielen, die es zu erreichen gilt.  

Axel Schmidt, Senior Managing Director & Global Automotive Lead, Accenture, äußert sich nach der Automesse in Shanghai zum weltweiten Umbruch in der Mobilitätsbranche. | Foto: Accenture
Axel Schmidt, Senior Managing Director & Global Automotive Lead, Accenture, äußert sich nach der Automesse in Shanghai zum weltweiten Umbruch in der Mobilitätsbranche. | Foto: Accenture
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Gregor Soller

Glauben Sie, dass chinesische Unternehmen einst die Autohersteller in Europa und den USA verdrängen können?

Axel Schmidt: Das ist natürlich eine harte schwarz-weiß-Frage, doch es gibt durchaus Tendenzen zu beobachten. China hat den größten Einzelmarkt der Welt und plant, auch im Export aktiv zu werden. In den USA sehen wir dagegen einen Trend zur Renationalisierung: Keine der Marken hat den großen internationalen Durchbruch geschafft, dazu kommen sehr spezielle Produkte wie die großen Pickups, die nur im US-Markt in hohen Stückzahlen verkauft werden. Außerdem ging das Thema Elektromobilität außer Tesla dort niemand konsequent an – entsprechend schwer tun sich die US-Hersteller aktuell. Ganz anders China. Als man dort realisierte, es selbst mit günstigen Verbrennern nicht in sogenannte „reife“ Märkte“ wie in die USA oder die EU zu schaffen, änderte die Regierung die Pläne und setzte Alles auf die Karte Elektromobilität, wo international Chancengleichheit bestand. Außerdem sicherte man sich viele dafür nötige Rohstoffvorkommen und führte E-Auto-Quoten ein. 2018 wurden jetzt erstmals mehr als eine Million Elektroautos in China zugelassen, was gut 70 Prozent des Weltmarktes entspricht. Ich gehe davon aus, dass auch in Sachen Qualität in fünf bis sechs Jahren westliche Standards erreicht werden. Spannend wird auch sein, wie sich die neuen chinesischen Premium-Marken wie Byton, Nio oder Weltmeister positionieren, die Produkte westlichen Zuschnitts produzieren. Ich kann mir vorstellen, dass sie in den USA gerade in experimentierfreudigen Sunshine-States wie Kalifornien schnell Kunden gewinnen können.   

Wie wichtig ist die Nähe zum Markt, Stichwort lokale Produktion?

Axel Schmidt: Ich befürchte, nicht mehr ganz so wichtig, wie noch vor einigen Jahren. Lassen sie mich das Pferd von hinten aufzäumen: China gab damals für Importe einen steigenden Anteil an local content vor, bis zur 100-prozentigen Fertigung und später auch Entwicklung im eigenen Land. Damals konnte noch keiner ahnen, dass aus der „Werkbank der Welt“ einmal eine „Denkfabrik der Welt“ werden könnte. Umso mehr, wenn man heute das Thema Software zusätzlich betrachtet. Derartige staatliche Eingriffe und Steuermechanismen kennen wir in der EU gar nicht. Trotzdem ist Nähe zum Markt immer hilfreich, schon um Währungsrisiken und Lieferengpässe besser abfedern zu können. Dazu kommt ein kleinerer CO2-Footprint in der Produktion.

CATL eröffnet ja eine große Akku- respektive Zellfertigung in Erfurt…

Axel Schmidt: Die betrachte ich als Sonderthema. Denn wo sollen bei den deutschen Energiekosten und Löhnen die ökonomischen Vorteile für CATL stecken?  Ich erwarte durchaus einen steigenden Anteil neuer Fabriken chinesischer Konzerne in Europa, aber „Jobwunder“ würde ich nicht dahinter schreiben. Erschwerend kommt hinzu, dass die Produkte mit dem E-Antrieb austauschbarer werden. Die Markenreputation muss also über das Design und Interieur kommen und die Interkonnektivität. Dieser Wandel wird durch das autonome Fahren noch weiter verstärkt werden. Entsprechend muss hier Know-How aufgebaut werden. Im konventionellen Powertrain gibt es dagegen kein Wachstum mehr, weshalb viele Konzerne schon jetzt beginnen, Personal umzuschichten oder abzubauen.

 

Das klingt nicht gerade nach rosigen Aussichten. Wie wichtig sind in dem Zusammenhang neue Mobilitätsservices? In China kommen derzeit auch viele Ride-Hailing-Dienste auf den Markt.

Axel Schmidt: Der Bedarf nach günstiger und simpler bis hin zur luxuriösen Fortbewegung wird bleiben, weshalb ja beispielsweise Uber verschiedene Klassen anbietet. Eine Art der neuen Fortbewegung werden sicher auch Pods sein, wie sie Bosch oder ZF zur CES zeigten. Quadratisch, praktisch und gut können auch sie den Verkehr verringern. Anfangs werden diese aber als add-on starten und eher mehr Verkehr generieren. Es braucht hier eine längere Anlaufkurve neben dem aktuellen Fahrzeugbestand. Auch hier hängt viel von staatlichen Eingriffen wie einer Citymaut ab. Wie stark diese wirken kann, zeigen Städte wie London oder Kopenhagen. Auch China wird dem anschwellenden Verkehr nur schwer Herr. Will man wirklich zügig ökologische Vorteile erzielen, geht das nur über Reglementierungen. Außerdem muss man den konventionellen Verkehr merklich verteuern und gleichzeitig Alternativen schaffen wie beispielsweise das Radwegenetz in Kopenhagen. Denn Infrastruktur kann man in Ballungsräumen nicht mehr einfach erweitern oder nachbauen. Außerdem sollte man bei der Verkehrsplanung nie den Drang nach individueller Freiheit unterschätzen!

Ab wann werden solche Umwälzungen greifen und wie sieht es mit internationalen Standards aus? Noch hat China eigene Ladestandards, dazu kommen unterschiedliche Standards für Internet und Smartphone? Kann es hier zu einer Vereinheitlichung kommen?

Axel Schmidt: Mit zeitlichen Prognosen bin ich vorsichtig. Fakt ist: Noch zeigen die CO2-Bilanzen im Verkehr weiter nach oben. Aber es wird im nächsten Jahrzehnt zu einer Art „Domestizierung des Verkehrs“ kommen müssen, zumal die Jugend diese Themen auch neu bewertet. Anders lassen sich die CO2-Ziele nicht erreichen. Diese zu erreichen, das ist eine Herkulesaufgabe!

Vielen Dank für das Interview.

Zur Person:

Axel Schmidt verantwortet als Senior Managing Director und Global Automotive Lead die weltweite Beratung innerhalb der Automobilsparte von Accenture. Vor seinem Einstieg bei Accenture, im September 2012, war Axel Schmidt über 20 Jahre bei Roland Berger Strategy Consultants - davon 15 Jahre als Partner / Senior Partner und über 10 Jahre als Global Head Competence Center Operations Strategy und Leiter des Stuttgarter Büros. Er hat umfangreiche Erfahrung in den Bereichen der Strategie- und Unternehmensentwicklung, Organisation, Restrukturierung, Transformation und PMI in verschiedenen Branchen. In seiner aktuellen Rolle bei Accenture zeichnet er verantwortlich als Leiter des Stuttgart Büros und verantwortet das Automobilgeschäft für die Regionen Deutschland, Österreich, Schweiz und Russland, Europa und weltweit.

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