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CLOVE-Analyse: Lasche Euro-7-Norm treibt Gesundheits- und Umweltkosten auf 100 Mrd. Euro

Nach Berechnung des Consortium for Ultra Low Vehicle Emissions könnten die ambitionslosen, jüngst im EU-Parlament beschlossenen Euro-7-Regularien die Gesundheits- und Umweltkosten auf 100 Milliarden Euro treiben. Dabei gäbe es technische Lösungen, die kaum 90 bis 150 Euro pro Fahrzeug kosten würden.

Autos, wollt Ihr ewig dieseln? Die EU ist drauf und dran, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen - und die Abgasnormen lascher zu beschließen als es der Stand der Technik erlauben würde. | Foto: AdobeStock
Autos, wollt Ihr ewig dieseln? Die EU ist drauf und dran, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen - und die Abgasnormen lascher zu beschließen als es der Stand der Technik erlauben würde. | Foto: AdobeStock
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Johannes Reichel

Nach Berechnungen des Consortium für Ultra Low Vehicle Emissions (CLOVE) könnte die jüngst vom EU-Parlament beschlossene Euro-7-Norm, die kaum eine Verschärfung zu Euro 6 darstellt, bis zu 100 Milliarden Euro an Kosten für Gesundheit und Umwelt verursachen, im Zeitraum von 2025 bis 2050. Darüber berichtet der Spiegel. Verglichen wird der Beschluss der EU-Staaten mit dem allerdings verworfenen Szenario "hoher grüner Ambition", bei dem Pkw-Neuwagen ab 2025 lediglich 20 statt 60 Milligramm Stickoxide pro Kilometer emittieren hätten dürfen. Die neue Euro-7-Norm würde die Grenzwerte von Euro 6 übernehmen, lediglich ohne Unterscheidung zwischen Benzin- und Diesel-Pkw. Otto-Motoren dürfen derzeit mehr Kohlenmonoxid emittieren, Diesel mehr Stickoxide. Weiter gelten sollen auch die relative milden Testzyklen, die nur bedingt die Realität abbilden. Und die Hersteller sollen noch mehrere Jahre an Zeit erhalten, um die Regeln zu erfüllen.

CLOVE stellt ein von der EU-Kommission beauftragtes Konsortium von Technikexperten, oft auch aus der Autoindustrie dar, in dem etwa die TU Graz, die niederländische Forschungsgesellschaft TNO sowie Antriebsentwicklungsspezialisten wie Ricardo aus UK sowie die FEV aus Aachen vertreten sind.  Ihr Auftrag war es, eine einfach zu realisierende Lösung für die Abgasreinigung zu finden oder zu entwickeln. Sie konstatieren, dass eine ambitioniertere Euro-7-Norm die Hersteller keineswegs überfordert hätte. So bezweifelt der CLOVE-Chef Zissis Samaras vom Labor für angewandte Thermodynamik der Aristoteles-Universität in Thessaloniki die Behauptungen der Industrie, dass mit einer anspruchsvollen Euro-7-Norm 2.000 Euro an Kosten pro Fahrzeug aufgelaufen wären.

ACEA behauptet hohe Kosten und aufwändige Technik

Laut dem europäischen Autolobby-Verband ACEA müssten etwa "neuartige Katalysatoren" und Automatikgetriebe eingebaut werden. Samaras meint, Automatikgetriebe seien ohnehin auf dem Vormarsch, zudem würden Handschalter die Norm ebenso gut oder schlecht einhalten. Die vorhandene Technik reiche großteils aus. Wenn der Spritverbrauch nicht erhöht werde, genügen also größere Katalysatoren und Filter. In Summe kommt CLOVE auf gerade einmal 90 bis 150 Euro Aufpreis pro Fahrzeug, und das nach dem bereits entschärften Euro-7-Vorschlag, den die Mitgliedsstaaten noch immer zu anspruchsvoll fanden. Die Spezialisten halten den Ersparnissen der Industrie nun die Kosten für die Allgemeinheit entgegen. In die Entwicklung und Forschung waren 80 Millionen Euro an EU-Geldern geflossen, viele Projekte unter Beteiligung der Autohersteller.

Diese argumentieren allen voran ACEA-Präsident und Renault-Chef Luca de Meo, man wolle nicht "viel Geld in Dinge stecken, die keine Zukunft haben". Die Industrie solle alle Kraft in die Elektrifizierung stecken. Renault hatte im November 2022 eine global angelegte Kooperation mit dem chinesischen Konzern Geely angekündigt, der die Weiterentwicklung von Verbrennungskraftmaschinen und Hybriden zum Ziel hat. Zudem forscht man mit Geely und dem saudischen Ölkonzern Aramco an Synfuels und Wasserstoff. Man rechnet also auch weiterhin mit der Verbrennertechnologie.

"Die Euro 7-Position ist ein Lobbypapier. Eine fossile Allianz aus Konservativen, Rechten und Liberalen haben aus der Abgasnorm zu einem Losergesetz gemacht. Laxe Standards waren noch nie ein Vorteil für die europäische Produktion. Wenn Europa es nicht schafft, dann setzt China die Standards und das ist das schlechteste Ergebnis für den Automobilstandort Europa", kritisiert Michael Bloss, klimapolitischer Sprecher der Grünen im EP die Plenarabstimmung des EU-Parlaments zur Euro 7-Position.

Mit dem weichgespülten Gesetz werde der europäischen Autozulieferer-Industrie ein Schlag versetzt, sie müssen fürchten, dass ihre Produktion durch Billigprodukte ersetzt wird. Anstatt die Zeichen der Zeit zu erkennen und auf Hightech zu setzen, wird weiter die Technik von vorgestern gebaut. Europa habe die besten Ingenieur*innen und die klügsten Köpfe. Man müsse Stärke beweisen, indem man besten Standards weltweit setzt. Nur so lasse sich die Zukunft des europäischen Industriestandorts sichern. Dass die EU-Kommission sich von der Lobby über den Tisch ziehen lassen hat, zeigten auch Recherchen des Guardian.

"Die Milliarden-Kosten, die der Gesellschaft durch höhere Luftverschmutzung und Krankheiten entstehen, zahlen am Ende wir alle, mit unserer Gesundheit und höhere Krankenkassenbeiträge", befürchtet Bloss.

Was bedeutet das?

Man fühlt sich ja wirklich ungut an den Kontext des Diesel-Skandals erinnert: Tarnen, tricksen, täuschen war da leider oft die Devise. Und statt jetzt die Ingenieurs-Maxime von der "besten verfügbaren Technologie" (BVT) oder vulgo "Stand der Technik" anders als damals endlich engagiert in die Tat umzusetzen und die Verbrenner so sauber zu machen, wie es nur möglich ist - und das zu absolut vertretbaren Kosten - wird wieder bei der EU antichambriert und verwässert, was das Zeug hält, unter dem Vorwand, man wolle alle Energie in die Elektrifizierung stecken (was im Falle von Renault schon mal nicht ganz stimmt, siehe Verbrennerengagements mit Geely und Aramco). Dabei hat die EU selbst mit CLOVE eine Organisation geschaffen, deren plausible Vorschläge sie jetzt kurzerhand in die Tonne tritt. Den Schaden hat die Umwelt oder besser gesagt die Bevölkerung, denn Gesundheits- und Umweltschäden sind Gesellschaftsschäden, die sich nach den Berechnungen auf 100 Milliarden Euro summieren. Der Verbrenner wird noch bis 2035 gebaut und verkauft. Warum sorgen wir nicht dafür, dass er so sauber und so unschädlich wie möglich gemacht wird?

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