Citroën aus Pappe: Auf Ami folgt oli - elektrisch, praktisch, Mut!

Mit einem radikal reduzierten Konzept will der Hersteller aufzeigen, wie sich die Quadratur des Kreises "BEV mit vier Sitze, 400 Kilometern Reichweite, unter 20.000 Euro" auflösen ließe. Klar ist: Das Gewicht muss drastisch runter, Komfort und Tempo auch. Dafür verwendet man Pappe für die Karosserie. Chancen auf Umsetzung: mau.

Visionäre Urbanauten: Citroën macht sich einmal mehr Gedanken, wie sich die Mobilität radikal reduzieren ließe - diesmal eine "Hausnummer" über dem Ami, mit dem oli. | Foto: Citroën
Visionäre Urbanauten: Citroën macht sich einmal mehr Gedanken, wie sich die Mobilität radikal reduzieren ließe - diesmal eine "Hausnummer" über dem Ami, mit dem oli. | Foto: Citroën
Johannes Reichel

Die französische Stellantis-Tochter Citroën hat mit einem radikalen Konzeptfahrzeug einen Weg skizziert, wie sich der Gewichts- und Leistungspirale bei elektrisch angetriebenen Autos entgegenwirken ließe. Das selbstredend elektrisch angetriebene Modell sollte daneben die Parameter "viersitzig, 400 Kilometer Reichweite und Preis unter 25.000 Euro" vereinen, 15 Prozent mehr Reichweite als beim Citroen e-C4 für ein Drittel weniger Geld. Wobei an eine Umsetzung geschweige denn einen Vertrieb des Fahrzeugs noch nicht im entferntesten zu denken ist. Vielmehr ging es den Machern um einen Impuls und einen Ideenträger, der auf die Problematik hinweist, dass Neuwagen immer schwerer und größer werden und dieser Trend gerade auch von E-Autos beflügelt wird. Bei 1,7 Tonnen und 4,60 Meter Länge liegt aktuell das Maß der Dinge bei Neuwagen. Dafür sind dann auch im Schnitt 159 PS nötig, was wiederum den Preis auf 37.800 Euro treibt, wie Spiegel Online anlässlich der Vorstellung des französischen Konzepts kritisch vermerkt. 

„Der oli ist eine Arbeitsplattform, um geniale Ideen zu erforschen, die für eine zukünftige Produktion realistisch sind. Sie werden nicht alle verwirklicht werden, aber das hohe Maß an Innovation, das hier gezeigt wird, inspiriert zukünftige Fahrzeuge von Citroën", erklärt Laurence Hansen, Direktorin Citroën Produkt und Strategie.

Der oli soll also ein vielseitiges Familienfahrzeug sein, mit klarem Fokus auf Nachhaltigkeit. Ziel: Die beste Ökobilanz, von der Konzeption mit zurückhaltendem, optimalem Einsatz von Leichtbau- und Recycling-Materialien über nachhaltige Produktionsprozesse und eine lange Lebensdauer bis hin zur Wiederverwertbarkeit am Ende des Lebenszyklus. Die Sitze zum Beispiel sind einfach konstruiert und benötigen 80 Prozent weniger Teile als herkömmliche Sitze. Sie bestehen aus recycelten Materialien und das Design der Rückenlehnen aus Netzgewebe sorgt für mehr natürliches Licht im Inneren des Fahrzeugs, schildert der Hersteller.

„Letztendlich ist es eher eine Entscheidung für einen Lebensstil als für ein Fahrzeug. Man kann sich entscheiden, für die neuesten Funktionen und die künstliche Intelligenz zu bezahlen, die man nur 2 Prozent der Zeit beim Fahren nutzt, oder man kann sich fragen, wie man verantwortungsbewusst handeln kann und wie viel davon man wirklich braucht. Der oli ist eine Möglichkeit zu sagen: Es reicht! Ich will zwar etwas Innovatives, aber ich will es unkompliziert, erschwinglich, verantwortungsbewusst und langlebig", wirbt Hansen für das kuriose Konzept.

Die Technik: Back to basics!

Das Konzept soll beweisen, dass Elektrofahrzeuge weiter fahren, vielseitiger sein und weniger kosten können, wenn man die Widrigkeiten der Reichweite und der Effizienz von batterieelektrischen Fahrzeugen angeht.

„Es ist ein Teufelskreis: Um mehr elektrische Reichweite zu erzielen, braucht man eine größere Batterie. Mehr Technologie erfordert mehr Leistung, was wiederum eine größere Batterie bedeutet. All das erhöht das Gewicht, die Komplexität und die Kosten, und je mehr ein Fahrzeug wiegt, desto weniger effizient ist es“, fügt Laurence Hansen hinzu.

Wuchtig in der Optik, aber nicht sperrig

Der oli wirke in seinem SUV-Stil zwar wuchtig, sei aber weder schwer noch bei 4,20 m Länge, 1,65 m Höhe und 1,90 m Breite sperrig, mit einem Fahrzeuggewicht von rund 1.000 kg ist er deutlich leichter als die meisten vergleichbaren Kompakt-SUVs. Daher benötigt der vollelektrische Antriebsstrang auch nur eine 40-kWh-Batterie, um eine Reichweite von bis zu 400 km zu erreichen. Durch die Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 110 km/h zur Maximierung der Effizienz ist ein hervorragender Verbrauch von 10 kWh/100 km realistisch, und die Aufladung von 20 auf 80 Prozent dauert nur 23 Minuten. Es geht aber auch in die andere Richtung: Mit seiner 40-kWh-Batterie und einer Steckdosenleistung von 3,6 kW, entsprechend einer 230-V-16-Ampere-Haushaltssteckdose, könne der oli theoretisch ein 3.000-Watt-Elektrogerät etwa zwölf Stunden lang mit Strom versorgen.

„Wir scheuen uns nicht, Ihnen zu zeigen, wie das Fahrzeug zusammengesetzt ist, so dass Sie zum Beispiel Rahmen, Schrauben und Scharniere sehen können. Die Reinheit erlaubt es uns, anders zu gestalten und alles zu hinterfragen. Das ist wie ein analoger Ansatz für viele Dinge, die heute digital geworden sind“, fügt Chefdesigner Pierre Leclercq hinzu.

Nicht von Pappe: Die rollende Wellpapphütte

Die flache Motorhaube, das Dach und die hintere Ladefläche, die für die einzigartige Silhouette des Fahrzeugs verantwortlich sind, wurden so entwickelt, dass sie ein geringes Gewicht, hohe Festigkeit und maximale Haltbarkeit gewährleisten. Sie bestehen aus recycelter Wellpappe, die zu einer wabenförmigen Struktur zwischen Glasfaser-Verstärkungsplatten geformt wurde, und wurden gemeinsam mit dem Partner BASF entwickelt. Sie sind mit Elastoflex Polyurethanharz beschichtet, das mit einer Schutzschicht aus zähem, strukturiertem Elastocoat überzogen ist (wird häufig für Parkdecks oder Laderampen verwendet), und mit wasserbasiertem BASF R-M Agilis Lack lackiert. Die Platten sind sehr steif, leicht und tragfähig – so tragfähig, dass ein Erwachsener darauf stehen kann. Das Gewicht sei im Vergleich zu einer entsprechenden Stahldachkonstruktion um 50 Prozent reduziert.

Flache Oberflächen sind Trumpf

Die bewusste Entscheidung für flache Oberflächen aufgrund der Ressourcen- und Materialvorgaben ermöglichte es dem Team, mit dem Kontrast von vertikalen und horizontalen Designelementen zu experimentieren, zum Beispiel bei den Glas- und Beleuchtungsdetails. „Der übliche Ansatz wäre, dynamische Linien zu wählen und andere Fahrzeughersteller würden sich nicht trauen, das zu tun, was wir getan haben. Wir aber suchen nach Ehrlichkeit und Effizienz in der Formensprache“, erklärt Pierre Leclercq. Die Windschutzscheibe ist daher vertikal, weil sie den kürzesten Abstand zwischen Ober- und Unterseite hat und die geringste Menge an Glas benötigt. Neben dem geringeren Gewicht und der geringeren Komplexität setzt die kleinere Scheibe die Insassen weniger der Sonneneinstrahlung aus. Es wird geschätzt, dass der Strombedarf der Klimaanlage des oli für die Batterien um bis zu 17 Prozent gesenkt werden kann.

„Man könnte argumentieren, dass eine vertikale Windschutzscheibe weniger aerodynamisch ist, aber wir erwarten nicht, dass die Leute diese Art von Fahrzeug mit 200 km/h fahren. Wir sehen den größten Nutzen in städtischen und vorstädtischen Gebieten, wo die Menschen die Geschwindigkeit reduzieren und sich der Umwelt- und Sicherheitsaspekte der täglichen Mobilität bewusst sind. Aus diesem Grund haben wir die Höchstgeschwindigkeit des oli auf 110 km/h begrenzt“, erklärt Pierre Sabas, Leiter Citroën Advanced Design und Konzeptfahrzeuge.

Anstelle des üblichen Kofferraums oder der Heckklappe bietet der oli eine unerwartete, originelle Umsetzung von nützlichem Produktdesign.

„Wenn man über Praktikabilität und Vielseitigkeit nachdenkt, insbesondere bei einem kompakten Fahrzeug, das verantwortungsbewusst und effizient sein soll, muss man anders denken. Viele Leute finden ihren kleinen SUV nicht praktischer als ein kompaktes Schrägheck. Die ungewöhnliche Ladefläche des oli mit darunter liegendem Kofferraum ist unser Denkanstoß, wie man das Beste aus mehreren Welten vereint“, meint Designchef Pierre Leclercq.

 

Die Heckklappe lässt sich herunterklappen, und bei abgenommener Ladeflächenverkleidung verbleiben bis zu 582 mm Höhe zwischen dem Fahrzeugboden und der Heckscheibe. Ist die Abdeckung angebracht, steht darunter ein 330 mm hoher, nützlicher und sicherer Kofferraum zur Verfügung. Die abnehmbare Ladeflächenverkleidung ist leicht und flach und besteht aus der gleichen recycelten Kartonstruktur wie die Motorhaube und die Dachverkleidung.

Klare Sache: Statt endloser Screens fünf Kippschalter

An den Seiten des Laderaums sind durchdachte Schienen angebracht, an denen Haken oder Zubehörteile befestigt werden können, und an den Seitenwänden befinden sich zusätzliche Staufächer, die einen sicheren Platz unter der Abdeckung bieten. Anstelle eines kompletten Armaturenbretts mit mehreren Bildschirmen und versteckten Computern verfügt der oli über einen einzigen symmetrischen Armaturenträger, der sich über die gesamte Breite des Fahrzeugs erstreckt. Auf einer Seite befindet sich die Lenksäule und das Lenkrad, auf der anderen Seite eine Smartphone-Dockingstation und in der Mitte fünf klar gekennzeichnete Kippschalter für die Klimaanlage. In diesem Bereich werden im oli nur 34 Teile verwendet, während in einem vergleichbaren kompakten Familienauto rund 75 Teile in Armaturenbrett und Mittelkonsole verbaut sind. Zwei direkte Belüftungsöffnungen, jeweils eine vor dem Fahrer und dem Beifahrer, ermöglichen die Verwendung einer kleineren Klimaanlage, um die Effizienz zu steigern und Gewicht zu sparen.

Gegen die Redundanz: "Bring your own device" - jeder hat ein Smartphone

Im oli wird das gesamte Infotainment und die benötigte Kommunikation über das persönliche Smartphone des Kunden („bring your own device“), das in der zentralen Steckdose am Träger angedockt ist, ins Fahrzeug gebracht. Sobald es eingesteckt ist, werden Telefoninformationen und Apps mit wichtigen Fahrzeugdaten wie Geschwindigkeit und Ladezustand zusammengeführt. Diese Informationen werden über ein „Smartband“-System angezeigt, das über die Breite der unteren Windschutzscheibe projiziert wird. „Da ein Smartphone mehr Rechenleistung hat als viele Fahrzeuge, haben wir uns für einen anderen Infotainment-Ansatz entschieden“, fügt Sabas hinzu.

„Wir alle haben unsere Telefone bei uns und nutzen bereits Apps für Navigation und Unterhaltung, also sahen wir eine Chance, die Duplizierung und das Gewicht integrierter Systeme zu sparen. Bringen Sie einfach Ihr eigenes Gerät mit und schließen Sie es an", so Sabas weiter. 

Der gleiche Ansatz wird für das Audiosystem im Fahrzeug verwendet. Jedes Ende des Armaturenbretts ist hohl und zylindrische Bluetooth-Lautsprecher können angedockt werden, um unterwegs Musik in hoher Qualität zu hören. Allein durch den Verzicht auf das übliche Audiosystem konnten 250 g Gewicht eingespart werden. Und anstelle von sperrigen Autositzen, die das Licht schlucken und den Innenraum ausfüllen, benötigen die platzsparenden Frontsitze des oli 80% weniger Teile als Sitze in einem vergleichbaren SUV – nur 8 statt bis zu 37 – und wiegen deutlich weniger. Die leuchtend orangefarbenen Vordersitze bestehen aus stabilen Rohrrahmen, auf denen ein bequemes Sitzkissen montiert ist. Die innovativen 3D-gedruckten Netz-Rückenlehnen haben eine integrierte Kopfstütze und sind von modernen Büromöbeln inspiriert.

Auswaschbar: Schaumstoffboden samt Abflussstopfen

Anstelle von schwer zu reinigenden Fußmatten bietet der oli einen einteiligen, modularen Bodenbelag, der in Zusammenarbeit mit BASF aus expandiertem thermoplastischem Polyurethan (E-TPU) hergestellt wird. Der Schaumstoff ist so elastisch wie Gummi, aber leichter, extrem widerstandsfähig und hoch abriebfest. Er kann komplett ausgetauscht werden, wenn der Kunde eine neue Farbe bevorzugt. Der Boden ist außerdem mit einer hochelastischen und wasserdichten Beschichtung versehen und kann beispielsweise leicht mit dem Wasserschlauch gereinigt werden. Wiederverwendbare TPU-Abflussstopfen im Boden sorgen dafür, dass Sand und Algen oder Schlamm und Matsch nach einem heißen Tag am Strand oder einem nassen Tag beim Wandern im Wald problemlos ausgewaschen werden können.

Räder: Statt Alu oder Stahl mixt man einen Hybrid

Auch die Räder bieten besonderes. Angesichts des Drucks, die Umweltauswirkungen von Reifen zu reduzieren, und der steigenden Kosten für den Austausch oder die Reparatur beschädigter Räder habe man sich entschieden, nachhaltigere und haltbarere Optionen für beide zu erforschen, ohne dabei den typischen Fahrkomfort zu beeinträchtigen, den wir von einem Citroën erwarten, kommentiert Pierre Sabas. Die ausgeklügelte und effiziente 20-Zoll-Rad-Reifen-Kombination, mit der der oli ausgestattet ist, verbindet ein neues Hybridrad-Prototyp-Design mit einem konzeptionellen und nachhaltigen Reifen, der gemeinsam mit Goodyear entwickelt wurde. Da Vollaluminiumräder teuer und energieintensiv in der Herstellung und Vollstahlräder schwer sind, entschieden sich die Entwickler für eine Kombination aus beidem. Die daraus resultierenden Hybridräder sind 15 Prozent leichter als ein entsprechendes Vollstahlrad und tragen zu einer Gewichtsreduzierung von 6 kg bei.

„Wir sind mit dem Ami ein Risiko eingegangen, und wir gehen mit dem oli ein Risiko ein, weil wir die Kreativität in der Produktion vorantreiben müssen. Es macht keinen Sinn, coole Materialien oder Designs zu entwickeln, die keinen Einfluss auf zukünftige Serienfahrzeuge haben werden", findet Designchef Pierre Leclercq.

Deshalb sei die Aufnahme des neuen Logos in den oli von großer Bedeutung, denn so wie man Elemente des Designs und der Technologie in zukünftigen Modellen wiederfinden wird, wird die neue Interpretation des Citroën Schriftzuges unser neuer Standard sein.“

„Die Automobilindustrie ist nicht immun gegen die Herausforderungen, die unser übermäßiger Konsum mit sich bringt. Citroën geht mit gutem Beispiel voran und beweist, dass es unkonventionelle Wege der Veränderung gibt, die nicht langweilig oder einschränkend sind. Der Ami ist ein großartiges Beispiel dafür. Der Citroën oli – unser ‚Labor auf Rädern‘ – zeigt mit seinem cleveren Denken und seinen Botschaften von Effizienz und richtigem Handeln, wie wir künftig Familien inspirieren können. Er ist unser Wegweiser für die Lösung, die Sie in zehn Jahren als einziges Fahrzeug für Ihre Familie brauchen werden“, glaubt Citroën CEO Vincent Cobée.

Die Heckklappe besteht übrigens aus zwei Teilen – einer unteren Stahlplatte mit einer zentralen Aussparung für das Nummernschild und einem schwarzen Netzteil, das eine wichtige neue Botschaft enthält, die für alle nachfolgenden Verkehrsteilnehmer und den Fahrer im Rückspiegel sichtbar ist: „Nothing moves us like Citroën“. Na, kann man nur hoffen, dass so viel radikale Reduktion doch auch im nächsten Serienmodell wiedergespiegelt wird.

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