Citroën Ami: Weltpremiere für das ultimative urbane Mikro-Mobil

Die PSA-Tochter setzt bei der E-Mobilität mit dem Mikro-Auto einen eigenen, visionären Akzent. Der kontrastiert scharf mit dem zeitgleich präsentierten SUV C5 Aircross PHEV, peilt auf jüngere Klientel sowie rein urbanen Einsatz. Und lockt mit einem Preis ab 6.000 Euro.

Ein Fall für Zwei: Der Ami will eine "intime" Alternative zum ÖPNV darstellen - und peilt vor allem auf Carsharing-Modelle. | Foto: Citroen
Ein Fall für Zwei: Der Ami will eine "intime" Alternative zum ÖPNV darstellen - und peilt vor allem auf Carsharing-Modelle. | Foto: Citroen
Johannes Reichel

Der französische Automobilhersteller Citroën startet nach den Konzerngeschwistern von Peugeot und Opel ebenfalls in die Elektrifizierung und hat neben der Plug-in-Hybrid-Version des SUV C5 Aircross den bereits als Studie gezeigten elektrischen Mikro-Wagen Ami vorgestellt. Das nur 2,41 Meter lange, 1,39 breite und 1,52 Meter hohe Fahrzeug wird von einem 6 kW starken Elektromotor auf bis zu 45 km/h beschleunigt und soll zwei Personen bequem und sicher an ihr Ziel im urbanen Raum bringen. Top ist der Wendekreis mit 7,2 Meter.

Senkt die Kosten: Kompakter Akku

Die Reichweite aus dem mit 5,5 kWh bewusst kompakt gehaltenen Lithium-Ionen-Akku beträgt bis zu 70 Kilometer, deutlich mehr als das, was Nutzer täglich im Durchschnitt an Strecke mit dem Auto zurücklegen würden, wie der Anbieter betont: 45 Kilometer. Zudem würden Autos in der Stadt nach wie vor großteils auf Kurzstrecken bis maximal 25 Kilometer bewegt. "Wir müssen diese Gewohnheiten durchbrechen. Für diese Strecken ist der Ami deutlich effizienter", meint ein Verantwortlicher. Das Aufladen erfolgt per Haushaltssteckdose binnen drei Stunden, mit entsprechendem Kabel lässt sich aber natürlich auch an öffentlichen Ladesäulen Energie zapfen. Optional soll es einen 7,4 kW-Bordlader geben, mit dem das Laden in einer Stunde erledigt ist. Auch eine elektrische Heizung/Klimatisierung soll es dem Vernehmen nach auf Wunsch geben.

Erste Automobilität: Ab 16 Jahren fahrbar

Der Hersteller sieht für den nur 485 Kilo schweren Ami vor allem Anwendungen im Carsharing und will den Ami noch in diesem Jahr im Rahmen des eigenen Free2Move-Angebots für individuelle Mobilität zur Verfügung stellen. Dabei ermöglicht die Einstufung des Fahrzeugs nach Führerschein AM auch jüngeren Nutzern ab 16 Jahren erste "Automobilität". In Italien und Frankreich darf diese Klasse sogar ab 14 Jahren und führerscheinfrei bewegt werden. Aus Herstellersicht durchaus ein Argument, schließlich besäßen immer weniger junge Leute überhaupt eine volle Fahrlizenz und würden dennoch Wert auf individuelle Mobilität legen. Überhaupt fühlt man sich auch durch die "Fridays for Future"-Bewegung angetrieben, eine neue, nachhaltigere Mobilität, im Original-Sprech "Clean Urban Mobility", bereitzustellen, wie Citroën-Markenchef Vincent Cobée gesteht. Ein Auto als Antwort auf gesellschaftliche Herausforderungen sozusagen.

Günstiger Basispreis von 6.000 Euro, nette Individualisierung

Disruptiv ist auch das Preismodell: Die Anmietung erfolgt nach einem Monatsabo zu 26 Cent pro Minute, exakt so viel wie derzeit die Moto-Scooter-Verleiher in Paris an Gebühr verlangen. Außerdem vertreibt Citroen das Fahrzeug im Leasingmodell, startend in Frankreich für 19,99 Euro netto pro Monat, bei 48 Monaten Laufzeit und 2.644 Euro Anzahlung, inklusive 900 Euro Umweltbonus, den es in Frankreich auch für Leichtelektrofahrzeuge gibt.

Auch käuflich lässt sich das in Marokko mit vielen Gleichteilen gefertigte und bewusst reduziert konstruierte Fahrzeug erwerben: Der Hersteller will im Heimatmarkt mit einem Basispreis von 6.000 Euro netto einschließlich eines Umweltbonus von 900 Euro bewusst preissensible Käufer ansprechen. Man verweist allerdings auf die zahlreichen Individualisierungsmöglichkeiten, die den Preis des Amis in die Höhe treiben und die sich binnen weniger Minuten komplett online und per App konfigurieren und abwickeln lassen. Die Lieferung erfolgt auch bis zur Haustür.

Das Auto kommt zum Kunden: Im Container

Interessant ist auch die neue Vertriebsart über Partnerläden von Bücher- und Elektronikhändler Fnac und Elektronik-Spezialist Darty in Frankreich, die über ein dichtes Filialnetz verfügen. Dort will Citroen Pop-up-Stores auf neun Quadratmeter kleinen Karrèes hochziehen, um den Ami an den Kunden zu bringen. Zudem soll es dedizierte mobile Probefahrtzentren in Form von Container-Lösungen geben, die an zentrale Orte in den Städten oder vor Einkaufszentren kommen sollen, per Lkw, versteht sich. Wartung und Service soll über spezialisierte Partner erfolgen wie den Euro Repar Car Service und Citroën Händler. Losgehen soll es mit den Bestellungen ab 30. März in Frankreich sowie zeitnah folgend in Kernmärkten wie Deutschland, Spanien, Portugal, Italien und Belgien. Die ersten Kundenauslieferungen peilt man dann für Juni an.

Die Demokratisierung der Mobilität

CEO Cobée verwies bei der Premiere auf die Tradition des Herstellers in Sachen preisgünstiger Mobilität: Man gestalte bei Citroën die "Demokratisierung der Bewegungsfreiheit auf innovative Weise" seit 1919.

"Nun stellt die Marke eine neue, für jedermann zugängliche Lösung für urbane Mobilität vor: kompakt, schützend, zu 100 Prozent elektrisch, bezahlbar und all das ohne Führerschein. Der Ami soll ein echter Durchbruch beim Zugang zu urbaner Mobilität sein − eine Lösung, die möglichst nah an neuen Nutzungsgewohnheiten ist. Diese herausragende Idee war vor einem Jahr nur ein Konzept", erklärte Cobée.

Sitzprobe: Leichter Zugang, klare Bedienung, viel Platz

Trotz des preislich "demokratischen" Ansatzes soll der Ami über allen Komfort verfügen, der die Fahrt attraktiv macht. So fällt etwa der Zugang über die je nach Seite unterschiedlich öffnenden und generell breiten, aber absolut identischen Türen leicht. Innen erwartet die Passagiere eine sehr lichte Atmosphäre, die Hälfte der Karosserie soll aus Fensterflächen bestehen, samt Panoramaglasdach. Unterm Dach sieht man viel nacktes Stahgestänge, aber das ist ok. Die verbauten Hartplastikpanele fühlen sich robust und geradezu "Kärcher"-tauglich an, aber natürlich nicht besonders wertig von der Haptik. Kleine historische Reminiszenz: Wie beim 2CV werden die Fenster nach oben geklappt. Die nebeneinander angeordneten Sitze mit leichtem Rückversatz des Beifahrers lassen genug Schulter- und Kopffreiheit. Mittig platziert man im funktional gestalteten Interieur zudem sein Handy in einem Slot, es wird überhaupt zum zentralen Steuerungselement, neben den rudimentären Basisanzeigen des Fahrzeugs selbst.

Auf der großen, per farblich abgesetzter Einlageelemente segmentierbaren Ablagefläche unterhalb der Windschutzscheibe platziert man Utensilien aller Art und Größe. Außer dem Stauraum im Heck steht auch noch Staufläche im Fußraum des Beifahrers zur Verfügung. Statt Türöffner gibt es Schlaufen aus robustem Textilgewebe. Einen Kofferraum in dem eigentlichen Sinne konnten wir allerdings nicht entdecken, allenfalls eine Nische hinter den Sitzen, wobei hinter dem Fahrer auch die Konsole für Wischwasser und Flüssigkeiten platziert ist. Eine Heck- oder Frontklappe gibt es sowieso nicht, die Kosten. Die Sitzposition selbst ist wie in anderen Fahrzeugen auch, man bewegt sich also "auf Augenhöhe" mit den restlichen motorisierten Verkehrsteilnehmern und genießt ohnehin eine exzellente Übersicht durch die großen Glasfenster und über die Stummelfront.

Die "intime" Alternative zum ÖPNV

Citroën sieht den Ami also als "intimere" Alternative zum ÖPNV, die einem mehr Privatsphäre ermöglicht und mehr Komfort als auf einem Zwei- oder Dreirad bietet, insbesondere bei schlechtem Wetter oder kalter Witterung. Als Zubehör erhältlich sind etwa ein zentrales Trennnetz, ein Aufbewahrungsnetz für die Tür, eine Matte, ein Ablagefach auf dem Armaturenbrett, ein kleiner Haken für eine Handtasche,  ein  Smartphone-Clip sowie die sogenannte DAT@MI-Box (Dongle), die mit der auf dem Smartphone installierten My Citroën App verbunden wird und wichtige Fahrzeuginformationen abruft. Bei der Lackierung bietet man vier Hauptfarbtöne: Grau, Blau, Orange und Khaki. Zudem sind zwei Dekorpakete erhältlich, eine sportlichere und eine eher modisch orientierte Variante.Und auf Basis von neun Karosserieelementen unzählige Variationen der Außengestaltung.

„Disruptive Projekte treiben die Automobilwelt voran. Beim Ami handelt es sich um ein Produktdesign, nicht um ein Automobildesign. Hier wird die Form von der Funktion bestimmt", findet Pierre Leclercq, Direktor Design Citroën.

Voll im Trend: Gemeinsam genutzte Mobilität

Der Hersteller rechnet damit, dass im Jahr 2030 jeder dritte Kilometer durch gemeinsam genutzte Mobilität zurückgelegt wird. Mit Free2Move stelle man den einzigen Anbieter am Markt, der Carsharing für Kunden in ausgewählten Ländern bereits ab 16 Jahren anbiete, werben die Franzosen für ihr Modell.

„Der gemeinsame Nenner aller zukünftigen Nutzer wird nicht ihr Geschlecht oder Alter, ihr Wohnort und noch weniger ihr Bildungsstand sein, sondern ihr Mobilitätsbedarf", glaubt Michel Costa, Market Research Manager.

Damit meine er etwa den Bedarf an einer Lösung für Kurzstrecken wie zum Supermarkt oder Fitnessstudio, die einfach und leicht zugänglich seien, zudem äußerst günstigen und eine elektrische Lösung. Den Ami sieht er als "die perfekte Antwort auf all diese Bedürfnisse.“ Mal sehen, ob ab 30. März die Kunden das auch so sehen und der Ami tatsächlich einen Mobilitätsnerv trifft.

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