Chinesen jagen Tesla und Co. – Nio auf der Überholspur

Vom Jäger zum Gejagten. Eine ungewohnte Rolle für Tesla CEO Elon Musk. Chinesische Autofirmen wie Nio sind mittlerweile die Innovationstreiber der Branche.

Nios Flaggschiff et7 ist auf der Überholspur - mit Tauschakku und modernster Sensortechnik.| Foto: Nio
Nios Flaggschiff et7 ist auf der Überholspur - mit Tauschakku und modernster Sensortechnik.| Foto: Nio
Thomas Kanzler

Elon Musk hat die Automobilindustrie aufgemischt. Während BMW nach mangelnder Resonanz bei den Stromern i3 und i8 den Glauben an die eigene Courage verloren hatte und sich dann wieder den Verbrennern widmete, hatten andere Autokonzerne die E-Mobilität völlig verschlafen. Musk machte bei Tesla einiges anders als die etablierte Automobilindustrie. Er setzte von Anfang an auf Digitalisierung und auf den E-Motor. Zudem versprach er, die Teslas würden in naher Zukunft autonom fahren können. Mittlerweile ist der amerikanische E-Auto Konzern mit einem Umsatz von fast einer Millionen E-Autos pro Jahr der erfolgreichste Hersteller reiner Stromer.

Jetzt Nio greift an

Das Start-up des Tech-Milliardärs William Li wurde erst 2014 gegründet. Mit dem selben Konzept wie Tesla Gründer Musk versucht der chinesische Konzern, die Automobilindustrie umzukrempeln. Ebenso digital und elektrisch setzt das chinesische Unternehmen auf ein anderes Batteriekonzept.

Tauschen statt Laden

Bei der Batterie und der Ladeinfrastruktur verfolgt Nio ein ganz eigenes Konzept: Der Hersteller setzt auf den Tausch der Batterien statt nur auf die Aufladung. Der Nio-Kunde fährt mit seinem Auto zu einer Wechselstation und lässt die Batterie dort voll automatisiert und in rund fünf Minuten austauschen. Langes Warten beim Laden ist somit nicht mehr nötig. Der Batterierahmen kann verschieden große Akkupakete aufnehmen, der Kunde kann sich also beim Tausch für eine Batterie mit 75 kWh oder 100 kWh entscheiden. In Zukunft soll bei einigen Modellen auch eine Feststoffbatterie mit 150 kWh Leistung angeboten werden, die 1.000 Kilometer Reichweite ermöglichen soll. Dadurch bekommen Kunden eine große Flexibilität angeboten. Während der 75 kWh Energiespeicher für die Stadt und Ausflüge reicht, ist die große Batterie ist für die Langstrecke gedacht. Das Nio-eigene Wechselsystem hat laut Hersteller schon über 13 Millionen Batteriewechsel an den über 1.100 Wechselstationen in China vorgenommen.

Erste Power-Swap-Station nach Deutschland ausgeliefert

Am 16. September lieferte Nio die erste Wechselakku-Station nach Deutschland aus. Die Fertigung der Station erfolgte in Nios europäischer Produktionsstätte in Budapest. Wo die erste Station errichtet wird, gab das Unternehmen noch nicht bekannt. Mit der Auslieferung der ersten Batteriewechselstation nach Deutschland und dem Start der ersten europäischen Nio-Power-Produktionsstätte, beginnt Nio seine Expansion nach Europa. Noch in diesem Jahr sollen Akkutauschboxen auch in die Niederlande, nach Schweden und nach Dänemark geliefert werden. Der chinesische Autobauer will bis Ende 2025 ein Netz von weltweit 1.000 Power-Swap-Stationen außerhalb Chinas aufbauen.

Tesla auch beim autonomen Fahren überholt

Das amerikanische Unternehmen setzt weiter auf autonomes Fahren ohne Lidar-Sensoren. Während Musk immer wieder damit wirbt, dass ab dem nächsten Update noch mehr vollautomatisiertes Fahren möglich sei, häufen sich die Unfälle mit Tesla-Modellen. Der chinesische Hersteller Nio verbaut eine ganze Reihe von Lidar- und Radarsensoren – als einiger Hersteller sogar auf dem Dach, um den Sensoren einen besseren Blickwinkel auf die Umgebung zu ermöglichen. So ist die Sensorik der Nio Modelle denen der Tesla Modelle weit überlegen. Während ein Tesla Fahrzeuge bis zu einer Entfernung von 229 Meter erkennen kann, schafft Nio 687 Meter. Bei Menschen sind es 74 Meter bei Tesla und 223 Meter bei Nio.

Was bedeutet das?

Tesla wirbt offensiv mit den Fähigkeiten der eigenen Fahrzeuge beim autonomen fahren. Dabei hat das Unternehmen nicht einmal die Freigabe fürs teilautonome „Level 3“. Das wiederum hat in Deutschland bisher nur Mercedes. Ob sich Nios Wechselakku bei in naher Zukunft immer kürzer werdenden Ladezeiten wirklich durchsetzt, ist ungewiss. Sicher ist, dass die Chinesen ein Innovationstempo an den Tag legen, dass nicht nur Tesla herausfordert.

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