CES 2020: Bosch fährt groß auf

Bosch zeigt auf der CES unter anderem ein neues Kamerasystem, das erkennen kann, wie aufmerksam der Fahrer ist. Dabei soll es künstliche Intelligenz unterstützen. Außerdem präsentiert Bosch Neues zum Thema KI sowie Zweirad- und Haustechnik.

Bosch wird eine weiterentwickelte Version seines autonomen Shuttles zeigen. | Foto: Bosch
Bosch wird eine weiterentwickelte Version seines autonomen Shuttles zeigen. | Foto: Bosch
Gregor Soller

I Las Vegas fährt Bosch wieder ganz groß auf. Und zeigt dabei konkrete Lösungen für die Zukunft. Ab 2022 sollen intelligente Innenraumkamerasystem in der EU Standard werden, um Unfallzahlen weiter zu senken. Ein zunehmendes Problem der Digitalisierung ist die verstärkte Ablenkung der Fahrer vom Straßengeschehen, was durch ergonomisch unsinnige Touchscreens als Bedieneinheiten tendenziell noch verstärkt wird. Deshalb will Bosch jetzt Digitalisierung mit Digitalisierung bekämpfen.

Zur CES 2020 präsentieren die Schwaben eine Innenraumbeobachtung mit Kameras, die Software mit künstlicher Intelligenz nutzen. Alle Informationen des neuen Kamerasystems soll nur von der Software im Auto ausgewertet, aber weder gespeichert noch an Dritte weitergegeben werden. Harald Kröger, Geschäftsführer der Robert Bosch GmbH, erklärt dazu:

„Wenn das Auto weiß, was Fahrer und Insassen gerade machen, wird Autofahren noch sicherer und komfortabler.“

Serienreif soll das KI-basierte Kamerasystem ab 2022 sein. Rechtzeitig zur Gesetzesinitiative in der EU. Denn dann soll laut Europäischer Union Sicherheitstechnik, die beispielsweise den Fahrer bei Müdigkeit oder Ablenkung warnt, Standard in Neuwagen werden.

Ein noch größeres und wichtigeres Einsatzspektrum sieht Bosch natürlich bei fahrerlosen Fahrzeugen: Um dem Fahrer die Fahrverantwortung beispielsweise nach einer automatisierten Autobahnfahrt wieder zu übergeben, muss das Auto sicher sein, dass der Fahrer auch übernehmen kann und sich nicht anderen Tätigkeiten widmet. Interessant sind hier auch neue Orte, an denen die Kamera verbaut wird: Nämlich unter anderem im Lenkrad, um zu erkennen, wenn die Augenlider des Fahrers schwer werden, er abgelenkt ist und seinen Kopf zum Beifahrer oder in Richtung der Rücksitze dreht. Die künstliche Intelligenz leitet zieht daraus dann die entsprechenden Schlüsse: Das System kann den  Fahrer bei Unachtsamkeit warnen, rät zu Pausen, wenn er müde wird, oder kann im Ernstfall sogar die Geschwindigkeit des Fahrzeugs drosseln – je nach Wunsch des Fahrzeugherstellers oder gesetzlicher Vorgaben. Dazu haben die Bosch-Entwickler dem System mithilfe von Bildverarbeitungsalgorithmen und maschinellem Lernen beigebracht zu verstehen, was der Mensch auf dem Fahrersitz gerade tut.

In autonomen Autos können die Insassen in selbstfahrenden Autos ihre Sitze auch von der Frontscheibe wegdrehen. Die Kamera kann dann feststellen, wie die Sitze der Passagiere eingestellt sind und daraufhin andere Parameter wie Airbags entsprechend neu juistieren. Zudem kann das Fahrzeug errechnen, wie lange der Fahrer braucht, um seinen Sitz wieder in die richtige Position zu bringen, um eine Fahraufgabe zu übernehmen. Entsprechend hat das Bosch-System auch Beifahrer und die Passagiere auf den Rücksitzen im Blick. Dafür sitzt eine Kamera an bekannter Position ober- oder unterhalb des Rückspiegels, die den gesamten Innenraum überblickt. Sie erkennt Unstimmigkeiten im Fond und warnt den Fahrer. Auch ungewöhnliche Sitzpositionen der Mitfahrer können detektiert werden, um Airbags und Gurtstraffer bei einem Unfall so zu justieren, dass sie bestmöglich schützen. Praktisch: Das Innenbeobachtungssystem erkennt auch, wenn eine Reboard-Babyschale auf dem Beifahrersitz steht und schaltet den dortigen Airbag dann ab.

Aber auch sonst baut Bosch seine Systeme weiter aus: Radarsensoren bieten eine Umfeldsensorik für komplexe Verkehrssituationen. Die neue Generation der Bosch-Radarsensoren kann das Fahrzeugumfeld noch besser erfassen – auch bei schlechten Wetter- oder Lichtverhältnissen. Grundlage dafür sind eine hohe Erfassungsreichweite, ein breiter Öffnungswinkel und eine hohe Winkeltrennfähigkeit. So können beispielsweise automatische Notbremssysteme noch zuverlässiger reagieren.

Außerdem geht man auch beim Automated Valet Parking, dem vollautomatisierten Vorfahr-und Einparkservice den nächsten Schritt: Die Gemeinschaftsentwicklung von Bosch und Daimler hat bereits als erstes SAE-Level-4-System die Freigabe der zuständigen Behörden in Deutschland erhalten. Die Sensoren für die Parkhausinfrastruktur sowie die Kommunikationstechnik kommen von Bosch. Bis Ende 2021 soll ein Dutzend weiterer Parkhäuser mit dem Automated Valet Parking ausgestattet sein. Dafür arbeitet Bosch mit Parkhausbetreibern und Bauträgern großer Immobilienprojekte zusammen.

Das Gehirn der ganzen Systeme ist der „Vehicle Computer“ und die Elektronikarchitektur der nächsten Generation: Mit neuen leistungsstarken Leitrechnern werden Fahrzeuge künftig leistungsfähiger. Außerdem bedeuten weniger Steuergeräte laut Bosch auch weniger Gewicht im Fahrzeug und weniger Komplexität im Zusammenspiel der Komponenten und Systeme. Mit den Vehicle Computern möchte Bosch die Rechenleistung bis Anfang der nächsten Dekade um den Faktor 1 000 erhöhen. Rechner dieser Art realisiert Bosch bereits für das automatisierte Fahren, den Antriebsstrang und die Integration von Infotainment-Systemen und Fahrerassistenz-Funktionen.

Was bedeutet das?

Bosch fährt zur CES wieder groß auf, vor allem digital: Vor allem das Innenraumüberwachungssystem kann für viel mehr Sicherheit sorgen, indem es Sicherheitssysteme entsprechend der Sitzhaltungen der Fahrer und Mitfahrer feinjustieren kann. Andererseits kann die Vorstellung, permanent überwacht zu werden, auch Unsicherheit hervorrufen – zumal natürlich auch dieses System bei Bedarf gehackt werden kann.  Basis dafür sind stärkere „Vehicle Computer“, die auch die anderen Fähigkeiten der Fahrzeuge weiter präzisieren können.

Printer Friendly, PDF & Email