Car Symposium 2020: Das Ende des eigenen Autos?

Im Special "Autovertrieb der Zukunft" zeigten zahlreiche Serviceanbieter von Cluno bis Sixt ihre Alternativen zum eigenen Auto.

 

Auf dem Car-Symposium von Prof. Dudenhöffer wurde durchaus kontrovers gedacht und kommuniziert. | Foto: G. Soller
Auf dem Car-Symposium von Prof. Dudenhöffer wurde durchaus kontrovers gedacht und kommuniziert. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Das „Special“ auf dem Car Symposium war überschrieben mit dem Titel „Autovertrieb der Zukunft“ und hatte einige interessante Aspekte, welche zumindest an den bisherigen Strukturen rütteln dürften. Nach den Vorständen von BMW und Daimler folgte mit Michael Knudsen der Head of Market Development Mobility Services von BMW. Und der ist weniger auf Autos, dafür umso mehr auf deren Nutzung fokussiert. So kann der Mini mittlerweile als Option „schlüssellos“ bestellt werden. Per Smartphone kann man ihn dann teilen, den Fahrer zum Auto lotsen und ihn sogar dafür bezahlen lassen – man wird sozusagen zum eigenen „Carsharer“. Womit Mini respektive BMW aber auch Autovermieter, Fuhrparkbetreiber oder Autohändler auf dem Schirm haben. Außerdem rollen die Münchner ihr datenbasiertes Flottenmanagement mittlerweile auch auf die Motorräder aus: Die werden ohnehin gern gemietet, aber jetzt kann man auch noch Touren oder Erlebnisse hinzubuchen.

BMW: Lademanagement zur Spitzenlastvermeidung mit E-Autos in Kalifornien

Digitalisiert sollen auch die Ladevorgänge werden: Hier startet Mini mit Charge Forward einen Piloten in Kalifornien. Dabei soll auch der Energieversorger Zugriff auf das Lademanagement haben um Spitzenlasten zu vermeiden – im Gegenzug sollen Ladekürzungen oder -abbrüche, sofern man diese akzeptieren kann, vergütet werden. In der Praxis erfordert das exakte Eingaben bezüglich der gewünschten Ladestände und eine gewisse Vorausplanung des Nutzers: Denn wenn mir am nächsten Tag 30 Prozent Ladestand und 100 Kilometer Reichweite genügen, werde ich genau diese vorfinden.

Cluno: All-in-Mieten statt teilen

Und während BMW und Daimler immer noch davon ausgehen, dass die Menschen weiter zunehmend unerschwingliche Autos kaufen und leasen, glaubt Cluno-Gründer und –CEO Niko Poletti, dass Fahrzeuge künftig verstärkt gemietet werden. Damit stellt er das Eigentumsmodell nicht in Frage, das immer noch 75 Prozent des Gesamtmarktes ausmacht, während nur rund 25 Prozent auf Shared Mobility entfallen. Deshalb versteht er auch nicht, weshalb sich derzeit alle auf die eher margenschwachen 25 Prozent stürzen, denn auch Poletti möchte „sein Auto“ eigentlich mit Keinem teilen! Aber mieten, ohne Stress zu haben, das wäre eine Alternative, die er mit Cluno anbietet. Und mit der er beeindruckende Zahlen vorlegen kann: Zwischen November 2017 und November 2019 wuchs sein Unternehmen um 380 Prozent! Wichtig ist ihm dabei vor allem sichere Kostentransparenz seines All-In-Angebotes, nicht der günstigste Preis. Auch Poletti stellt eine stark steigende Nachfrage nach elektrifizierten Modellen fest.

Thyssen-Krupp Carvaloo: Auch kleinste Beschädigungen können nachverfolgt werden

Sollten diese Autos beschädigt werden, könnte Carvaloo von Thyssen Krupp helfen, eine Schadenermittlungssoftware, die Nico Schön, Manager Innovation Strategy vorstellt. Kernstück ist eine Box mit hochsensiblen Messsensoren: Ein Dreiachs-Beschleunigungssensor und ein Dreiachsgyro (ein Kreiselinstrument zum Ermitteln von Drehgeschwindigkeiten) sorgen mit sehr hoher Auflösung in Zusammenarbeit mit einer AI-gesteuerten Mustererkennung für die Aufzeichnung kleinster Schäden und können jede Art von Bewegungszustand erkennen. Hintergrund: In vielen Fällen sind Schäden für Autovermieter oder Flottenbetreiber im Nachgang nicht eindeutig zuzuordnen. Pushnachrichten an die Zentrale sollen etwaige Unregelmäßigkeiten sofort melden, auch wenn das Auto rüde auf oder an einen Bordstein gesetzt wurde. Sogar das Öffnen und Schließen von Türen kann man ermitteln. Auf die Art lassen sich Unfälle aggergiert über einzelne Stationen auswerten, wie Schön an einem Beispiel zeigt: Ein Fahrer steigt in ein Auto (Tür klappt zu), startet und fährt dezent, aber merklich an einen Pfosten (leichte Erschütterung). Der Fahrer hält, steigt aus (Stopp), besieht sich den Schaden, steigt ein (Tür klappt) – und fährt weiter. Ohne den 1500-Euro-Schaden später zu melden. Carvaloo setzt daraus einen typischen Anfahrunfall zusammen, der meist aus  abruptem stoppen und Türbewegungen besteht.

Carwow: Trotz online ist der Handel unverzichtbar!

Die Türen von Autohäusern bewegt gern Carwow, wie Andreas Balzer, Head of OEM Business erklärt. Carwow ist ein Online-Konfigurator mit Autohausanbindung, der seine Konfigurationen an die Betriebe weitergibt. Und siehe da: Kundennähe ist laut Balzer auch im Online-Business entscheidend. Nach Carwow-Untersuchungen kaufen 60 Prozent ihr Auto beim nächstgelegenen Händler. Und sie konfigurieren sehr gern, wie Balzer zeigt: Beginnend mit einem Nissan Qashqai wurde ein Skoda Karoq gekauft, der allerdings erst bei der 36. Konfiguration geordert wurde. Und selbst nach diesem Schluss konfigurierte der Kunde noch zwei Jaguar! So viel auch zum Thema Markenbindung. Aber auch sonst hält Balzer einige Überraschungen bereit, die der Handel leicht machen könnte, teils aber ungern erfüllt: So erwarten die Kunden eine fundierte Rückmeldung, die gern 3 bis 4 Stunden dauern darf, Hauptsache, die Antwort ist hochwertig! Den 24/7-Anspruch streicht Balzer: Die meisten Autos werden tatsächlich zwischen 8 und 18 Uhr konfiguriert, doch viele konkrete Anfragen fallen dann noch in die Zeit zwischen 18 und 19 Uhr. Hier noch eine telefonische Erreichbarkeit (die übrigens entscheidend ist) anzubieten, sei machbar und wichtig. Und die Onlinekunden? Sind laut Balzer schon da, aber eben nicht so, wie man das vielleicht erwartet hätte. Denn wenn es konkret wird, kauft man doch am liebsten wieder beim Händler vor Ort, den man deshalb vorher aber nicht x-mal besuchen möchte.

Sixt One: Der ultimative Mobilitätsanbieter?

Autos erhält man auch bei Sixt, doch das Leasinggeschäft stand nicht im Fokus im Vortrag Nico Gabriels, seines Zeichens President Mobility Operations Sixt. Und da dreht Sixt das Rad aktuell extrem schnell weiter: Erst 2018 begann man mit den drei Säulen Rent, Ride und Share, die man jetzt schon wieder zu Sixt One zusammenlegt. Und damit den ersten vollumfänglichen verkehrsmittelneutralen Mobility-Service etabliert, der auch funktionieren könnte. Denn er umfasst neben Autos auch Scooter, Taxis oder den ÖPNV – all das bindet Sixt über seine offene Plattform in sein Angebot ein., frei nach dem Motto: Ein Kunde, ein Angebot, eine App, ein Login! Und natürlich kann Sixt nach wie vor auch ein Leasingangebot hinzukombinieren – wobei es künftig immer mehr auf das Mobilitätsbudget des Nutzers ankommen wird, das die Pullacher mit diversen Mobilitätsangeboten ausfüllen können. Hauptsache man kommt entspannt und einfach an!

Hey Car: Neue Wege im Gebrauchwagenmarkt - eines Tages inklusive Abo

Aber auch auf dem Gebrauchtwagenmarkt tut sich viel, wie Hey Car-CEO Markus Kröger berichtet. Auch hier steht ein sorgenfreies „Angebot“ im Fokus der maximal acht Jahre alten und 150.000 Kilometer gelaufenen Fahrzeuge, die mit Garantie angeboten werden. Hey Car ist sehr konsequent auf die Endkunden ausgerichtet, was mittlerweile auch VW Financial Services und Daimler Mobility überzeugt hat: Beide Unternehmen sind mittlerweile bei Hey Car eingestiegen und erweitern damit ihre eigenen Möglichkeiten, um Erst-, Zweit- oder auch Drittkunden über einen längeren Zeitraum des Auto-Lebenszyklus abzuholen und zu begleiten. Dabei betont Kröger, dass man auf keinen Fall „Resterampe“ sei, sondern auch für Gebrauchtwagen hochwertige Angebote inklusive der immer beliebteren „All-in-Bundles“ schnüren wolle – und auch am Thema Abo sei man dran – zu günstigeren Konditionen wie sie Neuwagen bieten.

Im Gegensatz zu Hey Car hat sich ALD komplett auf das B2B-Geschäft fokussiert, wie Max Kolle, Director Sales Fleet von ALD erläutert. Und durch die Umbrüche im Business sind auch bei den Flotten die Verunsicherungen groß, weshalb ALD verstärkt in eine umfassende Flottenberatung einsteigt: So kann man über den Steuervorteil bei elektrifizierten Fahrzeugenbeispielseise indirekt den Lohn erhöhen und sollte die tankkarte auch bei E-autos noch nicht ganz abschreiben: Denn auch Strom gibt es an Tankstellen und Waschen muss man ja auch Elektroautos.

Flottenlösungen und Auto-Abo für B2B oder B2C bietet schließlich Fleetpool an, wie Alexander Kaiser und Niels Reimann, Mitglieder der Geschäftsleitung erklären. Immerhin versteht man sich als Pionier für digitale Autoabos und legte in den letzten drei Jahren je 100 Prozent Umsatzwachstum hin. Und hat nach wie vor keine Fremdinvestoren, sondern wächst organisch. Aber auch hier steht die Einfachheit im Vordergrund, so dass man im Idealfall in fünf Klicks zu seinem Auto kommt und bei der Kaufabwicklung komplett auf Papier verzichten kann. Und auch Fleetpool betont, dass trotz aller Digitalisierung die persönliche Kundenbetreuung unumgänglich ist, ebenso wie eine persönliche Ansprache. Doch was das Geschäftsmodell voranbringen wird und muss ist die eigene Software, die zuletzt massiv aufgestockt wurde. Womit sich ein Kreis schließt: Nicht die Hard- sondern die Software wird die Weiterentwicklung der Mobilität maßgeblich bestimmen. Weshalb es gilt, hier jetzt „Gas zu geben“.

Was bedeutet das?

Die Mobilitätsanforderungen und -angebote wurden vielfältiger denn je – sind aber mit intelligenter Software gut und komplex weiterzuentwickeln. Hauptsache, der Kunde merkt davon nichts und kommt mit wenigen Klicks zum gewünschten Ergebnis!  

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