Brüssel probt radikale Verkehrswende

Von der Autostadt zur Fahrradstadt, so radikal wie in Brüssel wird reißt keine andere Metropole im Windschatten der Pandemie das Ruder herum. Basis: Komplette City als verkehrsberuhigte Zone.

Bisher nur Sonntags, jetzt auch werktags: Wie hier am autofreien Sonntag war man in Brüssel nie unterwegs. Jetzt legt die Stadt eine radikale Wende hin. | Foto: European Cycle Federation
Bisher nur Sonntags, jetzt auch werktags: Wie hier am autofreien Sonntag war man in Brüssel nie unterwegs. Jetzt legt die Stadt eine radikale Wende hin. | Foto: European Cycle Federation
Johannes Reichel

Die EU-Hauptstadt Brüssel hat den Lockdown für eine radikale Verkehrswende genutzt. Nachdem in den kritischsten Wochen der Pandemie ohnehin kaum Verkehr auf den Straßen unterwegs war, wurde die gesamte City zur verkehrsberuhigten Zone erklärt. Zudem führt die Kommune ab dem nächsten Jahr in allen 19 Stadtteilen Tempo 30 ein. Nur wo man schneller fahren darf, weisen Schilder mit 50 und 70 km/h explizit darauf hin. Binnen weniger Wochen will man darüber hinaus 40 Kilometer neuer Radwege errichten, von denen es in der auto-zentrierten Stadt bisher allerdings nur wenige gibt.

Tempolimit als Dreh- und Angelpunkt

Zentraler Aspekt ist aber die Verkehrsberuhigung mittelt Tempolimit. Innerhalb des City-Rings gilt nun 20 bis 30 km/h und Fußgänger dürfen die komplette Fahrbahn nutzen. Als Begründung führt der die Wende treibende Bürgermeister Philippe Close von der Sozialistischen Partei an, dass die Passanten in den engen City-Gassen Abstand halten müssten. "Viele Straßen in Brüssel sind sehr schmal. Die Menschen haben Probleme, Abstand zu halten. Wir wollen es ermöglichen, dass Fußgänger auf der Straße gehen und zwei Fahrräder nebeneinanderfahren können. Und die Autos sollen langsamer fahren", erklärte er gegenüber dem NDR. Seine Vorstellung: Begegnungszonen schaffen. Das Gebiet umfasst gut zwei mal 2,5 Kilometer. Vorerst ist das Projekt zwar nur auf drei Monate angelegt. Grundsätzliche Rückendeckung hat der Bürgermeister auch von der Brüsseler Regionalregierung, was dann eher nach einer generellen Entscheidung klingt.

"Wir dürfen nicht zurück zum 'business as usual'. Wir müssen diesen Moment nutzen, um einen guten Neustart zu gewährleisten, und wir müssen die Menschen ermutigen, mehr zu Fuß zu gehen und Fahrrad zu fahren. Um so den Verkehrsdruck in Brüssel etwas zu entlasten", erklärte die grüne Verkehrsministerin der Region Brüssel, Elke van den Brandt, erklärte programmatisch.

Printer Friendly, PDF & Email