Bosch- und ITK erweitern Standort Holzkirchen

Im Interview geben Dr. Johannes-Jörg Rüger, CEO von Bosch Engineering GmbH und Bernd Gohlicke, CTO von ITK Engineering, Einblicke in die Zukunft des High-Tech-Standortes, der sich mit neuer Mobilität befasst.

Gut gelaunt im Interview: Dr. Johannes-Jörg Rüger, CEO von Bosch Engineering GmbH (li.) und Bernd Gohlicke, CTO von ITK Engineering. | Foto: G. Soller
Gut gelaunt im Interview: Dr. Johannes-Jörg Rüger, CEO von Bosch Engineering GmbH (li.) und Bernd Gohlicke, CTO von ITK Engineering. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Offener Campus statt abgeschlossener Büros und Labore: Mit seiner Holzverkleidung fällt der neue Campus von Bosch Engineering und ITK Engineering im Gewerbegebiet von Holzkirchen auf. Mit 17.000 Quadratmetern moderner Büro- und Laborflächen bietet das vierstöckige Gebäude mittelfristig Platz für bis zu 900 Mitarbeitende. Die Schwerpunktthemen beider Unternehmen sind innovative Entwicklungsdienstleistungen für Branchen wie Automotive, Off-Highway, Bahn- oder Medizintechnik. Das Besondere des Standorts ist sein Campuscharakter – hochmoderne und kreative Arbeitsumgebungen bieten den Mitarbeitenden Raum für Innovationsgeist und Flexibilität, und fördern den engen und transparenten Austausch mit externen Partnern. Für beide Unternehmen ist Holzkirchen nach ihren Hauptsitzen in Abstatt respektive Rülzheim der jeweils zweitgrößte Standort in Deutschland. Wir waren bei der Eröffnung vor Ort und haben die Hintergründe der Erweiterung bei Dr. Johannes-Jörg Rüger, CEO von Bosch Engineering GmbH und Bernd Gohlicke, CTO von ITK Engineering nachgefragt und wollten wissen, wie sich der Standort perspektivisch entwickeln wird.  

Welches sind die Kerngeschäfte von Bosch Engineering?

Rüger: Als Entwicklungsdienstleister liegt unser Kerngeschäft im Automotive Umfeld. Für unsere Kunden entwickeln wir bspw. maßgeschneiderte Lösungen für Elektroniksysteme, unterstützen aber auch in den Bereichen Test- und Prüfstandeinrichtungen, Funktionale Sicherheit, Schulungen sowie mit diversen Beratungsdienstleistungen. Im Schwerpunkt sind das Kleinserienhersteller und Start-ups, die in der Regel weniger als 10.000 Einheiten pro Jahr bauen – und da reden wir dann schon vom ganzen Modellprogramm.

Dürfen sie hier Namen und Stückzahlen nennen?

Rüger (lächelt): Zum Beispiel Pagani – dort entstehen rund 45 Supersportwagen pro Jahr.

Gibt es da auch Synergien zu den übrigen Bosch-Geschäftsbereichen?

Rüger: Sicher, wenn wir spezifische Applikationen für Supersportwagen entwickeln, lassen sich daraus auch Anwendungen für höhere Stückzahlen ableiten. Dabei umfassen unsere Entwicklungen die komplette Bandbreite von Bosch Automotive und die daran angrenzenden Bereiche.

Wie definieren sie diese? Die Marke Bosch umfasst ja ein riesiges Programm von Automotive über Zweiräder bis hin zu Powertools und Küchengeräten von Bosch-Siemens-Hausgeräten?

Rüger (lächelt): Als angrenzenden Bereich zu Automotive bezeichne ich zum Beispiel ein Kollisionswarnsystem für Stadt- und Straßenbahnen, den wir aus Automotive ableiten konnten. Dazu kommen die Bereiche Bosch Motorsport sowie Off-Highway-Anwendungen. Denn auch im schienengebundenen Verkehr und im Off-Highway-Sektor wird verstärkt auf Automatisierung gesetzt, das heißt Video, Radar- und Ultraschallerkennung von Objekten, Personen oder Umgebungen.

Wie hoch ist aktuell der Anteil an Non-Automotive-Anwendungen?

Rüger: Mit 15 Prozent ist der noch vergleichsweise klein, wir treiben das Thema aber bewusst voran und wollen den Anteil bis in fünf Jahren verdoppelt haben, bei gleichzeitigem Wachstum im Bereich Mobilität. Das Leitmotiv ist immer, dass unsere neuen Geschäftsfelder grundsätzlich etwas mit Mobilität zu tun haben sollten. Damit wollen wir zusätzliches Wachstum erschließen und gleichzeitig unabhängiger vom Bereich Automotive werden. Das hilft uns wiederum, weniger von Zyklen einzelner Bereiche abhängig zu sein und das Geschäft zu verstetigen.

Wie finden eigentlich Start-Ups zu Ihnen? Funktioniert das?

Rüger: Ja, denn auch Start-Ups beginnen ja in der Regel nicht komplett auf der grünen Wiese, sondern dahinter stehen meist Profis, die uns kennen. Entsprechend bekannt sind wir auch in der Community.

Helfen hier auch die übrigen Bosch-Geschäftsbereiche oder kann man da auch Synergien heben?

Rüger: Wenn möglich, erfolgen die Projekte in Absprache mit den Geschäftsbereichen. Oft handelt es sich aber auch um Kleinserienapplikationen wie die Abstimmung eines ESP-Systems. Das haben wir schon sehr oft gemacht, also klappt das beim nächsten Mal. Dazu kommen neue oder jüngere Themen wie Steer by wire oder autonomes Fahren. Solche Projekte können dann auch Pilotprojekte für die Geschäftsbereiche sein; bei denen wir dann eng zusammenarbeiten. Das ist für uns auch deshalb interessant, um unser Know-how aufzubauen, respektive zu erweitern, und mitzubekommen, mit welchen Zukunftsthemen sich die OEMs beschäftigen und so auf dem aktuellen Stand zu bleiben.

Dürfen Sie da etwas konkreter werden?

Rüger: Steer by wire ist ein Thema, das in größerem Stil kommen wird, denn es ermöglicht im Fahrzeugbau viele konstruktive Freiheitsgrade.

Sie wollen unabhängiger von Automotive werden, aber grundsätzlich den Bereich Mobilität nicht komplett verlassen: Was kann man sich darunter vorstellen außer Bahntechnik oder Landwirtschafts- und Baumaschinen?

Rüger: Das Feld Robotics. Aktuell bringen wir gerade zusammen mit einem Kunden einen Reinigungsroboter in Serie, der autonom große Hallen- und Industriekomplexe säubern kann – eine in der Regel sehr unkreative Arbeit mit unattraktiven Arbeitszeiten. Auch in der Bau- und Landwirtschaft kann man viele monotone Arbeiten automatisieren.

Robotik ist ein gutes Stichwort für ITK, wo die Geschäftsbereiche ja etwas anders aufgestellt sind?

Gohlicke: Ja, die Wurzeln der ITK liegen in der Robotik. Mit System- und Software-Entwicklung in der Regelungstechnik fing alles an. Wir sind in den verschiedensten Branchen in der kundenspezifischen Entwicklung aktiv mit rund 800 bis 900 Projekten im Jahr. Die können einen Tag, aber auch mehrere Jahre dauern. Der Großteil mit 75 Prozent der Projekte dreht sich um Mobilität im weitesten Sinne, das sind neben PKW- und LKW-Anwendungen vor allem auch Bau- und landwirtschaftliche Maschinen. Ein Schwerpunkt liegt auf der Elektromobilität, von der innerstädtischen elektrischen Mikromobilität und Verkehrskonzepten bis hin zu maritimen Anwendungen. Wir sind außerdem langjähriger Entwicklungspartner von Teams der Formel-E-Rennserie, für die wir Systemkonzepte und Software entwickeln. Neben diesen Branchen und Themen sind die Medizintechnik, die Bahntechnik und industrielle Anwendungen wichtige Standbeine unseres methodenbasierten, branchenübergreifenden Leistungsportfolios.

Worin unterscheidet sich die Robotik in der Medizintechnik von der Mobilität?

Gohlicke: In der Chirurgie ist das Thema Haptik und Steuerung extrem wichtig. Der Chirurg muss beim Führen des Roboters genau spüren, was er am Patienten fühlen würde: Operiert er am Knochen, an festem oder weichem Gewebe – das ist ein äußerst komplexes Feld. Daneben sind wir in der Gerätemedizin sehr aktiv – hier geht es zum Beispiel um Desinfektionsgeräte oder gesteuerte Mittelinjektionen – das ist enorm vielfältig. Und der dritte Bereich der Medizintechnik umfasst unterschiedliche Anwendungen im digitalen Gesundheitswesen, unter anderem auch die Überwachung von Patienten mit spezifischen Krankheiten oder Beeinträchtigungen.

Gib es bei ITK Synergien zu den übrigen Bosch-Geschäftsbereichen?

Gohlicke: Vor allem unter unseren Kunden im Bereich industrieller Anwendungen sind viele kleine und mittelständische Betriebe. Hier geht es viel um das Thema Optimierung der Energieverbräuche, aber wir entwickeln auch hochanspruchsvolle Software für Geschirrspüler oder Backöfen – die ihre Arbeitsvorgänge beenden, wenn das Geschirr sauber oder der Kuchen schön knusprig gebacken ist…(lacht)

Wie man es von Gaggenau kennt?

Gohlicke: (schmunzelt) …  

Ein weiteres großes Feld ist bei uns die Bahntechnik, die wir seit 2014 vorantreiben. Software-Entwicklung ist inzwischen ein sehr wichtiges Element für Innovationen in dieser Branche. Neben Anwendungen für die Bahninfrastruktur wird für moderne Triebfahrzeuge viel in Autonomie und Umfelderkennung investiert. Ein Beispiel ist die hochpräzise, kontinuierliche und hochverfügbare Lokalisierung der Züge. Ähnliche Herausforderungen meistern wir im Off-Highway-Bereich durch die Darstellung der Untergrundbeschaffenheit und eine Umfeld-Personenerkennung, die dem Fahrer und Personen in direkter Umgebung mehr Sicherheit bietet.

Themen, die denen von Bosch Engineering nicht so unähnlich sind – wo liegen hier die Unterschiede?

Rüger: Bei Bosch Engineering geht es in der Regel um Plattform- oder Feature-Entwicklung für mehrere Kunden. Da legen wir dann nicht alles offen und sichern unsere IP, da die Plattformen ja auch bei anderen Kunden zum Einsatz kommen sollen. Bei ITK geht es dagegen oft um exklusive kundenspezifische Features oder Einzelprojekte, für die ITK dann auch den Sourcecode schreibt. Die normativen Anforderungen an den Entwicklungsprozess sind mittlerweile enorm!

Beide Unternehmen arbeiten ja viel in der Vorausentwicklung und Konzeptionierung. Besteht da nicht auch die Gefahr, dass das Know-How von Kunden oder Dritten abgegriffen oder modifiziert wird?

Rüger: Alle Projekte sind bei uns IP-geschützt. Das, samt des Patentschutzes bieten schon eine Grundsicherheit. Aber auch IP ist ein stückweit vergänglich. Was heute neu und innovativ ist, wird es in zehn Jahren nicht mehr sein. Deshalb ist der beste Schutz die Weiterentwicklung!

Gohlicke: Volle Zustimmung. ITK als Entwickler von kundenspezifischen Systemen und Software legt sehr großen Wert auf das methodische Know-How und dessen kontinuierliche Weiterentwicklung in Zusammenarbeit mit Hochschulen und Universitäten, um weiter Trends zu setzen! Und das werden wir am Campus in Holzkirchen auch tun.

das Interview führte Gregor Soller

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