BMW/Daimler: ShareNow zieht die Reißleine

Vor einigen Tagen angekündigt, vollzieht das Joint-Venture jetzt erste Schritte und zieht sich aus dem Carsharing in Nordamerika und in offenbar wenig profitablen europäischen Städten zurück.

Rückzug auf Raten? Mit der Einstellung des Sharing-Geschäfts in Nordamerika und drei europäischen Städten verliert ShareNow ein Viertel seiner Kunden. | Foto: YourNow
Rückzug auf Raten? Mit der Einstellung des Sharing-Geschäfts in Nordamerika und drei europäischen Städten verliert ShareNow ein Viertel seiner Kunden. | Foto: YourNow
Johannes Reichel

Kurz nachdem das Joint-Venture von Daimler und BMW seine neuen Unternehmensstrukturen unter dem Dach einer Holding bekannt gegeben und eine Neuausrichtung beim Carsharing angekündigt hat, folgen jetzt konkrete Schritte: Der Anbieter zieht sich aus dem Geschäft in Amerika und größeren europäischen Städten komplett zurück. Von Ende Februar an wird der Dienst ShareNow in London, Brüssel sowie Florenz eingestellt. Man wolle sich auf die verbliebenen und erfolgreicheren 18 Standorte in Europa fokussieren, heißt es dazu aus dem Unternehmen. Diese würden ein profitables Wachstum versprechen, glaubt man. Damit verliert der Anbieter allerdings auch ein Viertel seiner Carsharing-Kunden, in Europa etwa 150.000, in Nordamerika 800.000. Es sei trotz aller Bemühungen nicht gelungen, ausreichend Kunden für den Dienst zu gewinnen. In den betreffenden Städten waren 4.700 Fahrzeuge im Einsatz.

Das mit großen Hoffnungen auf Synergieeffekte gestartete Joint-Venture war ohnehin schleppend angelaufen, eine gemeinsame App war verzögert fertiggestellt worden und ist erst seit November verfügbar. Vor einigen Tagen hatten die Anbieter bereits angekündigt, das Carsharing-Modell sei in  "entsprechender Prüfung im Hinblick auf eine Neustrukturierung". Man wolle das Geschäft aber "konsequent weiterentwickeln" und die Integration der beiden Dienste fortsetzen. Mit Budapest und Paris war das Angebot 2019 in zwei weiteren europäischen Großstädten gestartet.

Was bedeutet das?

Kein Zweifel, der Paradigmenwechsel, den der neue BMW-Chef Oliver Zipse zum Start seiner Amtszeit angekündigt hatte, schlägt schnell im operativen Geschäft durch: Nicht mehr Mobilitätsdienstleister wolle man werden, sondern wieder "back to the roots" primär Autohersteller sein. Es mutet ein bisschen an, wie ein Rückzug auf Raten, was jetzt im Geschäft der Mobilitätsdiensten passiert. Und dass man für "Kooperationen offen" ist, wie es vor einigen Tagen erneut aus dem Unternehmen hieß, deutet auch darauf hin, dass man im Münchener Vier-Zylinder-Hochhaus, aber auch im für stürmische und sparsamere Zeiten sich rüstenden Stuttgart-Untertürkheim eher früher als später den ganzen komplexen, chronisch margenschwachen "Mobilitäts-Krempel" loswäre. Ein Vertreter des einstigen Partners Sixt, noch üppig für seine Anteile an DriveNow ausbezahlt, hatte jüngst gegenüber VM geäußert, ohne das Vermietgeschäft wäre Carsharing nur schwerlich profitabel zu betreiben. Der Vermieter switcht hier völlig nahtlos den teuren Fuhrpark zwischen den beiden Geschäftsbereichen hin und her, ein unschätzbarer Vorteil, um für Auslastung der Flotte zu sorgen.  

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