BMW eröffnet Batteriekompetenzzentrum

Die Eröffnung des 200 Millionen Euro teuren Kompetenzzentrums war BMW wichtig: Auch CEO Oliver Zipse und Bayerischer Ministerpräsident Markus Söder waren dabei.

In der Nähe des Forschungs- und Ingenieurszentrums "FIZ" eröffnete BMW in der Lemgostraße sein Batteriekompetenzzentrum. | Foto: G. Soller
In der Nähe des Forschungs- und Ingenieurszentrums "FIZ" eröffnete BMW in der Lemgostraße sein Batteriekompetenzzentrum. | Foto: G. Soller
Gregor Soller

Noch immer wird die Nicht-Existenz eines europäischen Akkuzellherstellers allenthalben kritisiert. Dabei handelt es sich hierbei um ein Zuliefererteil wie Stahl, Kunststoffe oder Turbolader, welche die Autohersteller in er Regel auch nicht selbst entwickeln. Aber es ist hilfreich, zu verstehen, wie jedes einzelne Teil aufgebaut und – und das gilt bei BMW umso mehr für die Zelle. Denn nach wie vor habe man als „Bayerisch Motorenwerke“ laut Zipse den Anspruch, auch bei elektrifizierten und elektrischen Autos die „besten Motoren“ der Welt zu bauen und zum Gesamtpaket gehört im weitesten Sinne dann eben auch die Akkuzelle. Und die könnte man ab sofort in München zumindest bis zur Prototypenphase entwickeln und sogar herstellen. Das Ziel des neuen Kompetenzzentrums ist es, die Technologie der Batteriezelle voranzutreiben und die Produktionsprozesse vollständig zu durchdringen. CEO Oliver Zipse erklärt dazu:

„Das neue Kompetenzzentrum Batteriezelle bringt uns in eine einzigartige Position: Von der heutigen Technologie des BMW i3 ausgehend verdoppeln wir die Energiedichte unserer Batteriezellen bis 2030 und damit auch die Reichweite für unsere Kunden.“

Und da es hier um komplett andere Verfahren geht, hat man das Zentrum nicht ans Forschungs- und Ingenieurszentrum angebunden, sondern einen Kilometer entfernt davon in der Lemgostraße einen Neubau errichtet, in dem vor allem Chemiker, Physiker und Verfahrenstechniker arbeiten. Dabei rekrutierte man eine sehr junge Mannschaft und die Stimmung sei laut Andreas Raith, Head of Battery Technology bei BMW „sehr gut“. Für BMW-CEO Zipse ist die Batteriezell-Technologie auch ein zentraler Erfolgsfaktor der Elektro-Offensive:

„Denn dadurch lassen sich die funktionale Leistung und die Kosten der Batterie beeinflussen. Mit unserer einzigartigen Kompetenz entlang der gesamten Wertschöpfungskette sind wir immer auf dem neuesten Stand der Technologie. Wir können festlegen, welche Formate mit welchen Materialien wir zu welchen Konditionen beziehen. Damit sind wir bestens aufgestellt für den weiteren Roll-out unserer elektrifizierten Flotte.“

Der bayerische Ministerpräsident Söder brachte die Eröffnung auf den Punkt:

„Bayern, Batterien und BMW, das ist eine neue Dreifaltigkeit, die sich hier entwickeln könnte!“

Er bekräftigte einmal mehr, dass man Autoland sei und das auch bleiben wolle und begrüßte ausdrücklich die Ansiedelung von Tesla in Deutschland. Denn der Spirit sei hierzulande da, aber an Speed könne man durchaus noch etwas zulegen. Zumal Tesla auch das Thema KI für autonomes Fahren forciere. Deshalb richte man im Freistaat Bayern auch 100 Lehrstühle ein, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigten – so viele wie ganz Deutschland. Entsprechend freute er sich über das Akku-Kompetenzzentrum.  Das kann mit seinen 200 Mitarbeitern die gesamte Wertschöpfungskette der Batteriezelltechnologie abbilden, von der Forschung und Entwicklung über die Zusammensetzung und das Design der Batteriezelle bis hin zur Produzierbarkeit in Großserie. Mit dem neuen Kompetenzzentrum wird das gesamte Know-how gebündelt und die Basis für den weiteren Ausbau gelegt. Die Investition soll auch Arbeitsplätze und Schlüsselqualifikationen sichern, wie Stefan Schmid, stellvertretender Gesamtbetriebsratsvorsitzender der BMW AG erwähnt:

 „Als Gesamtbetriebsrat haben wir uns von Beginn an für das Kompetenzzentrum Batteriezelle eingesetzt. Die Arbeitnehmervertreter bei der BMW Group gestalten diese Zukunftsfelder der Automobilindustrie aktiv mit, um die spezifische Fachkompetenz unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen weiter zu fördern und damit auch im Prozess der Transformation langfristig Arbeitsplätze abzusichern.“

Im Fokus stehen dabei kundenrelevante Funktionen wie eine Verbesserung der Energiedichte, der abrufbaren Spitzenleistung, der Lebensdauer, der Sicherheit, der Ladeeigenschaften, des Verhaltens bei unterschiedlichen Temperaturen und die Senkung der Kosten der Batterie. Dabei setzt man auch auf eigene Forschung: Die Experten forschen ständig nach innovativen Materialien und vergleichen diese systematisch miteinander. Hieraus entstehen neue Materialsets für die einzelnen Haupt-Bestandteile der Batteriezelle: Anode, Kathode, Elektrolyt und Separator. Das Zusammenspiel der Materialien – die Zellchemie – leistet wiederum einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des Zelldesigns. Um jederzeit Zugriff auf die neuesten Entwicklungen und den neuesten Wissensstand zu haben, arbeitet die BMW Group entlang der gesamten Wertschöpfungskette weltweit mit etablierten Partnern zusammen. Die Kooperationen reichen von wissenschaftlichen Institutionen und Universitäten über etablierte Firmen bis hin zu Start-Ups.

Ganz neu ist das Thema jedoch nicht: Bisher wurde dafür eine Halle im Stammwerk „zweckentfremdet“ – die Ursprünge der Akku- und Zellforschung reichen dabei bis 2008 zurück. Bereits seit mehreren Jahren produziert das Labor selbst entwickelte Versuchszellen in kleinen Formaten. Bewährt sich eine Zelle in den ersten Tests zu Lebensdauer oder Ladeverhalten, wird sie in einem größeren Format weiteren Tests unterzogen. Hierfür steht eine ganze Testfeldhalle mit einer Vielzahl an Testvariationen zur Verfügung. Dabei können laut Peter Lamp, dem Leiter des neuen Kompetenzzentrums, Temperaturen von minus 40 bis plus 80 Grad simuliert werden. Und wie sieht Lamp die Zukunft der Feststoffzellen? Die seien „gar nicht mehr so weit weg“, wenngleich auch die aktuellen Lithium-Ionen-Akkus noch längst nicht ausgereizt seien.

Auch um die Nachhaltigkeit kümmert man sich: Die BMW Group veröffentlicht aktuell auf ihrer Webseite die Herkunftsländer für Kobalt (siehe hier).

Für die kommende, fünfte Generation der elektrischen Hochvoltspeicher hat das Unternehmen außerdem seine Lieferketten neu strukturiert und wird ab 2020 Kobalt und Lithium für Batteriezellen direkt einkaufen. Damit ist eine vollständige Transparenz über die Herkunft dieser beiden wichtigen Batterie-Rohstoffe gegeben. Die Lieferverträge sollen zudem eine Versorgungssicherheit bis 2025 und darüber hinaus garantieren. Kobalt wird künftig direkt aus Minen in Australien und Marokko bezogen, Lithium unter anderem aus Australien. In Kongo betreut man nur noch ein „Pilotprojekt“ einer kleinen Mine, die in der Umgebung auch für bessere Lebensbedingungen sorgen soll.

Ziel ist es laut Peter Zisch, BMW Group Purchasing and Supplier Network, Head of Plastics, Chemical Products, Process Materials, die Arbeitsbedingungen bei der Kobaltgewinnung generell zu erhöhen. Dazu gehöre auch, den Menschen im Kongo Alternativen zur Minenarbeit aufzuzeigen, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Aktuell importiere der Kongo große Mengen an Nahrungsmitteln aus Sambia, obwohl man hier selbst aktiv werden könne.  

Auch das Thema Recycling wird im München „mitgedacht“: Allerdings besteht hier bisher fast kein Rücklauf, da die Batterien laut Zisch in der Praxis eher länger hielten als einst angenommen, was allerdings auch für alle Fremdfabrikate gelte. Für Batterien, die auch als Stationärspeicher nicht mehr verwendet werden können, verfolgt hat man trotzdem ein durchdachtes Recycling der Batteriezellen aufgesetzt. Jetzt werden diese und weitere Recycling-Methoden in einen industriellen Maßstab überführt. Dies macht das Unternehmen wieder gemeinsam mit Partnern. Das Ziel ist eine Recyclingquote von über 90 Prozent zu erreichen. Mit ersten signifikanten Rückläufen rechnet Zisch aber nicht vor 2025.

Der Anteil elektrifizierter Fahrzeuge soll massiv wachsen: in Europa sollen es 2021 bereits ein Viertel aller verkauften Fahrzeuge der BMW Group sein. 2025 sollen sie bereits ein Drittel und 2030 die Hälfte aller in Europa verkauften Fahrzeuge ausmachen. Deshalb möchte man ab 2023 in Summe 25 elektrifizierte Autos anbieten. Mehr als die Hälfte der 25 Modelle wird vollelektrisch sein. Im Vergleich zu 2019 soll sich der Absatz elektrifizierter Fahrzeuge bis 2021 verdoppeln und zudem soll jedes Jahr der Absatz der elektrifizierten Fahrzeuge um durchschnittlich über 30 Prozent steigen. Das Schlusswort hatte einmal mehr Markus Söder, dessen erstes Auto auch ein BMW war, ein nicht mehr ganz so frischer 316i. Er wünschte der BMW-Mannschaft:

„Möge die technologische Macht mit Euch sein!“

Was bedeutet das?

Ganz großer Bahnhof in München: Mit dem Kompetenzzentrum Batterie steigt BMW tief in die Akkutechnik ein – bis auf Zellebene. Und wüsste auch, wie man Zellen fertigt. Denn das Zell-Know-How betrachten die Münchner als „Teil des Antriebsstrangs“, bei dem man ganz dem Firmennamen „Bayerische Motorenwerke“ verpflichtet ist. Die Zellfertigung selbst wird man aber eher nie aufnehmen, den im großindustriellen Stil sei das nochmal eine andere Hausnummer.

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