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BEE-Studie: Verkehrswende und Klimaziele in Gefahr - Elektro-Hochlauf stockt

Tiefe Analyse des Bundesverbands Erneuerbare Energien zeichnet ein trübes Bild der Antriebswende bis 2045. Nicht nur die 2030er-Ziele bei E-Autos sind in Gefahr, sondern die gesamte Mobilitätswende. E-Fuels sind auf absehbare Zeit keine kostenadäquate Alternative zum E-Antrieb. Dramatisch: In allen Szenarien klafft eine Lücke.

Stockende Verkehrswende: Der BEE schlägt Alarm und sieht selbst im optimistischsten Szenario eine große Klimaschutzlücke des Sektors. | Foto: BEE
Stockende Verkehrswende: Der BEE schlägt Alarm und sieht selbst im optimistischsten Szenario eine große Klimaschutzlücke des Sektors. | Foto: BEE
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Johannes Reichel

Deutschland wird seine Elektromobilitätsziele bis 2030 aller Wahrscheinlichkeit nach verfehlen, sofern sich die aktuelle Verzögerung im Markthochlaufs bei elektrischen Fahrzeugen fortsetzt. Das ist das Fazit einer Studie des Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE). In der ausführlichen Analyse entwarf der Verband drei Verkehrsszenarien und untersuchte, wie sich die Treibhausgasemissionen im Verkehrssektor bis 2045 entwickeln, wenn die Annahmen für die E-Mobilität, die Verkehrsnachfrage, die Effizienz und die Verkehrsverlagerung variieren. Ziel der Bundesregierung ist es eigentlich, bis 2030 mindestens 15 Mio. vollelektrische PKW (BEV) auf die Straße zu bringen. Um das zu schaffen, müsste sich laut BEE der Neufahrzeugverkauf von 525.000 BEV im Jahr 2023 in den nächsten drei Jahren vervierfachen und bis 2030 versechsfachen. Der Anteil von BEV am gesamten PKW-Absatz müsste entsprechend von 18 Prozent auf schließlich fast 100 Prozent pro Jahr bis 2030 steigen. Zudem müssten die Zulassungen von E-LKW in der gleichen Größenordnung zunehmen. In allen drei Verkehrsszenarien werden laut BEE jedoch die CO2-Minderungsquoten aus dem Klimaschutzgesetz (KSG) nicht erreicht.

"Die Verkehrswende in Deutschland befindet sich auf Crashkurs mit den Klimazielen", kommentierte BEE-Präsidentin Simone Peter die Studie. Deutschland müsse "alle verfügbaren Register für eine klimafreundliche Mobilität ziehen".

Dazu zählen nach ihrer Ansicht ein schneller Ausbau der erneuerbaren Energien sowie ein großflächiger Ausbau der Ladeinfrastruktur. Laut Verband könne jedoch selbst eine deutlich schnellere Elektrifizierung sowie Regionalisierung des Verkehrs die Emissionslücke bis 2030 nicht decken. Der BEE wirbt daher auch für Biokraftstoffe.

"Trotz technologischer Erfolge in der Elektrifizierung von Lkw oder anderen Nutzfahrzeugen gibt es allein im land- und forstwirtschaftlichen sowie im Sonderverkehr - der beispielsweise Feuerwehr-, Polizei- oder Baustellenfahrzeuge umfasst - etwa zwei Millionen Fahrzeuge, die in absehbarer Zeit nicht oder nur schwer elektrifizierbar sind", erklärte Peter.

Für diese Fahrzeuge stellten Biokraftstoffe und später eventuell auch E-Fuels eine alternative Option zu fossilen Kraftstoffen dar. Der Verband fordert eine höhere Beimischungsanteile und die Anrechnung von Biokraftstoffen auf die CO2-Flottenemissionswerte. Der Verkauf von E-Autos war zuletzt stark eingeknickt. Im Februar wurden 15,4 Prozent weniger E-Autos zugelassen als im Vorjahresmonat.

In allen drei Szenarien eine große Deckungslücke

Die BEE-Analyse ergibt, dass in allen drei Szenarien eine sehr große Deckungslücke verbleibt, die geschlossen werden muss, um die Treibhausgasziele des Klimaschutzgesetzes im Verkehr umzusetzen. Der zusätzliche Minderungsbedarf ist mit 38 Mio. t CO2 im Jahr 2030 am höchsten, wenn wie im Szenario TREND das E-Mobilitätsziel der Bundesregierung von 15 Mio. vollelektrischen PKW deutlich verfehlt wird. Wenn der jetzige Verlangsamung des Markthochlaufs sich fortsetzt, wird die schnelle Elektrifizierung des PKW- und LKW-Sektors gefährdet. Bis 2030 müssen sich die Neuzulassungen von Elektrofahrzeugen versechsfachen. Es besteht damit dringender Handlungsbedarf, um die Zulassungen wieder auf das notwendig hohe Niveau zu bringen.

Aber selbst mit einer sehr ambitionierten Elektromobilitätsentwicklung und einer Regionalisierung der Mobilität („Stadt und Region der kurzen Wege“, Konsum regionaler Produkte) werden die Klimaschutzziele mit 15 Mio. t CO2eq im Jahr 2030 verfehlt. Deswegen müssen alle Erneuerbaren-Optionen genutzt werden. Im Zentrum steht dabei die schnelle Elektrifizierung, aber auch Biokraftstoffe, E-Fuels und Effizienz- und Verkehrsverlagerung müssen in geeigneten Maßen umgesetzt werden, um die Klimaschutzziele im Verkehrssektor zu erreichen. Biokraftstoffe bleiben auch in Zukunft eine wichtige Stütze im Verkehrssektor und eine moderate Produktionssteigerung ist bis 2030 ist sogar bei gleichzeitiger Senkung von Anbaubiomasse möglich.

    E-Fuels sind keine kosteneffiziente Alternative

    Die BEE-Analyse ergibt außerdem, dass E-Mobilität gegenüber E-Fuels deutlich günstiger für die Umsetzung der Klimaschutzziele ist. E-Fuels werden wahrscheinlich selbst bei optimalen Annahmen noch lange gefördert werden müssen. Zudem ist es noch sehr unsicher, ob 2030 ausreichende E-Fuel-Mengen für die Lückenschließung im Verkehr verfügbar sind, weil gleichzeitig die große Nachfrage nach grünem Wasserstoff in anderen Sektoren (v.a. Industrie) gedeckt werden muss.

    Technologiemix notwendig

    Neben der Förderung des oben genannten Technologiemixes, wird ein Bündel von Instrumenten notwendig sein, um die zu erwartende Klimaschutzlücke zu schließen. Dazu gehören die Verbesserung der CO2-Bepreisung (BEHG) und die Ausweitung und CO2-Differenzierung der LKW-Maut. Zudem muss die THG-Quote im Verkehr angehoben werden, um Mehrfachanrechnungen zu kompensieren. Zur Förderung der Biokraftstoffe sollten höhere Beimischungsanteile zugelassen und weitere Maßnahmen wie die Anrechnung von Biokraftstoffen auf die CO2-Flottenemissionswerte ermöglicht werden.

      Weitere Kernerkenntnisse der Studie im Detail:

      • Im TREND-Szenario der BEE-Analyse mit 10 Mio. vollelektrischen PKW im Jahr 2030 verbleibt eine Deckungslücke von 38 Mio. t CO2eq, die geschlossen werden muss, um die Minderungsziele des KSG umzusetzen (siehe Abbildung 2, Szenario TREND).
      • Selbst beim Erreichen der Ziele für die Elektromobilität und sehr ambitionierten Effizienz- und Verkehrsverlagerungsannahmen betragen die Mehremissionen im Jahr 2030 24 Mio. t CO2eq im Szenario AMBIT.
      • Deswegen werden in einem dritten Szenario REGIO weitere Klimaschutzmaßnahmen umgesetzt, indem Verkehr durch eine Regionalisierung der Mobilität vermieden wird. Trotzdem werden auch in diesem Szenario die Klimaschutzziele um 15 Mio. t CO2eq im Jahr 2030 verfehlt.
      • Für das Schließen der Deckungslücke sind weitere Maßnahmen wie die Steigerung der Biokraftstoffnutzung, ein schnellerer Hochlauf der Elektromobilität und Verkehrsverlagerungen oder -minderung und der Einsatz von E-Fuels (mit Wasserstoff und synthethischen Kraftstoffen, die mit Erneuerbaren Energien erzeugt wurden) notwendig. Alle Optionen müssen genutzt werden. Ein signifikanter Beitrag von E-Fuels ist aber auf Grund der zu erwartenden sehr geringen Mengen bis 2030 nicht zu erwarten.
      • Eine etwa 25-prozentige Steigerung der nachhaltigen Biokraftstoffmenge gegenüber dem Höchstwert der letzten Jahre ist möglich. Der Großteil dieses Anstiegs wird durch Biokraftstoffe aus biogenen Reststoffen der Agrar- und Forstwirtschaft, Industrie und Haushalte gedeckt. Mit den zusätzlichen Biokraftstoffen können rund vier Mio. t CO2 der Deckungslücke gefüllt werden.
      • Die danach verbleibende Lücke kann über weitere Maßnahmen gefüllt werden. Dazu zählen unter anderem E-Fuels, weitere Verkehrsverlagerung und -minderung und Tempolimit.
      • Durch den Ausbau der Elektromobilität ist ein deutlicher Anstieg des Stromverbrauchs zu erwarten. Es muss sichergestellt werden, dass der zusätzliche Strombedarf aus Erneuerbaren Energien gedeckt wird, damit keine zusätzlichen Emissionen im Stromsektor (Energiewirtschaftssektor nach KSG) entstehen. Deswegen muss der Ausbau der Erneuerbaren Energien im Stromsektor entsprechend zunehmen.
      • Ein Vergleich von aktuellen Studien zu den Kosten von E-Fuels zeigt, dass selbst die Studie mit den niedrigsten Annahmen zu den Herstellungskosten von E-Fuels 2030, bei der Annahme eines nicht zu erwartenden Strompreises von nur 1ct/kWh, noch leicht über und erst 2050 deutlich unter dem fossilen Großhandelspreis liegen (siehe Abbildung 3). Im Falle der Studie mit den höchsten Preiserwartungen an die Herstellungskosten von E-Fuels betragen diese sowohl 2030 als auch 2050 ein Vielfaches der heutigen Kraftstoffpreise. Die Nutzung von E-Fuels sollte auf die Verkehrsbereiche begrenzt werden, in denen eine direkte Elektrifizierung sowie die Nutzung von Wasserstoff und Biokraftstoffe nicht möglich sind.
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