BDI und BCG mahnen rasante Transformation in der Mobilität an

Umbau zu Klimaneutralität als gesamtgesellschaftliche Mammutaufgabe, die 860 Milliarden Euro Mehrinvestitionen bis 2030 erfordert. Stakeholder mahnen klare Weichenstellungen für Klimaschutz und Infrastrukturoffensive an, die eine Chance für die Modernisierung böten. Instrumentenmix mit 21 Vorschlägen für Transformation in ein klimaneutrales Industrieland, Elektrifizierung im Verkehr.

Klimaschutzwunderland: Für Deutschland bietet die Transformation gewaltige Chancen, ein Vorreiter zu werden und auch die Energieabhängigkeit zu reduzieren. | Grafik: BCG/Screenshot
Klimaschutzwunderland: Für Deutschland bietet die Transformation gewaltige Chancen, ein Vorreiter zu werden und auch die Energieabhängigkeit zu reduzieren. | Grafik: BCG/Screenshot
Johannes Reichel

Um die Klimaschutzziele bis 2045 zu erreichen hält die Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) Mehrinvestitionen in Billionenhöhe und schon für das Etappenziel bis 2030 Investitionen von rund 860 Milliarden Euro für erforderlich. Das geht aus der gemeinsamen Studie „Klimapfade 2.0“ des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) hervor. Die Kooperationspartner präsentieren damit eine detaillierte Machbarkeitsstudie, wie sich auf nationaler Ebene in den vier Sektoren Industrie, Verkehr, Gebäude und Energiewirtschaft die ehrgeizigen Klimaschutzziele einer Reduktion der Treibhausgase um minus 65 Prozent bis 2030 und Treibhausgasneutralität im Jahr 2045 erreichen lassen.

Deutschland stehe vor der größten Transformation in der Geschichte der Bundesrepublik. Das Ziel Treibhausgasneutralität bis 2045 sei extrem ambitioniert, die Umsetzung der benötigten Klimaschutzmaßnahmen erfordere allein bis 2030 Mehrinvestitionen von etwa 100 Milliarden Euro pro Jahr, prognostiziert BDI-Präsident Siegfried Russwurm bei der Vorstellung der Studie am Donnerstag in Berlin.

„Uns läuft die Zeit davon; politische Grundsatzentscheidungen zur Umsetzung der Klimaziele sind überfällig. Deutschland braucht jetzt einen großen Aufbruch mit einem historischen und schnellen Wirtschaftsprogramm für die Zukunft des Standortes", warnt Russwurm weiter.

Verkehr vor massivem Hochlauf der Elektromobilität

Die Studie zeigt für den Mobilitätsbereich: Der frühzeitige und ambitionierte Ausbau der Lade- undWasserstofftankstelleninfrastruktur stellt die zentrale Voraussetzung für den Hochlauf vollelektrischer Pkw-Neuzulassungen auf 90 Prozent und elektrischer und brennstoffzellenbetriebener Lkw auf über 70 Prozent im Jahr 2030 dar.

„Der Ausbau der Lade- und Wasserstofftankstelleninfrastruktur wird bis 2030 insgesamt 74 Milliarden Euro an Investitionen in Anspruch nehmen. Damit dieser Ausbau mit dem nötigen Vorlauf gelingt, werden weiterhin umfassende staatliche Investitionsförderungen notwendig sein“, erklärt Jens Burchardt, BCG-Klimaexperte und Co-Autor der Studie.

Trotz dieser umfangreichen Elektrifizierung der Neufahrzeuge und des Ausbaus des Schienenverkehrs würden auch 2030 mehr als 30 Millionen Pkw mit Verbrennermotor auf der Straße sein. Die Erreichung des Emissionszieles werde daher auch Anreize für den Einsatz von strombasierten Kraftstoffen und Biokraftstoffen im gesamten Verkehrssektor erfordern, glauben die Autoren.

Trotz Elektrifizierung große Nachfrage für Wasserstoff und strombasierte Kraftstoffe

Eine Chance sieht man in Sachen Energieautarkie: Durch die umfassende Elektrifizierung von Straßenverkehr, Gebäuden und Industriewärme werde Deutschland seine Energieabhängigkeit vom Ausland reduzieren. Trotzdem werden bis 2045 für schwer dekarbonisierbare Anwendungen wie in Stahl, Chemie und Flugverkehr Importe von ungefähr 433 Terawattstunden grünen Wasserstoffs und strombasierter Kraftstoffe benötigt, in Euro ungefähr die Hälfte des Wertes heutiger fossiler Importe, so die Autoren. Um bereits im Jahr 2030 etwa 50 Terawattstunden strombasierte Kraft- und -Brennstoffe zu importieren und nach 2030 die Anbindung Deutschlands an ein internationales Wasserstoffnetz zu realisieren, gelte es bereits in dieser Dekade, neue globale Energiepartnerschaften zu schließen.

Umsteuern und zwar schnell

Für die kommende Bundesregierung heiße es, umzusteuern und schnell Impulse für einen Investitionsturbo zu setzen – insbesondere für einen massiven Aus- und Neubau von Strom-, Wasserstoff- und Ladeinfrastrukturen, für die Erzeugung erneuerbaren Stromes und Wärme, für Elektromobilität und Schienennetze. Dabei stünden nicht ausschließlich monetäre Aspekte im Vordergrund, sondern auch die schnelle Umsetzung, zum Beispiel durch deutlich straffere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Gleichzeitig müssen auf dem Weg zur Treibhausgasneutralität 2045 die Weichen für neue internationale Energiepartnerschaften für den Import grüner Energieträger gestellt werden, ebenso wie für signifikante CO2-Senken.

„Einfache Antworten greifen angesichts der komplexen Transformationsaufgabe zu kurz. Deutschland braucht so schnell wie möglich einen breiten Instrumentenmix mit übergreifenden und sektorspezifischen Maßnahmen, um zügig Infrastruktur aufzubauen, fossile Brennstoffe zu verteuern, erneuerbare Technologien günstiger und die Kosten für Bürgerinnen und Bürger sowie Unternehmen tragbar zu machen. Nur so kann die Transformation zu einem klimaneutralen Land gelingen", meint  sagte Patrick Herhold, verantwortlicher BCG-Partner und Co-Autor der Studie.

Die Herausforderung, der Handlungsdruck und die Risiken seien immens. Die aktuelle Klimapolitik reicht in keinem Sektor aus“, warnte BDI-Präsident Russwurm. Eine solch umfassende Transformation unserer Wirtschaft brauche eine zentrale strategische Steuerung in der Regierung. „Klimaschutz muss Chefsache werden“, verlangte Russwurm.

Wie es gehen könnte: 21 zentrale Instrumente

In der Studie werden insgesamt 21 zentrale politische Instrumente für die Umsetzung der notwendigen Klimaschutzmaßnahmen sowie weitere Vorschläge präzisiert, damit der komplexe Veränderungsprozess ohne soziale und ökonomische Brüche ablaufen kann. „Dem globalen Klimaschutz wäre nicht gedient, wenn die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen und der europäischen Industrie auf der Strecke bliebe“, unterstrich der BDI-Präsident.

„Wollen wir global Vorbild dafür werden, dass Klimaschutz und Wohlstand vereinbar sind, müssen wir im Alltag beweisen, dass und wie es uns gelingt.“

Historisch, aber nicht ohne Beispiel: Hälfte des Aufbau Ost

Dabei sollten nationale und europäische Pläne konsistent sein. Die Studie zeigt auf, dass die staatliche Unterstützung der Transformation und der Ausgleich für besonders belastete private Haushalte und Unternehmen bis 2030 bis zu 280 Milliarden Euro netto in Anspruch nehmen würden – nach Abzug der Einnahmen aus einer höheren CO2-Bepreisung. „Das finanzielle Ausmaß der Transformation ist historisch, aber nicht ohne Beispiel. Gemessen am deutschen Bruttoinlandsprodukt liegen die notwendigen staatlichen Ausgaben für Klimaschutz zum Beispiel knapp bei der Hälfte des Aufbaus Ost“, sortiert Jens Burchardt, BCG-Klimaexperte und Co-Autor der Studie ein.

Breite Legitimierung erforderlich

Umfang, Geschwindigkeit und Dauer sowie die faire Verteilung der Kosten und Lasten der Klimatransformation erfordern eine breite und dauerhafte Legitimierung in der Bevölkerung. „Zur Erreichung der deutschen Ziele müssen viele Veränderungen extrem kurzfristig passieren. Deutschland ist aktuell weder regulatorisch noch gesellschaftlich auf die enorme Geschwindigkeit der Transformation vorbereitet, die nun vor uns liegt“, glaubt Herhold.

"Trotz aller Anstrengungen ist eine erfolgreich umgesetzte Klimawende eine historische Chance zur Erneuerung unserer Volkswirtschaft, Infrastruktur und industriellen Basis – und somit die Grundlage für unseren Wohlstand im 21. Jahrhundert", appelliert Herhold.

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